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Die Bishnoi leben in Indiens Thar-Wüste

Ein glückliches Volk: die Bishnoi; Bild: picture alliance / Lonely Planet Images

Ein kleines Stück vom Paradies

So leben die Bishnoi in Indien

Wenn sich die Morgensonne über den Sanddünen erhebt, geht Ramniwas Budhnagar hinaus in die Weite der Thar-Wüste. Er stellt Wasser und Futter für die wilden Tiere bereit. Der Inder gehört zur Gemeinschaft der Bishnoi, die sich seit rund 500 Jahren dem Schutz allen Lebens verschrieben haben.

Wer ein Bishnoi-Dorf sucht, braucht nur den Spuren der sonst so scheuen Gazellen und Antilopen zu folgen. Sie wissen, dass ihnen in der Nähe der Hütten und einfachen Häuser keine Gefahr droht. Im Gegenteil: Oft schleppen sich gar angeschossene Tiere ins Dorf. Männer wie Budhnagar verarzten sie, pflegen sie in ihren Tempeln gesund – und verfolgen die Wilderer. So friedliebend die Bishnoi auch sein mögen, für die Natur kämpfen sie kompromisslos. Wehe den Jägern!

In Indien erzählt man sich auch stolz die Legende der Amrita Devi. Als der Maharadscha von Jodhpur Bäume für seinen Palast fällen lassen wollte, stellte sich die Bishnoi-Frau den Soldaten in den Weg. Die schlugen ihr den Kopf ab. Insgesamt 363 Menschen ließen der Überlieferung nach im Jahr 1730 ihr Leben, um das Abholzen der Bäume zu verhindern. Als Märtyrer für die Natur und großes Vorbild werden sie noch heute verehrt.

Ganz so abenteuerlich sieht der Alltag der 600.000 Bishnoi in Rajasthan und den umliegenden Provinzen nicht aus. 29 Gebote, vor einem halben Jahrtausend von Gründer Guru Jambheshwar aufgestellt, bestimmen ihr Leben. Im Mittelpunkt steht die Demut vor der Natur. Kein Baum darf gefällt, kein Tier getötet werden, und sei es noch so klein. Sogar die heiligen Feuer werden nur am Tag entzündet, weil nachts Insekten darin sterben könnten. Streng vegetarisch ist die Ernährung, den Viehzüchtern geht es nur um Milch. Sind die Tiere alt, werden sie bis zum Tod liebevoll versorgt. Andere Vorschriften regeln die Hygiene ("Bade jeden Morgen!") und den Glauben.

"Ich habe noch nie so glückliche Menschen gesehen", sagt der Aschaffenburger Tierheilpraktiker Hans-Jürgen Otte, der vier Monate bei den Bishnoi in der Wüste lebte. "Dort herrscht eine unglaublich friedliche Atmosphäre. Ich sage immer: Schaut mal, ich war schon im Paradies. Dieser Gedanke lässt mich bis heute nicht los."

Dabei ist die Thar-Wüste alles andere als paradiesisch. Regen fällt nur selten, im Sommer klettern die Temperaturen bis auf 50 Grad Celsius. Der heiße Wind trocknet die Böden aus. Trotzdem reift auf den Feldern Weizen heran. Eine mühsame Arbeit für die Bauern, ohne Strom und fast ohne Wasser. Eingezäunt sind die Felder nicht, damit sich auch wilde Tiere ihren Teil an der Ernte holen können.

"Die Bishnoi leben in Harmonie mit der Schöpfung", schwärmt Hans-Jürgen Otte. "Sie nehmen der Erde zwar etwas weg, aber sie geben auch wieder. Wir dagegen nehmen nur." Für die Männer und Frauen in den Dörfern der Thar-Wüste ist die Welt eine Einheit, Tiere und Menschen gehören zur selben großen Familie. Tierheilpraktiker Otte: "Auch ihr selbstloses Mitgefühl hat mich tief beeindruckt." Ein Polizist wurde getötet, als er Wilderer stellen wollte, die eine Antilope erlegt hatten. Die Bishnoi setzten ihm ein Denkmal. Doch genauso trauerten sie um die Antilope – die jetzt ein eigenes Denkmal hat.

Autor: Kai Riedemann; Bild: picture alliance / Lonely Planet Images