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Stefan Aust

Publizist Stefan Aust (68) beleuchtet die Rolle Berlins für die Weltpolitik in seiner zwei-
teiligen Doku "Die Insel". - Foto: © dpa

Publizist Stefan Aust exklusiv in HÖRZU

Über den Mauerbau und Mauerfall

Exklusiv in HÖRZU: Publizist Stefan Aust über Berlins bewegte Jahre zwischen Mauerbau und Mauerfall. Wie die Stadt Geschichte schrieb.

Es war ein Biotop der besonderen Art, eine Insel im roten Meer: Westberlin. Eingeschlossen durch eine Mauer, bis zu vier Meter hoch, 155 Kilometer lang. Am 9. November jährt sich der Tag des Mauerfalls zum 25. Mal. Aus diesem Anlass beleuchtet Publizist Stefan Aust (68) die Rolle der Stadt für die Weltpolitik in seiner zweiteiligen Doku "Die Insel".


TV-Tipp

Di., 21.10.: Teil 1: "Die Insel" - Westberlin zwischen Mauerbau und Mauerfall; ZDF, 20.15 Uhr
Di., 28.10.: Teil 2: "Die Insel"; ZDF, 20.15 Uhr (s. auch TV-Tipps rechts)


Die wichtigsten Thesen von Stefan Aust vorab in HÖRZU:

Als Westberlin am 13. August 1961 eingemauert wurde, sah der Westen hilflos zu. Der Osten lag nun in jeder Himmelsrichtung – bis an die Zähne bewaffnet. Und die Eingeschlossenen? Richteten sich auf ihrer Insel ein. Der Kurfürstendamm wurde zur Promenade der Mauerblümchen. Rechts und links blühte kreatives Potenzial auf wie im Treibhaus. Es war, als feierten die Goldenen Zwanziger Auferstehung. "Alles, was man in den miefigen Kleinstädten der Bundesrepublik nicht machen durfte, ließ sich hier ausleben", erinnert der Ostflüchtling Georg Gafron. Ein Tanz auf dem schlummernden Vulkan des Kalten Kriegs, zwischen den Ruinen des Zweiten Weltkriegs.

Ein kollektiver "Inselkoller"

Was die Luftangriffe der Alliierten nicht zerstört hatten, fiel der Erneuerung zum Opfer. Die Abrissbirne wurde zum Symbol des Aufschwungs, subventioniert mit bundesdeutschen Steuergeldern. Westberlin, eine Insel am Tropf der Bundesrepublik. Eine Insel, auf der schließlich ein Staatsbesuch zur Legende wurde: Am 26. Juni 1963, nur 149 Tage vor seinem Tod, sprach US-Präsident John F. Kennedy den berühmten Satz: "Ich bin ein Berliner!" Beim Mauerbau hatte er sich politisch zurückgehalten, nun nutzte er seine Chance, Geschichte zu schreiben. Der größte Propagandacoup im Kalten Krieg: Westberlin wurde quasi US-Staatsgebiet. Die Stimmung in der Stadt kippte: zur Entschlossenheit. "Nach Kennedys Rede wussten wir, die Amerikaner würden nicht abrücken", erinnert sich der 2012 verstorbene Berliner Exbürgermeister Klaus Schütz in seinem letzten TV-Interview für die Doku.

Kennedys Botschaft wirkte – bis nach Moskau. Würde es zur neuen Blockade kommen? Zum Militärschlag? Man war auf alles vorbereitet: Es gab Geheimbunker zum Schutz vor Bomben, Pritschen, Toiletten, Verpflegung, Medizin – sogar Leichensäcke! Doch ob es die Überlebenden im Kriegsfall besser getroffen hätten? Glücklicherweise musste man das nie erleben.

Ohnehin konnten die Berliner nicht ständig an ihre prekäre Situation denken. Es galt, die Insel im feindlichen Meer mit Leben zu füllen. Ein wahres Kunststück. Festivals wie die Berlinale brachten einen ersten Hauch von Internationalität in den Muff ums Schöneberger Rathaus. Dort ahnte man: Eine zu feste Abschottung könnte früher oder später zum Erstickungstod führen.

Gegen den "Inselkoller" half nur Action – fanden die Jungen. Westberlin wurde Zentrum der Jugendrevolte. Erst mit Protesten gegen den Vietnamkrieg, dann mit der Rebellion gegen das Bürgertum. Freie Liebe, Drogen, Ekstase: Die legendäre "Kommune 1" verletzte jedes Tabu. Ein kurzer Sommer der Anarchie – der alles nachhaltig ändern sollte. Plötzlich gab es in der geteilten Stadt, im geteilten Land eine neue Teilung. Rudi Dutschke wurde Wortführer der Studentenbewegung – und Hassfigur der Konservativen: Am Heiligabend 1979 starb er an den Folgen eines rechtsradikalen Attentats.

Den "wahrhaft Schuldigen" fanden die Studenten im Haus Axel Springer – und entfachten einen Krieg der Bürgerkinder gegen einen ultrakonservativen Verlag und eine Gesellschaft, die mit Verweis auf die Belagerung der Stadt jede Veränderung im Keim erstickte. Ein idealer Nährboden für Rebellen, später für Terroristen, denen die Sicherheitsbehörden trotz polizeilicher Aufrüstung hilflos gegenüberstanden. 1974 entführte die "Bewegung 2. Juni" vor den Senatswahlen den CDU-Kandidaten Peter Lorenz. In den folgenden Jahren nahm die Zahl der Sympathisanten des Untergrundkampfs ab. Nun wollte die linke Szene die Gesellschaft von innen heraus verändern, die Zeit der Hausbesetzer brach an, anfangs friedlich, dann mit Straßenschlachten.

Die geheime Strategie der Stasi

Die Zukunft der Stadt stand in den Sternen. Im Ostteil erwog man heimlich eine militärische Übernahme, die die Stasi nicht nur auf dem Papier entwarf, sondern mit der Armee trainierte. Heute wissen Historiker, dass auch die US-Truppen permanent für einen solchen Angriff gewappnet wurden, etwa in einer "Übungsstadt" in Lichterfelde, wo Soldaten den Straßenkampf probten. Gegen einen Angriff aus dem Osten hätten sie jedoch nicht viel ausrichten können.

An Wiedervereinigung glaubten damals nur noch die "Kalten Krieger". Und dennoch kam sie – nach 28 Jahren, in der Nacht des 9. November 1989. Mit dem Mauerfall, dem Ende der Teilung, dem Ende der Insel Westberlin. Inzwischen ist sie aufgegangen in der neuen Hauptstadt. Die alten Grenzen lassen sich nur noch an manchen Orten mit Mühe erahnen. Es ist zusammengewachsen, was zusammengehört.

Autor: Stefan Aust