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Die Kukulkán-Stufenpyramide in Chichén Itzá, seit 1988 Unesco Weltkulturerbe.

Machtsymbol: Die Kukulkán-Stufenpyramide in Chichén Itzá, seit 1988 Unesco Weltkulturerbe. - Foto © picture alliance / Stephan Persc

Im TV: "Das Erlöschen von Imperien"

USA: Ende einer Weltmacht?

Für die Ewigkeit waren sie gebaut und doch dem Untergang geweiht. Fast scheint es, als hätten die Imperien der Geschichte vor allem eines gemeinsam: ihr Ende. Ägyptens Pyramiden bedeckt der Wüstensand, Roms Glanz verblasste nach fast tausend Jahren.

Eine neue Dokumentation (siehe TV-Tipp rechts) untersucht, warum so viele Reiche untergingen – und welche Parallelen es zur heutigen Zeit gibt. Droht der letzten aktuellen Weltmacht dasselbe Schicksal? Haben die USA längst den Zenit überschritten und sind auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?


USA
1776 erklären 13 nordamerikanische Kolonien ihre Unabhängigkeit von Großbritannien. Mit Ende des 19. Jahrhunderts wächst der weltpolitische Einfluss der dann fast 50 Bundesstaaten. 2007 erschüttert die Finanzkrise das Land.

Ägyptens Altes Reich

Pyramide von Gizeh
Foto © picture alliance / IMAGNO/Öst. V

Um 2650 v. Chr. beginnt der Aufstieg des Alten Reiches. Es ist die früheste der klassischen Perioden Ägyptens. Um 2150 v. Chr. bricht die Zentralregierung zusammen. Es folgen weitere Reiche, bis Ägypten nach Kleopatras Tod 30. v. Chr. zu einer Provinz des Römischen Reiches wird.

Imperium Romanum

Kolosseum in Rom
Foto © picture alliance / F. Schneider

509 v. Chr. wird die Römische Republik gegründet. Die größte Ausdehnung erreicht das Reich 117 n. Chr. unter Kaiser Trajan. 476 n. Chr. kommt das Ende des Weströmischen Reichs.

Reiche der Maya
Um 400 v. Chr. entstehen erste Mayazentren mit Herrschereliten. Eine Zentralregierung gibt es nicht, sondern einzelne mächtige Stadtstaaten. Um 900 n. Chr. werden zahlreiche Städte wieder verlassen und verfallen.


Für viele Experten stehen sie schon dicht am Abgrund. "Wirtschaft und Industrie haben mit gravierenden Problemen zu kämpfen", urteilt etwa Max Otte, Amerikaexperte, Professor für internationale Betriebswirtschaftslehre und Autor ("Der Crash kommt", Ullstein, 384 S., 9,95 €, Bestellmöglichkeit: siehe rechts). "Das Land befindet sich in der Tat in einem raschen Abstieg. Von Bedeutungslosigkeit zu sprechen wäre allerdings übertrieben." Und doch gibt es gewaltige Herausforderungen, die an zu groß und unbeweglich gewordene Imperien der Vergangenheit erinnern.

Die Macht am Tiber

Beispiel Rom: Um 117 n. Chr. erreichte das Imperium seine größte Ausdehnung. Es umfasste den gesamten Mittelmeerraum – von Britannien bis Ägypten, von Spanien bis Armenien. Wie kann ein so imposantes Reich einfach untergehen? Die sprichwörtliche Dekadenz der reichen Oberschicht allein kann nicht der Auslöser gewesen sein. "Schuld war ein ganzes Ursachenbündel", vermutet der Historiker und Rom-Experte Karl-Wilhelm Weeber. "Eine Mischung aus zunehmender Instabilität im Inneren und militärischem Druck von außen.“ Schon lange erschütterten Führungskämpfe das innere Gefüge. An den Grenzen ließen Vorstöße der Hunnen und Germanen das Imperium erodieren.

