HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
Supermarkt

Große Supermärkte gehören der VErgangenheit an. Wieder modern: kleine Läden, die regionale Produkte anbieten. - Foto: © picture alliance/chromorange

Geniale Geschäfte

Supermärkte der Zukunft

Mehr Service, mehr Nähe: Mit neuen Ideen buhlen die Händler um Kunden. Ein Blick in die Supermärkte der Zukunft.

Die Vorräte an Lebens- und Putzmitteln stockte man beim Discounter auf. Für Frischwaren wie Fleisch, Käse und Obst ging’s in den Supermarkt. Hin und wieder gönnte man sich einen Besuch auf dem Wochenmarkt. So kauften die meisten Menschen ein – vor einigen Jahren.

Und heute? Da geht man zu Aldi, um Trüffelbutter und feinen französischen Käse zu kaufen. Bei Lidl gibt’s Bionudeln aus Vollkorn. Getränke lässt man vom Onlinemarkt liefern und bestellt bei der Gelegenheit auch gleich noch Tiefkühlpizza und Toilettenpapier. Das Mittagessen kommt frisch gekocht von Rewe, und zwar so verpackt, dass es gleich in die Mikrowelle kann. Und für ein edles Geburtstagsmenü findet man Rezepte und alle Zutaten im Kochhaus. So sieht sie aus, die neue Einkaufswelt: vielfältig, spezialisiert – manchmal auch etwas verwirrend.

Die Zukunft des Einkaufens

"Der Lebensmitteleinzelhandel hat sich stets gewandelt. Was wir zurzeit erleben, ist aber revolutionär, nicht evolutionär", sagt Wolfgang Gruschwitz, Bauingenieur aus München und einer der bekanntesten deutschen Ladendesigner. Im Oktober 2013 eröffnete das von ihm neu gestaltete Hieber’s Frische Center, ein Edeka-Markt in Lörrach. Auf 3500 Quadratmetern bietet er eine breite Produktpalette: vom klassischen Bedarf bis zu hoch exklusiven Waren wie dem derzeit so angesagten Dry-Aged-Fleisch, das in einer gläsernen Reifekammer lagert.

Außerdem gibt es hier ein Restaurant, eine Bierbrauerei, eine gehobene Drogerie und eine Chocolaterie. Viele Kunden reisen aus der Schweiz und Frankreich an, oft besuchen drei Generationen gemeinsam den Markt. "Sie können einerseits mit den Einkaufswagen herumgehen, haben viel Platz und eine schöne Atmosphäre", erklärt Ladendesigner Gruschwitz. "Andererseits gibt es Rückzugsräume. So kann man sich im Markt an einen Tisch setzen und Käsefondue essen. Bei speziellen Aktionen wird das Fleisch, das man drinnen gekauft hat, draußen sogar kostenlos gegrillt." Der Supermarkt als Ausflugsziel für die ganze Familie: das Einkaufsmodell von morgen? Möglicherweise.

Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Unter dem Titel "Die Zukunft des Einkaufens" macht sie folgende Trends aus: 1. Kunden wünschen sich Erlebnisse, Kontakte, Kommunikation und eine angenehme Atmosphäre beim Einkauf. 2. Gastronomie und Einzelhandel gehen Verbindungen ein. Erfolgreich sind Geschäfte mit Café, Snackbar oder Restaurant. Oder Bistros mit Einkaufsmöglichkeit. 3. Das Tante-Emma-Revival: Der Lebensmitteleinkauf "um die Ecke" gewinnt an Bedeutung. Extrem große Märkte, allen voran solche "auf der grünen Wiese", verlieren zunehmend an Attraktivität.

Kurze Wege, schneller Einkauf

Auch wenn der Lörracher Edeka-Markt noch sehr groß ist, mit seiner Kombination aus Einkaufserlebnis und Gastronomie liegt er voll im Trend. Auch die Riesensupermärkte außerhalb der Städte werden nun reagieren müssen, meint Mark Sievers, Leiter des Bereichs Handel und Konsumgüter bei KPMG: "Die Hypermärkte ‚auf der grünen Wiese‘ brauchen viel Publikum und stehen jetzt vor einer großen Herausforderung. Angesichts hoher Fahrkosten sinkt allgemein die Bereitschaft, zum Einkaufen aus der Stadt herauszufahren. Die Betreiber der Märkte müssen sich einiges einfallen lassen, um Kunden anzulocken." Immer weniger Menschen sind bereit, weite, teure, zeitraubende Wege zurückzulegen. Das gilt vor allem für junge Menschen, bei denen das Auto schon lange kein Statussymbol mehr ist. Gefragt sind Geschäfte, die nur einen kurzen Fußweg vom Arbeitsplatz oder der Wohnung entfernt liegen. Sie könnten die Gewinner der Entwicklung sein.

