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Im TV-Programm: eine Dokumentation über Tuareg-Musiker

Im TV-Programm: eine Dokumentation über Tuareg-Musiker / Foto: © picture alliance/WILDLIFE

Das Leben der Wüstensöhne im TV-Programm

''Toumast'' - TV-Dokumentation über Tuareg-Musiker

Nur wer in der Wüste lebt, kennt wahre Stille. Es ist eine Lautlosigkeit, die den Menschen einhüllt wie der Sand, der sich auf Haut und Haare legt. Niemand kennt dieses Gefühl besser als die Tuareg. "Wasser wäscht den Körper, aber Wüste die Seele", lautet eine ihrer Weisheiten – Erfahrung eines rastlosen Volkes, das einst den unwirtlichen Lebensraum beherrschte. Die TV-Dokumentation ''Toumast'' (Sonntag, 15.01., 21.45 Uhr, 3SAT) zeichnet die neuere Geschichte der Tuareg nach. Eine Geschichte voller Entbehrungen und Leid.

Imushagh nennen sich die Tuareg selbst, was so viel wie "freie, stolze Menschen" heißt. Auch als Kel Tamashek kennt man sie – "Leute, die Tamashek" sprechen. Denn Sprache und Tradition sind das Einzige, was das Nomadenvolk eint. Sie sind keine eigene Nation, nicht mal eine ethnische Gruppe. Ihre Herkunft liegt im Dunkel der Jahrtausende. Aus dem Fessan, einer Wüstenregion im heutigen Libyen, sollen sie ursprünglich stammen und sich von dort in die zentrale Saharazone ausgebreitet haben.

Viele Europäer sehen die Tuareg heute noch als "blaue Ritter der Wüste", die mit ihren Kamelkarawanen durch die Weite der Sanddünen ziehen. Eine romantische Vorstellung, und doch steckt darin viel Wahrheit. "Ihr Bedürfnis nach Unabhängigkeit macht sie so einzigartig", sagt Edgar Sommer, der 30 Jahre in der Sahara gelebt hat. "Wir würden es vielleicht Freiheit nennen. Auf jeden Fall lassen sie sich ungern von anderen regieren."

Kein Wunder, dass sie zu Außenseitern wurden in einer Zeit, die von Staatsgrenzen und dem Kampf um rohstoffreiche Regionen geprägt ist. Die Wander- und Weidegebiete der Tuareg erstrecken sich heute über fünf afrikanische Staaten: Mali, Niger, Algerien, Libyen, Burkina Faso. Rund eine Million Menschen sollen noch zum alten Wüstenvolk gehören.

Längst sind nicht mehr alle als traditionelle Nomaden unterwegs. "Es gibt sie natürlich noch, die Karawanen, die einem etwa in der Stadt Agadez im Niger begegnen", sagt der Experte und Autor Edgar Sommer ("Kel Tamashek. Die Tuareg", Cargo-Verlag). "Wie früher holen sie Salz aus dem nahen Bilma, um es über Hunderte von Kilometern bis nach Nigeria zu transportieren." Dort wird die begehrte Ware verkauft oder gegen Kleidung, Hirse und andere Güter getauscht. Sommer: "Andere Tuareg sind Grenzgänger, die Handel treiben – auf gut Deutsch Schmuggel." Doch viele aus dem einst stolzen Volk mussten ihre Traditionen aufgeben und sesshaft werden.

Vor allem die Dürreperioden der 70er- und 80er-Jahre veränderten das Leben. Kamele, Schafe und Ziegen verendeten, grüne Inseln im Sandmeer vertrockneten. Auf der Flucht vor der Katastrophe zogen Tuaregfamilien in die großen Städte von Algerien und Libyen, heuerten etwa als Gastarbeiter in der Erdölindustrie an. Heute kommt die Dürre immer häufiger übers Land, der Regen fehlt, die Winde wehen stärker. Auch die Unterdrückung macht den Tuareg zu schaffen. Sie sehen sich als Volk der Sahara, wollen ihr Land und ihre Kultur schützen. Doch in Staaten wie Mali sind sie weiterhin kaum anerkannt.

Im Kampf um ihre Rechte griffen die Wüstensöhne 1990 erstmals zu den Waffen. Dabei geht es stets auch um die Bewahrung einzigartiger Traditionen. Obwohl die Tuareg größtenteils Muslime sind, spielen Frauen eine starke Rolle in der Gesellschaft. Allein durch ihre Freizügigkeit wären sie bei anderen islamischen Bevölkerungsgruppen verdammt. Schleier? Nie! Die Frau kümmert sich um die Erziehung der Kinder, verwaltet den Besitz, darf sich scheiden lassen.

"Hier hat sich vieles von einem alten Matriarchat erhalten", erklärt Edgar Sommer. "Auch die Abstammung läuft über die mütterliche Seite." Ein Mann heiratet stets in die Familie der Frau ein. Ihr "gehören" die Kinder, als deren nächster männlicher Verwandter nicht der Vater gilt, sondern der Bruder der Mutter.

Tuareg - für die Wüste geboren

Kein anderes Volk hat es geschafft, sich so ans Leben in der Wüste anzupassen. Die Tuareg orientieren sich am Verlauf der Dünen, nachts an den Sternen. Sie ernähren sich von Getreidesorten wie Hirse, trinken ungekochte Kamelmilch mit Wasser zu den Mahlzeiten. Aus Ziegenmilch wird Butter gewonnen, die monatelang haltbar ist. In einem Sack aus Ziegenleder, dem "Guerba", verdunstet Wasser nur langsam. Kleidung aus Baumwolle schützt vor der sengenden Sonne. "Chech" oder "Tagelmust" heißt der Turban mit Gesichtsschleier der Tuaregmänner. Der beliebte blaue Ton der Stoffe entsteht durch mehrfaches Färben mit Indigo. Daher auch der Ruf der Tuareg als "blaue Ritter" – die Stoffe färben ab.

Wüstenerfahrung lehrt vor allem eines: Viel braucht der Mensch nicht zum Leben. Einziger Luxus ist "Shahid", der Tee der Tuareg. Drei Aufgüsse werden jedem Gast angeboten: grüner Tee mit Zucker, in hohem Strahl in Gläser gegossen und zurückgeschüttet, bis der begehrte Schaum entsteht. Jeder Aufguss schmeckt anders. Mal bitter wie das Leben, mal süß wie die Liebe, mal sanft wie der Tod.

In den Weiten der Sahara, zwischen Sanddünen, Steinwüsten und Kiesebenen, könnten selbst die Tuareg auf Dauer nicht überleben. "Dort ziehen sie nur durch", sagt Edgar Sommer. Kamelkarawanen durchqueren die Einöden, mit ihren Herden ziehen die Nomaden von einem grünen Fleck zum anderen und errichten ihre Zelte aus Palmwedeln oder Bast. Sahara-Experte Sommer: "Diese grünen Flecken liegen vornehmlich in den Gebirgsregionen, weil dort der meiste Regen fällt." Genug für Kamele und Ziegen sowie etwas Gartenbau.

Aïr im zentralen Niger, Fessan und Ausläufer des Tibesti-Gebirges in Libyen – an solchen Orten ist noch Nomadenleben möglich. Denn die Wüste wollen die Tuareg trotz aller Probleme nicht aufgeben. Nur dort, so glauben sie, kann man sein eigenes Ich finden.

Autor: Kai Riedemann