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Deutschland-Saga mit Christopher Clark

Historiker Christopher Clark ist auf seiner Reise durch die deutsche Geschichte vor dem
Brandenburger Tor in Berlin angekommen. - Foto: © ZDF und Harry Schnitger

Was ist typisch deutsch?

ZDF zeigt Dokureihe "Deutschland-Saga"

Die Dokureihe "Deutschland-Saga" erkundet, was heute noch typisch deutsch ist. Und warum. Unsere Seele erklärt uns dabei ausgerechnet: ein Australier.

Der beste Freund: der Hund. Die Lieblingsbeschäftigungen: Auto putzen, Paragrafen schreiben, Verbotsschilder aufstellen. Und über allem steht: König Fußball. Sind wir das wirklich? Und wenn ja, warum? Das ZDF will es herausfinden und begibt sich mit der sechsteiligen Dokureihe "Deutschland-Saga" auf Entdeckungsreise zu den Wurzeln unserer Nation.


TV-Tipp

So., 30.11.: "Deutschland-Saga" - Woher wir kommen: Auftakt der Reihe zu den Ursprüngen des Landes, ZDF, 19.30 Uhr (s. auch TV-Tipps rechts)


Durch die Sendung führt allerdings kein Deutscher, sondern Prof. Christopher Clark, ein gebürtiger Australier, heute Historiker an der Universität Cambridge. Doch was bringt einen Mann vom anderen Ende der Welt dazu, sich so für uns zu interessieren? "Deutschland ist das Land von Johann Sebastian Bach, Wim Wenders – und Hitler. Wie das alles zusammenpasst, fasziniert mich bis heute", sagt Prof. Clark. Deshalb braust der Historiker in einem roten Käfer Cabrio kreuz und quer durch die Lande, besucht symbolträchtige Orte wie die Wartburg oder Weimar und untersucht dabei, was Deutschland wirklich ausmacht.

Historische Vielstaatlichkeit Deutschlands

Clark: "Es ist vor allem die Vielfalt Deutschlands, die mich beeindruckt." Kein Wunder, schließlich nennt man es das Land der Dichter und Denker, das Land der Tüftler und Bastler, das Land der Burgen und Schlösser, das Land der Wälder und Schrebergärten. Das Land, in dem es für alles Verordnungen gibt. Das Land der 1500 Sorten Wurst. Viele dieser Traditionen und Eigenschaften haben ihren Ursprung in der historischen Vielstaatlichkeit Deutschlands, denn früher war es eine Art Flickenteppich, eine Ansammlung von Fürstentümern und Königreichen. "Manchmal wundert es mich, dass die Deutschen es überhaupt geschafft haben, eine Nation zu bilden", so Clark. "Über Jahrhunderte hinweg war Deutschsein etwas sehr Abstraktes."

Deutsche Pünktlichkeit

Ganz im Gegensatz zu heute, wo Klischees und Vorurteile vorgeben, wie ein Deutscher bitte zu sein hat. Das fängt mit den viel beschworenen "deutschen Tugenden" an: zuverlässig, fleißig, pünktlich, diszipliniert. So weist die US-Botschaft in Berlin amerikanische Neuankömmlinge darauf hin: "Eine Einladung zum Abendessen um acht kann alles bedeuten zwischen 19:59 Uhr und 20:00 Uhr." Der Pünktlichkeitswahn hat eine lange Tradition, vermutet der Statistiker und Buchautor Prof. Walter Krämer ("Typisch deutsch", Berlin University Press, 280 S., 24,90 €): "In unseren unwirtlichen Breiten konnten die Menschen früher nur überleben, wenn sie sich koordiniert haben." Dafür brauchten sie jede Menge Disziplin – und mussten besonders zuverlässig sein. Krämer: "Nur so konnte sich bei uns eine hoch entwickelte Tauschkultur ausprägen."

Präzision und Perfektionismus

Präzision und Perfektionismus – ebenfalls Attribute mit einer langen Geschichte. "In Deutschland war und ist das Handwerk ein wichtigerer Wirtschaftszweig als in anderen Ländern", erklärt Krämer. "Im Lauf der Jahrhunderte hat sich dadurch ein Wettbewerbsvorteil entwickelt." Bis "Made in Germany" schließlich zum absoluten Qualitätssiegel wurde. Mit kleinen und großen Erfindungen verändern deutsche Tüftler und Bastler die Welt – vom Teebeutel bis zum Automobil, von der Druckerpresse bis zur Thermosflasche. Bei so viel Ideenreichtum bleiben andere Eigenschaften auf der Strecke. "Der Deutsche hat seinen Witz in den Fingern", heißt ein uraltes Sprichwort. Es ist ja nicht so, dass wir nicht lachen. Nur will offenbar niemand mit uns lachen. Schon gar nicht jene Hollywoodstars, die auf der "Wetten, dass ..?"-Couch Platz nehmen durften. Das US-Magazin "New Republic" nannte die Sendung den "größten Albtraum" für Prominente – und bestätigt damit ein altes Klischee über Deutsche: "humorlos, seltsam, mit einem schrecklichen Kleidungsgeschmack".