In der Welt des Einkaufens deutet sich eine weitere Revolution an: "Ganz entscheidend ist die demografische Entwicklung", sagt Mark Sievers. "Immer mehr Menschen leben in Einpersonenhaushalten. Zurzeit sind es in Deutschland rund 16,5 Millionen, bald werden es 17,5 Millionen sein. Hinzu kommen die Urbanisierung, also die Zunahme der Stadtbevölkerung, sowie der Rückgang der Landbevölkerung."

Vorratskäufe sind passé

Zudem gibt es einen Trend zur Spontaneität: "Die Menschen entstrukturieren ihren Alltag. Sie machen keine Wochen oder Monatseinkäufe mehr, sondern kaufen in kürzeren Intervallen für ihren täglichen Bedarf ein." Die Verbraucher sind obendrein besser informiert als früher, sie schätzen regionale, saisonale Produkte, und sie möchten, dass die Verkäufer ihnen Detailfragen zu Herkunft und Zutaten von Lebensmitteln beantworten können.

Nicht zuletzt befeuert der Handel selbst die Einkaufsrevolution: Lebensmittellieferdienste aus dem Internet machen den herkömmlichen Supermärkten Konkurrenz. Discounter nehmen exklusive Feinkost und Bioprodukte ins Sortiment, Supermärkte halten mit preiswerten Hausmarken dagegen.

Eine Branche erfindet sich neu: Supermarktmacher entwickeln im Akkord neue Konzepte, probieren sie aus, verändern und verfeinern sie, immer wieder, immer mehr. Damit Kunden sich umsorgt und verwöhnt fühlen – und positiv überrascht. Auch Branchenriesen wie Rewe betreiben dafür großen Aufwand. Seit einigen Jahren gibt es in den Zentren großer Städte "Rewe City"-Filialen: eher kleine Geschäfte mit einem hohen Anteil an Biowaren, regionalen Produkten, Singleportionen und Convenience-Food, also frisch zubereiteten Speisen, die in praktischen Einzelportionen abgepackt sind.

In drei Häusern eröffneten kürzlich "Made by Rewe"-Abteilungen. Konzernsprecher Raimund Esser erläutert: "‚Made by Rewe‘ ist ein Gastrokonzept und ein Marktplatz der Kommunikation. Die Kunden können sich setzen und leichte Gerichte an den Tisch bestellen. Oder sie kochen selbst. Dafür stehen Cerankochfelder, Rezepte und frische, portionierte Zutaten zur Verfügung. Wer möchte, nimmt die Zutaten mit nach Hause oder ins Büro. Jedes Gericht ist innerhalb von acht Minuten zubereitet. Vorerst ist das alles ein Test. Wenn wir positive Ergebnisse haben, werden wir das Angebot ausweiten."

Der Faktor Zeit

Ein entscheidender Faktor beim Einkauf ist die Zeit – beziehungsweise der chronische Zeitmangel moderner Menschen. Damit alles schnell geht, müssen die Märkte überschaubar sein. Um die Abwicklung an der Kasse zu vereinfachen, werden neue Bezahlsysteme entwickelt, beispielsweise über das Handy oder über einen zum Computer umgerüsteten Einkaufswagen.

Zur Nebensache wird der Einkauf, wenn man sich mit Freunden auf einen Imbiss im Supermarkt trifft und hinterher eine kurze Einkaufsrunde dreht. Das ist möglich in den neuen Temma-Märkten von Rewe. Die Biosupermärkte haben ein integriertes Bistro, in dem die Speisen vor den Augen der Gäste frisch zubereitet werden.

Tante Emma kehrt zurück

Der Name Temma bezieht sich auf die Tradition der Tante-Emma-Läden: An vielen verschiedenen Bedientheken kommunizieren Kunden und Verkäufer miteinander wie in früheren Zeiten. Eine Art museale Einkaufsecke betreibt auch Volker Wiem, Inhaber des Edeka-Markts Niemerszein im Hamburger Stadtteil St. Georg: Von den insgesamt 2000 Quadratmetern des Ladens hat er ein Areal für einen heimeligen Kaufmannsladen abgetrennt, der ausgestaltet ist mit nostalgischen Bodenfliesen, einer lichten Decke aus bemalten Glasscheiben und historischen Ladenmöbeln, die mehr als 100 Jahre alt sind. So kann Volker Wiem die Edeka-Billigmarke Gut & Günstig ebenso anbieten wie Produkte aus kleinen Hamburger Manufakturen. "Etwa 65 Prozent unserer Waren beziehen wir von Edeka, alles andere ist von ausgewählten regionalen Herstellern", erklärt der Inhaber.

