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Ratgeberautorin Tatjana Strobel.

Ratgeberautorin Tatjana Strobel (siehe auch DVD-Tipp rechts) ist überzeugt: Mit der
reinen Wahrheit wären unsere sozialen Kontakte unmöglich. - Foto © picture alliance / Frank May

DVD-Tipp: ''Lügen haben schöne Beine''

Wie Lügen unser Leben beeinflussen

Kein Leben ohne Lüge! "Ohne geht’s nicht!" Ratgeberautorin Tatjana Strobel ist überzeugt: Mit der reinen Wahrheit wären unsere sozialen Kontakte unmöglich.

Eltern sagen es ihren Kindern, das Märchen von Pinocchio sagt es jedem Leser, das achte Gebot sagt es den Menschen: Du sollst nicht lügen! Trotzdem tun es alle – ungelogen. Aber das klingt wahrscheinlich schlimmer, als es ist: Die meisten Lügen stehen nämlich zu Unrecht im Ruf, hinterhältig oder boshaft zu sein. Im Alltag lügen wir vielmehr aus durchaus achtbaren Gründen, etwa um mit anderen Menschen gut auszukommen. Davon ist Bestsellerautorin Tatjana Strobel, gelernte Sozialpädagogin und gefragte Expertin für Physiognomik, überzeugt: "Die Lüge ist der Schmierstoff jeder Beziehung – ohne geht es nicht."

Man brauche sich nur bewusst zu machen, was alles schon als Lüge betrachtet werden muss. Bereits Kleinigkeiten gehören dazu: "Am häufigsten lügen wir nonverbal: mit dem sogenannten sozialen Lächeln", so Strobel. "Wir geben damit vor, dass es uns gut geht, wir uns freuen oder etwas witzig finden." Oft ist das jedoch nur Höflichkeit oder ein automatischer Reflex – ein gelerntes Zeichen, das jedem signalisiert: "Alles in Ordnung!" Die verbale Entsprechung ist der fast schon floskelhafte Wortwechsel "Wie geht’s dir?" – "Danke, gut!".

Schwindeleien im Alltag

Tatjana Strobel: "Ich will nicht unterstellen, dass hier grundsätzlich gelogen wird, aber oft ist es eben nur eine Eingangsfrage, deren Antwort nicht wirklich interessiert." Da die meisten nichts Negatives hören wollen, gibt man einfach die Standardantwort, auch wenn sie nicht der Wahrheit entspricht.

Auffällig oft belügen wir Menschen, die uns nahestehen. Etwa den Partner: "99 Prozent aller Männer sagen ihrer Frau nichts, wenn ihnen das Ergebnis eines aufwendigen Stylings nicht gefällt", weiß Tatjana Strobel. Sie sagen lieber, was die Frau hören will: "Du siehst toll aus!" Ein zweiter heikler Punkt sind die Schwiegereltern. Viele haben nicht den besten Draht zu ihnen – wissen aber, dass hier allenfalls wohldosierte Kritik angebracht ist, und geben vor, Papa oder Mama des Partners zu mögen und sich auf ihren Besuch zu freuen. Immer noch besser, als zwischen die Fronten zu geraten.

Drittes Beispiel: die Freunde. Sagen sie eine Verabredung ab, zerbrechen sie die schöne Teekanne, oder vergessen sie den Geburtstag, sind wir zwar enttäuscht oder sogar verärgert. Trotzdem sagen wir dann nur: "Das macht doch nichts." Und so geht es munter weiter. Wir loben die etwas zu kurz geratene Frisur oder die zu füllige Figur, übergehen das versalzene Gericht oder ein zu hohes Gewicht. Warum nur sind wir in diesen Dingen so selten ehrlich? "Weil wir andere nicht verletzen wollen", so Expertin Tatjana Strobel. "Und ich glaube, dass man manchmal auch lieber belogen werden möchte. Wer etwa zugenommen hat, weiß das meist selbst und möchte nicht noch darauf hingewiesen werden." Und wer jemandem sein Leid klagt, will in der Regel Mitleid – und nicht hören, dass er selbst schuld sei.

