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Als absoluter Gedächtniskiller gilt Stress

Als absoluter Gedächtniskiller gilt Stress. - Foto: © picture alliance/chromorange

Geistig fit

Wie das Gedächtnis arbeitet

Wird man automatisch vergesslich? Nein! Deutschlands bekanntester Hirnforscher Prof. Gerald Hüther erklärt, wie das Gedächtnis arbeitet und wie man es stärkt.


Was bringt uns um den Verstand? Was lässt uns wichtige Dinge oder Namen einfach vergessen? Und wann beginnt es eigentlich, dass wir uns vieles nicht mehr merken können? Geht es tatsächlich mit zunehmendem Alter auch zunehmend bergab mit unserer Hirnleistung – oder können wir diesen Prozess stoppen? Sind wir vielleicht sogar in der Lage, ihn positiv zu beeinflussen? Die grauen Zellen wieder auf Trab zu bringen?

Fängt man erst einmal an, sich Gedanken über das Gehirn und das Gedächtnis zu machen, tauchen unzählige Fragen auf. Nicht zuletzt, weil jeder Angst davor hat, sich im höheren Alter nicht mehr so gut konzentrieren zu können und Wichtiges zu vergessen.

Das Gehirn ist ein mysteriöses Gebilde

Warum etwa erinnern sich alte Menschen nicht an die Namen ihrer Nachbarn, aber an kleinste Details, die sie vor mehr als 70 Jahren in ihrer Kindheit oder im Krieg erlebten? Weshalb tauchen die Bilder davon auf, als ob sich die Geschehnisse erst gestern ereignet hätten?

Eine Antwort weiß Prof. Gerald Hüther, der sich bestens mit dem menschlichen Gehirn auskennt. Jahrelang hat er darüber geforscht, die graue Masse analysiert und seziert, einen Professorentitel für Neurobiologie erlangt und rund 20 Bücher geschrieben. Hüther war zudem einer der sechs Kernexperten zum Thema Lernen beim Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin.

Das Geheimnis der Erinnerung

Er kennt das Geheimnis der Erinnerung: "Wenn etwas wirklich unter die Haut geht, vergessen wir es nicht so leicht." Das gilt für Schönes genauso wie für schlimme Erfahrungen wie etwa Kriegserlebnisse.

Und wenn man die Namen der Nachbarn vergisst, bedeutet das schlicht: Wie sie heißen, ist mir nicht so wichtig.

Aktives Verdrängen

Auch für die Tatsache, dass sich dramatische Bilder oft erst Jahrzehnte später in den Vordergrund drängen, gibt es einen Grund: Unser Gehirn ist wie unser Körper auf das Überleben programmiert. Um nach traumatischen Erfahrungen weiterexistieren zu können, sucht das Gehirn nach einer Lösung. Oft heißt diese: aktives Verdrängen.

"Viele Kriegstraumatisierte haben versucht, ihre Erlebnisse mit Alltagsaktivität zu überdecken", erläutert Hüther. Werden die Aktivitäten im Alter weniger, kommen die verdrängten Bilder wieder hoch.

"Manche Erinnerungen sind so tief im Hirn verankert, weil sie mit so starken Gefühlen einhergegangen sind", sagt Hüther und rät: "Hören Sie sich diese Geschichten an! Das befreit die Betroffenen und hilft ihnen."

Ein anderes Beispiel aus dem Alltag: Wer einmal auf eine heiße Herdplatte gefasst hat, lernt, dass er die Hand höchstens darüberhalten, aber nicht darauflegen sollte. Die Erinnerung brennt sich förmlich ein. "Unser Hirn merkt sich nur das, was für uns bedeutsam ist", erklärt Prof. Hüther.

Hingabe fördert das Hirn

Begeisterung, Leidenschaft, Hingabe und Freude – das ist der Stoff, aus dem Erinnerungen sind. Mit dem Alter hat die Lern- und Merkfähigkeit weniger zu tun. "Alles hängt davon ab, ob man sich für etwas begeistern kann", so der Wissenschaftler. "Sogar ein 80-Jähriger könnte in kurzer Zeit noch fast fließend Chinesisch lernen – wenn er sich in eine hübsche 75-jährige Chinesin verliebt."

Folgt er seinen Gefühlen und geht mit ihr in ein kleines Dorf nach China, dürfte er nach einem halben Jahr ganz passabel Chinesisch sprechen, davon ist Hüther fest überzeugt.

In puncto Begeisterung lohnt es sich, auf kleine Kinder zu schauen, verrät der Forscher. "Ein Kind erlebt am Tag 50 bis 100 Begeisterungsstürme im Hirn", sagt er. Und das hinterlässt im buchstäblichen Sinn Spuren, denn der Gefühlsrausch aktiviert die emotionalen Zentren im Kopf.

Neuroplastische Botenstoffe

Neuroplastische Botenstoffe werden ausgeschüttet. "Diese wirken wie Dünger und festigen all jene Nervenzellverschaltungen, die man in diesem Zustand nutzt", erklärt Prof. Hüther.

Auf Kinder stürmt ständig Neues ein, sie stehen vor Herausforderungen, klettern vielleicht zum ersten Mal auf einen Baum oder müssen sich in einem Streit behaupten. Das Erlebnisfeuerwerk im Kopf macht sie fit für die Zukunft. Stehen sie später vor ähnlichen Situationen, rufen sie diese Strukturen einfach wieder ab.

Je mehr wir erleben, desto besser wird die Fähigkeit unseres Gehirns gefördert und gefordert. Das fängt bei den Kleinsten an und hört auch im Alter nicht auf!

Wie das Gehirn funktioniert

Wie das Gehirn und die Erinnerung genau funktionieren, fand US-Neurowissenschaftler Eric Kandel heraus, der für diese bahnbrechende Erkenntnis 2000 sogar den Nobelpreis für Medizin erhielt.

Kandel wies nach, dass Nervenverbindungen gestärkt und neue angelegt werden. Mit modernsten Mikroskopen gelang es Forschern mittlerweile, den Nervenzellen beim Wachsen zuzuschauen.

Wenn wir etwas partout nicht vergessen können, liegt es daran, dass es unsere Hirnstruktur langfristig geändert hat. Das kann die erste große Liebe sein oder der überwältigende Anblick von Walen und Delfinen.

Wenn wir nur kurzfristig etwas im Kopf behalten müssen, etwa wo wir das Auto geparkt haben, verändert sich in den Hirnstrukturen nichts. Wir merken uns die Fakten kurzfristig und vergessen sie schnell wieder.

Müssen wir uns aber den festen Stellplatz einprägen, auf dem wir in den nächsten Jahren das Auto parken werden, baut das Gehirn die Verbindung langfristig aus.

Autor: Esther Langmaack