Mit beinahe kindlicher Freude führt er durch sein 2013 eröffnetes Reich, präsentiert in Hamburg gebrannten Wodka, Honig aus dem Stadtpark und von einer Mitarbeiterin soeben frisch belegte Wurststullen. Überall wimmelt Personal herum, rückt Teedosen gerade, ordnet Obst und Gemüse zu hübschen Arrangements. Gepolsterte Bänke laden Kunden zum kurzen Plausch. Gerade kürte der Handelsverband Deutschland den Supermarkt zum Store of the Year.

Virtuell geordert, real geliefert

Die vielleicht innovativsten Ladenmacher haben ihren Firmensitz allerdings in Düsseldorf, in einem kleinen, gemütlichen Geschäft namens "Emmas Enkel". Wie früher stellt der Verkäufer die Waren für den Kunden zusammen, falls dieser nicht selbst in den Regalen stöbern möchte. Oder sich lieber in der "Guten Stube", einem Nostalgiecafé, aufs Sofa setzt und den Einkauf via iPad bestellt. Nach dem Kaffeetrinken steht die gepackte Papiertüte schon am Tresen bereit. Bestellungen sind zudem per Handy oder Internet möglich, in einem weiten Radius rund um den Laden wird geliefert. Bei Bedarf bringen "Emmas Enkel" sogar die Komplettausstattung für ein spontanes Grillfest direkt ans Rheinufer. Virtuell geordert, real geliefert. Inklusive Frischfleisch, Brot, Getränken und Einweggrill.


Geniale Supermärkte: Ideen für die Zukunft

■ Tante Emma

Immer mehr Menschen möchten den täglichen Bedarf in der Nähe ihrer Wohnung kaufen. Diesem Bedürfnis kommt die Firma Tegut in Kleinstädten und Dörfern mit ihren "Lädchen für alles" entgegen. Bürger und Gemeinden nehmen die Organisation selbst in die Hand, Tegut liefert Sortiment und Ausstattung der Geschäfte. Jedes ist so gestaltet, dass es auch als Treffpunkt dient. Bisher gibt es 25 "Lädchen für alles", 16 werden von sozialen Organisationen betrieben, etwa der Lebenshilfe, der Diakonie oder der Awo.

■ Convenience-Produkte

Convenience-Produkte werden immer beliebter, also frisch zubereitete Speisen, abgepackt in Einzelportionen. Auch die Zahl der Anbieter steigt. Ein Beispiel: Bisher gibt es fünf "Rewe to go"-Läden, fünf weitere sollen in diesem Jahr eröffnen. "Albert Heijn to go" ist eine Convenience-Food-Kette aus den Niederlanden, die hierzulande insgesamt sechs Standorte hält: in Aachen, Düsseldorf, Köln, Essen und Duisburg.

■ Neue Markthallen

In Berlin gibt es gleich drei der trendigen Treffpunkte in historischem Ambiente, darunter die Markthalle Neun in Kreuzberg. Kleine Betriebe bieten hier Bioprodukte an, viele Waren entstammen eigener Produktion. In der angegliederten Kantine kann man frisch zubereitete Speisen verzehren. Die Rindermarkthalle St. Pauli entsteht zurzeit in einem historischen Hamburger Gebäude. Neben Edeka, Aldi und einem Drogeriemarkt wird sie kleine, individuelle Geschäfte und Marktstände enthalten. Zudem soll sie ein soziales und kulturelles Stadtteilzentrum bilden. In den Hallen befindet sich auch eine Moschee. Die 163 Jahre alte Münchner Schrannenhalle bietet heute neben exklusiven Feinkostständen auch Filialen bekannter Ketten wie Käfer, Butlers oder Segafredo.

■ Kleine Feinkostläden

Kleine Feinkostläden sind wieder im Kommen, oft liegt ihr Schwerpunkt auf regionalen Produkten aus kleinen Manufakturen. Besonders erfolgreich ist das Konzept von Kochhaus: Die Läden empfehlen Rezepte, die exklusiv, aber leicht zuzubereiten sind, und verkaufen alle Zutaten passend portioniert, von Fleisch über Gemüse bis zum Gewürz. Das erste Kochhaus eröffnete 2010 in Berlin, heute gibt es elf Ableger in sechs Städten, 2014 sollen bis zu sechs weitere folgen.

Autor: Nele-Marie Brüdgam