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brauner Hund

Klemmt ein Hund seine Rute zwischen seine Hinterläufe, ist er ängstlich, fühlt sich beklommen oder will sein Gegenüber beschwichtigen. - Foto © picture alliance / Arco Images GmbH

Hunde verstehen

Tier- Kommunikation

Bei jedem Spaziergang kläfft der drahtige Terrier Rudi drauflos, sobald ein Kind in Sichtweite kommt. "Ich kriege das Tier einfach nicht in den Griff“, stöhnt sein Frauchen, "und ich habe wirklich alles probiert.“ Trainerin Maike Maja Nowak beobachtet das aufgeregte Tier nachdenklich. Dann übernimmt sie die Leine, läuft mit Rudi die Straße entlang, passiert ein paar Schulkinder. Rudi bleibt still. Sogar ein Dreikäsehoch auf einem Fahrrad schwankt auf dem Fußweg vorbei, ohne dass der Terrier reagiert. Sein Frauchen ist fassungslos: "Das ist ein Wunder", stammelt sie. "Das gibt’s doch nicht."

Rudis Verwandlung hat gerade mal fünf Minuten gedauert. "Ein Kinderspiel", sagt Maja Nowak. "Ich habe mir verbeten, dass Rudi sich in die Sache mit den Kindern einmischt, ihm klargemacht, dass nur ich das regeln kann." Das hat der Hund verstanden? "Nicht durch Worte natürlich", sagt sie lachend. Durch Gesten, einen Warnlaut, zwei Finger. Eine Sprache, die Hunde verstehen. Eine Sprache, die wir Menschen lernen können.

Hunde: Vertrauen statt Macht

Hundeflüsterin nennen sie viele Menschen. Weil sie zu verstehen scheint, warum Hunde manchmal Probleme machen, was Hunde mit ihrem Verhalten sagen wollen. Wer sie bei der Arbeit beobachtet, erlebt vor allem ein Energiebündel. Nowak ist klein, aber von ihr geht jede Menge Kraft aus, ihr Blick weicht nie aus, ist wach. Das, versichert sie, ist das einzige Geheimnis: Hunde spüren, wen sie ernst nehmen können. Sie sind sogar erleichtert, wenn sie einen starken Menschen an ihrer Seite haben. "Es geht ihnen nicht um Macht, sondern um Vertrauen." Das allein sichert in der Natur ihr Überleben. Die Suche nach einem verlässlichen Rudelführer – diesen Instinkt trägt jeder Hund in sich. Und zwar sein Leben lang.

Hunde wollen gute Führung

Was Vertrauen für die Tiere bedeutet, erfuhr Maja Nowak durch einen glücklichen Zufall. Nach dem Fall der Mauer zog die zierliche Liedermacherin aus Leipzig in ein abgelegenes Dorf in Russland, lebte dort von 1991 bis 1997 und half alten Menschen beim Holzhacken und beim Schleppen von schweren Waschkörben. Eines Tages lief ihr ein bunt gescheckter wilder Mischling zu, den sie Wanja nannte. Dann kam noch ein Hund. Und noch einer. "Irgendwann zogen zehn Tiere mit mir durchs Dorf", erinnert sie sich. Eines Tages wich Wanja, der Anführer der Gruppe, bei einem gemeinsamen Spaziergang plötzlich vom Weg ab, lief nicht geradeaus, sondern machte einen riesigen Bogen. "Ich war neugierig, warum er das tat, und ging auf unserer normalen Route nachsehen", erzählt Maja Nowak.

Sie entdeckte, dass ein vom Blitz getroffener Baum quer über dem Weg lag. Verblüfft registrierte sie zudem, dass keiner der Hunde ihr gefolgt war. "Sie vertrauten einfach ihrem Leithund, dass er die richtige Entscheidung gefällt hatte", erinnert sich die 49-Jährige. "Sie verschwendeten keine Energie darauf, der Sache selbst nachzugehen." Hunde, so erkannte sie, wollen gute Führung. Sieben Jahre lang beobachtete Maja Nowak die Gruppe. Nach dem Tod ihrer Lieblinge ging sie zurück nach Berlin und studierte Hundepsychologie. Sie lernte auch all das, was die meisten Hundebesitzer für Erziehung halten: "Sitz!", "Platz!", "Komm!" und "Stopp!". Und "Bei Fuß!" – für den Fall, dass das Tier brav an der Leine gehen soll. Befehle, die funktionieren können, die zeigen: Dieser Hund gehorcht seinem Menschen. "Schnickschnack und Lottospiel", sagt Nowak, denn sie verstand: Bindung zum Menschen entwickelt ein Hund rasch – eine echte Beziehung aber funktioniert anders.

