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"Wie ernährt sich Deutschland?", die große Wissenshow mit Ranga Yogheswar

"Wie ernährt sich Deutschland?", die große Wissenshow mit Ranga Yogheswar; Bild: © WDR/Klaus Görgen (M: I.Zimmermann)

Neuer Blick aufs Essen

Wie isst Deutschland?

Einmal im Jahr geht Ranga Yogeshwar mit seinen vier Kindern in den heimischen Wald, Brombeeren pflücken. Danach stehen alle in der Küche vor dem großen Einmachtopf mit der blubbernden Marmelade. "Sie schmeckt nicht nur besser als gekaufte. Es ist auch ein völlig anderes Gefühl, selbst gekochte Marmelade zu essen", sagt der Wissenschaftsjournalist, der mit seiner Familie auf dem Land in der Nähe von Hennef im Rhein-Sieg-Kreis lebt.

In der Brombeermarmelade von Familie Yogeshwar steckt die Essenz dessen, was dem Fernsehmann in puncto Essen wichtig ist und was er zugleich schwinden sieht: das gemeinsame Erleben, die Wertschätzung und das Bewusstsein dafür, was wir uns da täglich einverleiben. HÖRZU sprach mit Ranga Yogeshwar über seine neue Wissensshow "Wie ernährt sich Deutschland?" (siehe Sendehinweis), in deren Mittelpunkt eine Studie über unsere Essgewohnheiten steht.

Immer wieder hat Ranga Yogeshwar im Fernsehen ("Quarks & Co" und "Wissen vor 8") das Thema Ernährung beleuchtet. Meist mit einem pointiert kritischen Zugriff: Zusatzstoffe in Lebensmitteln, versteckter Zucker, der schwindende Geschmackssinn von Jugendlichen, die zu Hause nicht frühstücken, in der Schule aber asiatische Tütensuppen vom Kiosk trocken knabbern. Eine absurde Entwicklung, findet er: "Essen sichert eigentlich unser Leben. Zugleich wird es zunehmend zur Gefahr für die Gesundheit."

Die Zahl der Kinder, die zu dick sind, nimmt rapide zu. Ranga Yogeshwar: "Wenn die allesamt zu übergewichtigen Erwachsenen werden, kommt eine dramatische Entwicklung auf uns zu." Der Sohn eines indischen Ingenieurs und einer luxemburgischen Kunsthistorikerin ist keiner, der Spaß daran hätte, einen Niedergang einfach nur zu kommentieren. Denn jeder kann etwas dagegen tun, davon ist der 51-Jährige fest überzeugt. Und diesen Anspruch lebt er auch. Tagtäglich. Und als Pate der ARD-Themenwoche "Essen ist Leben" will er jetzt weiter dazu beitragen.

Die ARD-Studie, die Ranga Yogeshwar und seine Redaktion eigens für die Sendung durchgeführt haben, entstand mit Unterstützung des Meinungsforschungsinstituts TNS Infratest und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). 150 Familien haben daran teilgenommen: Alte und Junge, Familien mit Kindern, Alleinlebende. Vier Wochen lang haben sie alle Details um jede Mahlzeit, jeden Snack protokolliert. Wer frühstückt, wer tut es nicht? Was kommt aufs Brot? Wie oft gibt es zwischendurch Obst, Schokolade, eine Bratwurst beim Shopping in der Stadt? Läuft beim Abendessen der Fernseher? Wird in Gesellschaft gegessen oder allein? Kaufen die Teilnehmer im Supermarkt oder beim Discounter?

Die Details erfahren die Zuschauer in der Sendung "Wie ernährt sich Deutschland?", doch ein erstes überraschendes Ergebnis verrät Ranga Yogeshwar schon jetzt: "Es wird viel flexibler gegessen, als wir das bisher wussten. Viele gehen während der Arbeitswoche mittags schnell in die Kantine, essen abends Fertiggerichte. Aber am Wochenende verhalten sie sich wie völlig andere Menschen: Sie kaufen bewusst ein, kochen aufwendig, essen zusammen. Simple Kategorien wie Fast-Food-Fan oder Gesundesser greifen da nicht." Gesundes Essen und Genuss werden vielfach zum Event an Samstagen und Sonntagen, alltags bleibt dafür offenbar keine Zeit. Anders als bei unseren europäischen Nachbarn rund um das Mittelmeer, wo ein ganz normales Mittagessen gern auch mal zwei Stunden oder sogar länger dauert.