Ein Weltreich bröckelt

Was war aus den früher so schlagkräftigen Legionen geworden? Für die Truppen fehlte einfach das Geld. Heute würde man wohl sagen, dass eine Handels- und Finanzkrise das Land erschütterte. Organisation und Kosten des gewaltigen Imperiums ließen sich kaum noch bewältigen. Die Mittelschicht, die beim Aufstieg Roms viele Legionäre gestellt hatte, war verarmt. Reiche Provinzen fielen an die "Barbaren", damit versiegte der Geldstrom von außen. Roms Stärke war stets der Stolz gewesen. "Doch der Andrang der sogenannten Barbaren führte plötzlich zu Unsicherheit", erklärt Weeber. "Solange etwas stabil ist, führt es auch zu psychischer Stabilität. Bröckelt es dann an den Rändern, bröckelt auch die Psyche." Die Folge: Resignation. Das römische Imperium wehrte sich nicht mehr. 476 n. Chr. setzte der germanischstämmige Offizier Odoaker den Kaiser des Weströmischen Reiches ab.

Eine innere Krise trifft auch die USA: Wirtschaftsflaute, hohe Arbeitslosigkeit, Rekorddefizit, ein Schuldenberg von 16 Billionen US-Dollar – die Vereinigten Staaten werden zukünftig schon aus finanziellen Gründen nicht mehr in der Lage sein, überall und immer "Weltpolizei" zu spielen. Die einst so wichtige Mittelschicht verarmt. Durch die Finanzkrise ist ihr Nettovermögen dramatisch geschrumpft – auf den Stand der frühen 1990er-Jahre. "Es zeichnet sich noch keine Lösung ab, wie das explodierende Haushaltsdefizit unter Kontrolle gebracht werden kann", sagt Prof. Max Otte. "Zudem gibt es im Immobiliensektor mindestens ebenso viele 'schlechte Schulden' wie in Europa bei den Staatsschulden."

Die militärische Macht der Vereinigten Staaten wankt. Denn Stärke nach außen ist stets auch abhängig von wirtschaftlicher Blüte. Also bereits römische Verhältnisse? Nicht ganz. Prof. Max Otte: "Eine Parallele wäre etwas weit hergeholt. Zwar war auch Rom ein Vielvölkerstaat mit religiöser Toleranz, aber eine Landmacht. Eher sehe ich Ähnlichkeiten zum British Empire um 1900."

Im Reich der Pyramiden

Beispiel Ägypten: Das goldene Zeitalter begann vor 4700 Jahren. Es war die Epoche der Pyramiden, der Blüte von Wissenschaft und Kunst. Aber auch der Maßlosigkeit und der uneingeschränkten Macht des Pharaos. Er war gottgleich, er allein konnte den Tod besiegen und in die Ewigkeit eingehen. Doch Ausgrabungen beweisen: Um 2200 v. Chr. legte eine Revolution die Gräber der Pharaonen in Schutt und Asche. "Die Zerstörungswut richtete sich gegen die königliche Dynastie", erklärt Dr. Audran Labrousse, Archäologe an der Pariser Universität Sorbonne. "Alle Pyramiden wurden geschändet, alle Sarkophage geöffnet und die Mumien vernichtet. Etwas Ähnliches geschah während der Französischen Revolution in der Kathedrale von Saint-Denis." Zügellose Gewalt – weil die Machthaber nicht mehr respektiert wurden.

Sturz der Pharaonen

Ein möglicher Grund: Die Pharaonen waren den drohenden Problemen nicht gewachsen. Neue Forschungen deuten auf fatale Klimaveränderungen hin. Das jährliche Nilhochwasser, das sonst für fruchtbare Felder sorgte, blieb aus. Die Wüste rückte vor, wichtige Seen schrumpften auf die Hälfte. Hunger und Armut ließen die Menschen zweifeln und verzweifeln. Während die Zentralregierung Schwierigkeiten hatte, das Land zu versorgen, und immer mehr Vertrauen und Macht verlor, gewannen regionale Verwalter an Einfluss. Ägyptens Altes Reich zerfiel dadurch immer mehr – und endete mit einer der ersten Revolutionen der Weltgeschichte.

Und dabei gibt es durchaus Parallelen zu den USA: Vom Tellerwäscher zum Millionär – der Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten machte die Nation einst stark. "Es gibt immer noch viele, die an den amerikanischen Traum glauben", erklärt Ökonom und USA-Experte Prof. Max Otte. "Aber noch mehr sind enttäuscht. Das führt dazu, dass Bewegungen mit absurden Programmen wie die Tea Party entstehen. Außerdem war die politische Polarisierung zwischen rechts und links, also kapitalistisch und sozial, in den USA seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie so groß wie gerade jetzt. Das erschwert politische Lösungen und führt zu solchen Blockaden wie dem Streit um die Erhöhung der Schuldengrenze 2011."