Wie Männer und Frauen flunkern

Auch wenn das vielleicht stimmt. Die Wahrheit ist oft unbequem und bringt dem, der sie laut ausspricht, Nachteile. "Wer seine Meinung klar und direkt äußert, brüskiert damit leicht andere und wird nicht mehr gemocht. Deswegen halte ich das Leben ohne Lüge für unmöglich – es sei denn, man kann gut damit leben, nur wenig Freunde zu haben", sagt Menschenkennerin Tatjana Strobel. Die sozialen Lügen sind ihrer Meinung nach in erster Linie Frauensache: "Sie wollen damit sich oder andere schützen, Streit vermeiden oder jemandem ein gutes Gefühl geben."

Männer hingegen lügen häufig, um sich selbst besser zu machen. "Wer da mal einen Volkshochschulkurs Französisch belegt hat, nennt seine Sprachkenntnisse gleich fließend", nennt Tatjana Strobel als Beispiel. Die können alles, wissen alles, zeigen keine Zweifel. Und die Lieblingslüge von Kindern lautet: "Das war ich nicht." Tatjana Strobel: "Da passiert körperlich auch etwas Interessantes: Die Kinder gehen in die Schildkrötenhaltung, sie ziehen die Arme hoch, den Kopf ein und gucken starr auf den Boden."

So verraten sich Lügner

So deutlich wie bei Kindern zeigt sich die Lüge bei Erwachsenen leider nicht immer. "Grundsätzlich sieht man es daran, dass jemand Abweichungen vom Normalverhalten zeigt", sagt Expertin Strobel. Wenn ein Mensch, der normalerweise sehr detailliert erzählt, plötzlich nur in kurzen Sätzen antwortet, ist das ein Indiz. "Außerdem hat man festgestellt, dass sich die Region um Nase und Augen bei einer Lüge erwärmt – das führt dazu, dass man sich häufig an die Nase fasst."

Die ehrlichsten Zeichen senden jedoch unsere Füße, weil wir auf sie am wenigsten achten. Gesicht und Oberkörper lernt man mit der Zeit zu beherrschen, auf die Füße aber guckt niemand. Dabei gäbe es daran viel zu sehen: Zeigen sie beispielsweise vom Gesprächspartner weg, will man eigentlich nicht mit ihm reden. Bewegt sich die Fußsohle nach oben, kann das ein Hinweis auf versteckte Freude sein. Um Lügner zu entlarven, sind also genaue Beobachtungsgabe und gute Intuition hilfreich.

"Leicht zu täuschen hingegen sind alle, die innerlich wackeln, weil sie nur wenig Selbstbewusstsein haben und ihren Gefühlen nicht trauen", sagt Tatjana Strobel. Das ist natürlich besonders von Nachteil, wenn man auf Lügen trifft, die einem schaden können. So trauen sich viele Menschen etwa nicht, ehrliches Feedback zu geben: Sie attestieren einem eine gute Leistung, obwohl sie nicht zufrieden waren – anderen gegenüber halten sie mit ihrer wahren Meinung aber nicht zurück. In solchen Fällen ist es gut, die Lüge rechtzeitig zu erkennen.

Aber möchte man alle sozialen Lügen immer enttarnen? Jeden Schwindel, der in bester Absicht ausgesprochen wurde? Nur weil man anderen gefallen, sie beeindrucken oder ihre Erwartungen erfüllen wollte? Vielleicht sollte jeder einfach mal den Test machen und überlegen, was er lieber hören möchte: "Dein rotes Kleid finde ich besser als das grüne." oder "Dein grünes Kleid finde ich unterirdisch." – "Ich melde mich wieder." oder "Das war unser letztes Date, du gefällst mir einfach nicht." Bevor man die Lüge verurteilt, gilt es gut abzuwägen, wie viel Wahrheit man ertragen will. Und kann.

Autor: Melanie Schirmann