Aus den Rudelerfahrungen entwickelte sie ihre ureigene Methode. Ohne Konditionierung, ohne "Sitz! Platz! Bleib!". Nowak: "Mit solchen Befehlen lenkt man den Hund von etwas anderem ab, das er tun könnte." Stattdessen kommuniziert sie mit dem Tier in seiner eigenen Sprache: ohne Worte oder Leckerchen, aber mit deutlichen Signalen. "Ich zeige dem Hund nicht, was er zu tun hat, sondern, was er nicht machen darf. So macht es nämlich auch ein Leitwolf", erklärt Nowak. Erst sendet die Trainerin ein Warnsignal, dann stellt sie sich ihm für einen winzigen Augenblick in den Weg, begrenzt so seinen Raum, erklärt damit den Raum vor ihm zum Tabu.

Hundeerziehung: schnelle Warnlaute und Raumbegrenzung

Nowak erinnert sich an den Ridgeback Jim, dem sie beibrachte, Besucher nicht umzurempeln oder aggressiv an die Wand zu drücken. Beim Hausbesuch beobachtete sie Jims Verhalten. Als es an der Tür klingelte, wollte Jim aufspringen. Nowak machte "Sst!", der Hund war verblüfft, hielt inne, setzte dann aber wieder zum Sprung an. In diesem Moment trat sie ihm entgegen: "Ich begrenze ihn, zeige ihm, wo er nicht hindarf", erklärte sie den Besitzern, die fassungslos zusahen, wie Jim entspannt ins Körbchen zurücksank. "Bleibt ein Hund trotzdem noch nicht da, wo man ihn haben will, drückt man ihm kurz zwei Finger vor die Brust – ein Leithund würde in diesem Fall die Schnauze nehmen", sagt die Berlinerin. Wichtig: Man muss schnell sein, schon den ersten Impuls des Hundes beantworten. Der Warnlaut kann ein "Ssst!", ein "Hey!" oder ein "Schscht!" sein, völlig egal.

Jims Frauchen braucht den Warnlaut nur noch selten. Jim guckt inzwischen kaum noch hoch, wenn es klingelt. Für den Hund ist die neue Regel kein Verbot, sondern eine Erleichterung: "Jim dachte immer, er müsste die Dinge regeln, wenn es klingelte, wenn Gefahr im Anzug war", erklärt Nowak. "Jetzt zeigt sein Frauchen ihm: Ich habe alles im Griff, kümmere mich. Dafür ist ein Hund nur dankbar."

Hunde sind enorm anpassungsfähig

Der dauerbellende Cockerspaniel Heinrich, der verzagte Portugiese Alfons, Malou, ein Shar-Pei, der Angst vor Treppen hatte – Nowak konnte bisher jedem helfen. Indem sie den Besitzern übersetzte, was ihre Hunde mit ihrem Verhalten sagen wollten. Auch Rudi wollte sich mit seinem Gebell vor Kindern nicht nur wichtig machen – er handelte aus Furcht. "Das Verhalten eines Hundes kann ich in drei Minuten ändern", sagt Nowak. "Hunde sind enorm anpassungsfähig, kriegen sofort mit, wenn ihr Besitzer plötzlich anders reagiert. Man darf nur mit wenigen Signalen arbeiten und muss konsequent sein." Nie brutal, nur sehr bestimmt. So souverän wie ein Rudelführer.

Wie Nowak an diesem sonnigen Nachmittag im "Dog-Institut", ihrer Hundeschule, in der vor allem die Menschen etwas lernen sollen. Ihre Lieblinge Tinka, Frieda und Viktor, alle aus dem Tierheim, spüren: Gleich geht es los, wie jeden Tag, ins Naturschutzgebiet mit Wiesen, Wäldern und Seen. Ein freudiges Rudel, das nur noch auf seinen "Leitwolf" wartet – eine zierliche Frau mit dunklem Lockenkopf. Maja, die Hundeflüsterin.

Hunde - ihre Sprache richtig verstehen

Autor: Silke Pfersdorf