Wo entschlossenes Handeln gefragt ist, wirkt die politische Macht auf einmal fast gelähmt. Überall im Land kämpfen Bürgermeister und Gouverneure gegen die Finanznot, die heimische Industrie schrumpft. Fabriken schließen, die Produktion wandert in andere Länder ab. Deindustrialisierung nennen die Experten den Vorgang. Und damit wachsen bei der Bevölkerung die Zweifel an der Kompetenz der Politiker, diese Krise zu lösen. Das Vertrauen geht verloren.

Herrscher im Regenwald

Beispiel Maya: Die legendären Reiche Mittelamerikas erlebten ihre Blütezeit zwischen 200 und 900 n. Chr. – mit Städten wie Tikal und Palenque, mit gigantischen Stufenpyramiden im Regenwald. Die klassische Mayazivilisation umfasste verschiedene Stadtstaaten, verbunden durch eine gemeinsame Hochkultur. Um das Jahr 900 jedoch verließen die Menschen ihre Metropolen. Innerhalb kurzer Zeit eroberte sich der Dschungel das Reich der Maya zurück. Eine Theorie zu den Gründen für den rätselhaften Verfall: Dürre. Experten der University of Southampton werteten die Niederschläge des entsprechenden Zeitraums aus und kamen zu verblüffenden Ergebnissen.

Um bis zu 40 Prozent ging damals die Regenmenge zurück. Vor allem die Sommer waren extrem trocken, die Wasserversorgung der Felder brach zusammen.Wie sollte eine stark wachsende Bevölkerung noch versorgt werden? Vermutlich führte die Wasserknappheit zu Unruhen und Abwanderung aus den großen, schwer zu versorgenden Städten. Die englischen Forscher weisen übrigens darauf hin, dass die rekonstruierten Dürren jenen ähneln, die jetzt als Folge der Erderwärmung vorhergesagt werden.

Angst vorm Klimakollaps

Auch der Untergang des Khmer-Reiches im 15. Jahrhundert scheint mit dem Klima in Zusammenhang zu stehen. Die Hauptstadt Angkor im heutigen Kambodscha war damals die größte Stadt der Welt. Eine Million Menschen lebten auf 300 Quadratkilometern. Durch einen gravierenden Klimawechsel lösten sich jedoch lange Trockenzeiten mit heftigen Monsunregen ab. Massive Rodungen der Wälder verschlimmerten die Katastrophe noch. Dem war das Wassersystem der Reisfelder und viel zu großen Siedlungen nicht gewachsen. Die Kosten, die Angkor hätte aufbringen müssen, um das System instand zu setzen, wären astronomisch gewesen.

Wenn Klimaextreme wirklich eine zentrale Rolle beim Untergang von Imperien spielen, sieht es düster aus für die aktuellen Mächte. Die globale Erwärmung betrug im letzten Jahrhundert 0,7 Grad Celsius, UN-Klimaforscher halten sogar einen Temperaturanstieg weltweit um bis zu 6,4 Grad Celsius bis 2100 für möglich. Wetterextreme häufen sich. Schwere Stürme verwüsten auch in den USA ganze Landstriche. Trockenheit wechselt sich mit sintflutartigen Niederschlägen ab. Flüsse treten über ihre Ufer, denn die Böden können nach Dürreperioden kaum mehr Wasser aufnehmen. Nur wer diese Probleme in den Griff bekommt, hat eine Zukunft als Weltmacht.

Und ausgerechnet die USA, so kritisieren Umweltschützer, nehmen diese Bedrohung bislang nicht wirklich ernst. Eine typische Entwicklung für Imperien, deren Blütezeit vorbei ist: Sie überschätzen ihre Kräfte und überdehnen ihre imperialen Möglichkeiten. Doch wer könnte in Zukunft die Rolle der USA übernehmen? "Indien und Brasilien haben durchaus das Potenzial, veritable Weltmächte zu werden", stellt Prof. Max Otte klar. "Als ernst zu nehmender Rivale für die Vereinigten Staaten kommt aber zurzeit nur China infrage. Europa bleibt auch nach der Euro-Debatte ein politischer Zwerg auf der Weltbühne."

Autor: Kai Riedemann