Yogeshwars Wissensshow stellt auch das Experiment einer Familie vor, die für die Sendung sieben Tage lang komplett auf Industriezucker verzichtete. Keine einfache Aufgabe, steckt der raffinierte Süßmacher doch nicht nur in Naschwerk, sondern auch in Leberwurst, Rahmspinat und Frischkäsezubereitungen. Rund 35 Kilogramm Zucker verspeisen wir pro Kopf und Jahr, die Hälfte davon als Süßwaren – in Gummibärchen, Schokolade und vielen anderen Leckereien.

Lebensnotwendig ist davon kein einziges Gramm. Den schnellen Brennstoff fürs Gehirn, die Glukose, stellt der Körper auch selbst her: aus Kartoffeln, Nudeln, Reis, Gemüse und Obst. Ernährungswissenschaftler werden nicht müde, den Verzehr frischer pflanzlicher Lebensmittel zu empfehlen, die mit komplexen Kohlenhydraten, Ballaststoffen, Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen punkten und zugleich fast durchgängig kalorienarm sind. Doch solche Appelle fruchten kaum. Statt wie von der DEG empfohlen 400 Gramm Gemüse täglich kauen die Deutschen nicht viel mehr als die Hälfte, während unterm Strich zu kalorienreich geschlemmt wird.

Maßlosigkeit liegt uns in den Genen. Solange Mangel die Normalität und Überfluss die Ausnahme darstellte, war das Speichern von Vorräten in Fettpolstern nützlich. Ist alles stets überreichlich da, wird es zum Problem. Noch heute gilt: Je größer die Portionen, desto mehr wird gegessen. "XXL" ist ein Verkaufsschlager. Ranga Yogeshwar sieht das äußerst kritisch: "250-Gramm-Tafeln Schokolade zu verkaufen, weil man weiß, die Leute essen die auch, das ist für mich unethisch." Neben den Riesenportionen entfesseln auch Geschmacksverstärker und künstliche Aromen die Lust am Daueressen und lassen das Essverhalten von Millionen entgleisen. Yogeshwar will den Staat in die Pflicht nehmen, Desinformation einzudämmen: Kalorienangaben, die sich auf unrealistisch kleine Portionen beziehen, Mogeleien bei der Inhaltsdeklaration, unleserliche Etiketten. Die Lebensmittel-Ampel mit ihrem Rot-Gelb-Grün für den Gehalt an Zucker, Fett, Salz wäre ein Schritt in die richtige Richtung gewesen, ist Yogeshwar zutiefst überzeugt. Doch das EU-Parlament lehnte es kürzlich ab, die Industrie darauf zu verpflichten.

Eine entmutigende Entscheidung? Schon. Doch Ranga Yogeshwar hat zu seiner Freude längst ausgemacht, dass sich bei den Verbrauchern langsam etwas zu ändern beginnt: "Die Menschen haben die Floskeln satt. Sie fordern mehr Ehrlichkeit ein." Alltagstaugliche Aufklärung mit einem Schuss Gelassenheit sei nun gefragt, so der Journalist, nicht die mediale Hysterie der vergangenen Lebensmittelskandale. In "Wie ernährt sich Deutschland?" zeigt beispielsweise Fernsehkoch Tim Mälzer, wie man mit einfachen Zutaten selbst etwas wirklich Gutes zubereitet. Und das sogar um einiges schneller, als der Pizzabote klingeln kann. "Wir wollen zeigen: Gesundes Essen macht Spaß, ist ein Stück Lebensqualität, nicht nur eine medizinische Verordnung, wenn die Situation schon pathologisch ist."

Um die Grundeinstellung geht es dem umtriebigen Physiker und Medienmann, der selber beim Arbeiten schon mal Mahlzeiten überspringt und gesteht, manchmal in ein Fast-Food-Restaurant zu gehen. "Ich gehöre auch nicht zu den Heiligen, die den ganzen Morgen über die Märkte ziehen." Aber einmal am Tag mit den anderen daheim um den Tisch zu sitzen, das ist Yogeshwar wichtig. "Das bringt Ruhe in die Familie und zugleich die Gelegenheit, miteinander zu sprechen." Es kommt vor, dass er es dabei fast vergisst: das Essen.

Autor: Maike Petersen; Bilder: © WDR/Klaus Görgen (M: I.Zimmermann)