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Stauschild

Stau auf deutschen Autobahnen - man braucht starke Nerven, um das tägliche Verkehrschaos zu ertragen. - Foto: Johannes Simon/Getty Image

Deutschland bröckelt

Zwischen Schlagloch, Stau und Maut

Ein Fünftel der Autobahnen und fast die Hälfte der Brücken sind marode. Skandal! Wer schuld ist, was getan werden muss.

Elf Kilometer Stau auf der A 8 von Karlsruhe nach Stuttgart, 17 Kilometer auf der A 7 von Hannover nach Hamburg. Vollsperrung der Rheinbrücke in der Pfalz, die Rader Brücke in Schleswig-Holstein nur eingeschränkt befahrbar. Man braucht starke Nerven, um das tägliche Verkehrschaos zu ertragen. Hauptursache: Nie zuvor waren unsere Straßen und Brücken nach Angaben von Experten in einem derart schlechten Zustand wie heute. "Es ist über viele Jahre zu wenig in den Erhalt unserer Infrastruktur investiert worden", gibt selbst Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt im Interview mit HÖRZU zu. Die Folge: 20 Prozent der Autobahnen, jede dritte Bundesstraße und fast die Hälfte der Landstraßen sind sanierungsbedürftig.


TV-Tipp

Mi, 16.7.: "ZDF ZOOM: Kaputt gespart - Droht uns der Verkehrsinfarkt?" Report von Thorsten Mehltretter; ZDF, 22.45 Uhr


Baufällige Brücken

Tausende unserer aktuell 39.000 Brücken müssten bis 2030 erneuert werden, denn ein Großteil von ihnen ist älter als 40 Jahre. Ihre Tragfähigkeit leidet, sie drohen in die Knie zu gehen – vor allem wegen des starken Güterverkehrs. Und der wird laut jüngsten Prognosen des Verkehrsministeriums von 2010 bis 2030 noch einmal um erschreckende 38 Prozent zunehmen.

Brücken sind auch deshalb ein neuralgischer Punkt, weil hier viele Verkehrsadern zusammenfließen und Ersatzstrecken schwer einzurichten sind. So kommt es, dass etwa die Rheinbrücke kurz vor dem Kollaps steht. "Sie ist wie eine Oma auf der Intensivstation, die man mit allen Mitteln am Leben zu halten versucht. Aber man weiß nie, wann das Herz aufhört zu schlagen", beschreibt ein Brückeningenieur das Dilemma in der ZDF-Doku "Kaputt gespart: Droht uns der Verkehrsinfarkt?" (s. auch TV-Tipps rechts). Das Problem hat man auch im Bundesverkehrsministerium erkannt. Daher soll in den nächsten Jahren zusätzlich eine Milliarde Euro in die "Brückenertüchtigung" fließen. Diese Summe allerdings benötigt schon allein Nordrhein-Westfalen.

Jährlich fehlen Milliarden Euro

Der Streit ums Geld hat Methode. Bund und Länder schieben sich den schwarzen Peter zu. Der Bund bezahlt für die Bundesstraßen, die Länder koordinieren den Bau vor Ort. In den Ausschreibungsverfahren werden die Kosten in der Regel kleingerechnet, später explodieren sie dann. So kam es auch, dass die Kalkulation für die 2008 geplante Trasse der B 243 im Südharz mit 60,2 Millionen Euro zunächst moderat ausfiel, am Ende aber hatte sich die Summe um 60 Prozent erhöht: auf 98 Millionen. Doch wer soll die Mehrkosten tragen? Die Länder, die permanent klamm sind, fühlen sich nicht zuständig. Ebenso wenig rund läuft es bei der Absprache zwischen den einzelnen Ländern. Bauvorhaben werden überregional nicht abgesprochen oder gar gemanagt. Die Löcher in den Straßen und in den Etats aber werden immer größer.

Wie sich das wirtschaftlich auswirkt, hat Doku-Produzent Thorsten Mehltretter selbst ausprobiert. Als Beifahrer in einem Lkw absolvierte er die Strecke von Bremerhaven über Hildesheim nach Hamburg und zurück: "560 Kilometer, die wir nicht an einem Tag mit zehn Stunden reiner Fahrzeit geschafft haben." Das erhöhe nicht nur die Preise: "Wenn die Lkw nicht mehr zu den Häfen kommen, haben wir ein Problem", meint Mehltretter. Global agierende Unternehmen würden ihre Waren dann eben über ausländische Häfen umleiten.

Der Bund reagiert zwar und erhöhte die "Erhaltungsmittel": von rund 1,9 Milliarden Euro 2011 auf 2,6 Milliarden in diesem Jahr. Doch das ist viel zu wenig. Tatsächlich fehlen 7,2 Milliarden pro Jahr. Im Ganzen könnten die Reparaturen den Steuerzahler Milliarden kosten. Dabei zahlen Autofahrer schon jetzt eine Menge: Etwa 50 Milliarden nimmt die Bundesrepublik pro Jahr durch Mineralöl- und Kfz-Steuer sowie Lkw-Maut ein. Theoretisch genug, um neue Straßen zu bauen und das Verkehrsnetz instand zu halten. Doch 2013 flossen nicht einmal 20 Milliarden Euro zurück in Verkehrsprojekte. "Unsere Infrastruktur ist das zentrale Nervensystem unserer Gesellschaft, deshalb müssen wir investieren", bestätigt Dobrindt. "Das Motto lautet: Erhalt und Modernisierung vor Neubau. Die Sicherung der Substanz hat höchste Priorität."

Pkw-Maut

Um das zu finanzieren, plädiert Dobrindt weiter für sein Steckenpferd, die Pkw-Maut für alle. "Die Mehreinnahmen fließen ausschließlich in die Modernisierung der Autobahnen und Bundesstraßen". Die Entscheidung soll im Sommer fallen. Ein wenig Linderung der verfahrenen Situation verspricht Dobrindt immerhin für die Sommerferien durch das zusätzliche Samstagsfahrverbot für Lkw: "Im Juli und August gilt an Samstagen: Autobahnen und Bundesstraßen der Haupt-Reiserouten bleiben brummifrei. Das bedeutet weniger Stau, mehr Platz für Pkw und einen stressfreien Urlaubsbeginn." Wünschen kann man sich das ja.

Autor: Sabine Goertz-Ulrich