Misstrauen und Pessimismus

Ebenfalls wenig schmeichelhaft: "Die Deutschen sind misstrauisch – untereinander und gegenüber anderen", findet Prof. Clark. Hinzu kommen: eine gehörige Portion Skepsis und Pessimismus, die berüchtigte "German Angst". Der Statistiker Krämer wollte es genau wissen und messen, wie hysterisch Deutsche sind. Deshalb hat er Panikmeldungen in internationalen Tageszeitungen verglichen. Sein Fazit: "Ob BSE, Schweinegrippe oder dioxinbelastete Eier: Die Deutschen sind Weltmeister im Angstmachen und Angsthaben." Eine Spätfolge großer Kriegserlebnisse, angefangen vom Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert über den Zweiten Weltkrieg bis hin zum Kalten Krieg, glauben Soziologen.

Die Wanderlust

Zum deutschen Lebensgefühl gehört allerdings auch: die Wanderlust, die Vorliebe für Bäume und alles, was grünt und blüht. "Das höchste germanische Heiligtum war eine Eiche", hält Clark fest. Spätestens im 19. Jahrhundert ist gleich der gesamte Wald ins öffentliche Bewusstsein gerückt. "Da verklärten Dichter, Musiker und Maler den Wald zur Idylle, zum Raum des Rückzugs und der Ruhe", sagt Krämer. Gleichzeitig nahm auch das Umweltbewusstsein zu. "Der Naturschutz wurde in Deutschland erfunden", so der Statistiker. "Das erste offizielle und staatlich geschützte Naturschutzgebiet der Welt war ab 1836 der Drachenfels am Rhein."

Die Sparsamkeit

Eine längere Tradition hat die deutsche Sparsamkeit. Schon im 13. Jahrhundert klimperten hierzulande Münzen in Sparschweinen: Die älteste Spardose dieser Form wurde in Thüringen nachgewiesen. "Und die erste Sparkasse wurde 1778 in Hamburg gegründet", weiß Krämer. "Noch heute legen Deutsche mehr auf die hohe Kante als etwa Franzosen oder Amerikaner."

Deutsche Küche

Auch wenn das deutsche Essen international nicht gerade als "Haute cuisine" gilt, zwei Traditionen sind ganz besonders deutsch: Würste und Brot. Bratwurst, Currywurst, Blutwurst, Leberwurst – rekordverdächtige 1500 Sorten haben wir im Angebot. Auch im Brotbacken kann uns keiner etwas vormachen: 500 verschiedene Sorten stellen unsere Bäcker her, mehr als 80 Kilogramm Brot isst jeder Deutsche im Jahr durchschnittlich.

Deutsches Bier

Weltweit hoch angesehen ist auch das deutsche Bier. Auf den Geschmack kamen schon die Germanen, das Reinheitsgebot von 1516 legte den Grundstein für den guten Ruf unseres Gerstensafts. Heute zeichnet Deutschland aber nicht die Höhe der Bierproduktion aus, sondern die Menge der Brauereien: "Mehr als 1200 gibt es verteilt im ganzen Land", weiß Krämer.

König Fußball regiert

Vielfalt ist auch Kennzeichen unserer Kunstszene. "Im zersplitterten Deutschland gab es kein kulturelles Zentrum", erklärt Clark. Aber viele kleine – und deshalb auch mehr Theater, Opern- und Konzerthäuser als irgendwo sonst. 130 Profiorchester im ganzen Land zeugen noch immer davon. Statistisch nachweisen lässt sich auch die Liebe zum Fußball. Der wird zwar weltweit gespielt, aber nicht so wie bei uns. Krämer: "Mehr als 170.000 offiziell registrierte Fußballmannschaften laufen jedes Saisonwochenende auf Tausenden von Fußballplätzen auf. Mit mehr als sechs Millionen Mitgliedern und mehr als 26.000 Vereinen ist der Deutsche Fußballbund der größte Einzelsportverband der Welt." Nur so ist es wohl zu erklären, dass der Ball es immer wieder schafft, das nationale Selbstbewusstsein zu steigern. Etwa nach dem WM-Sieg 1954. Oder 2006, als Deutschland als Gastgeber weltweit für Euphorie sorgte. Oder nach dem vierten WM-Stern 2014, der auch dafür sorgte, dass unser Land in einer aktuellen internationalen Umfrage zur angesehensten Nation der Erde gekürt wurde.

Ein Mischmasch aus Traditionen

Andere "Errungenschaften" sind weit weniger deutsch, als wir meinen. "Der Gartenzwerg kommt ursprünglich aus Anatolien", erklärt Clark. Die preußische Pickelhaube ist wahrscheinlich ein russisches Fabrikat. Und die Brüder Grimm haben sich für ihre Märchen von Hugenotten aus Frankreich inspirieren lassen. Deutsche Eigenschaften hin oder her: "Das Deutsche ist ein Mischmasch aus vielen verschiedenen Traditionen", sagt der Australier Clark. "Deutschland hat sich immer wieder neu erfunden – mit Einflüssen von außen."

Autor: Manuel Opitz