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18 Stunden schlummern Neugeborene maximal pro Tag.

Die Fähigkeiten von Babys werden unterschätzt. - Foto: © www.piqs.de / Fotograf: ronny, CC (Some rights are reserved.)

Unglaublich, was Babys schon alles können

Ganz schön schlau

Das Erste, was Bennet am 7. Januar 2010 sieht, ist gleißendes Licht. Ein Sperrfeuer von Geräuschen und Gerüchen prasselt auf ihn ein. Zehn Monate hat er zusammengekauert in einer dunklen, engen Wabe gelebt. Nun sind seine Arme und Beine völlig losgelöst. Die Helligkeit fällt ihn an wie ein Tier. Der Temperatursturz beträgt über zehn Grad. Er schließt die Augen und schreit erst mal los. Saugt Luft ein, presst die letzten Tropfen Fruchtwasser aus der Lunge. Bennet sieht verschleiert wie durch eine Milchglasscheibe. Scharf wird er erst in einem halben Jahr sehen. Da ist ein süßlicher Geruch nach Muttermilch, der ihn unwiderstehlich anzieht.

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Gewappnet für das Leben: frühkindliche Reflexe

Buchtipp:
Hier bestellen: Sleeping Beauties, Tracy Raver, Kelley Ryden, Sellers Publishing, 128 Seiten, 18,95 Euro
Anrührende Fotos, englischer Text

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Agneta Wieneke (35) erinnert sich genau an die ersten Gedanken nach der Geburt ihres Sohnes im Hamburger Albertinen-Krankenhaus. "Erleichterung und Glück", sagt sie. "Obwohl mein älterer Sohn erst zwei ist, hatte ich fast vergessen, wie unglaublich weich sich Babyhaut in den ersten Lebenstagen anfühlt." Ähnlich blütenzarte Momente haben die amerikanischen Fotografinnen Tracy Raver, Kelley Ryden und Stephanie Robin eingefangen. Satt und schlafend, so brachten ihnen die Eltern ihre fünf bis zehn Tage alten Säuglinge in das warm geheizte Fotostudio in Omaha, Nebraska. Dann legte Stephanie Robin, die auch Physiotherapeutin ist, die nackten Kinder in entspannte Positionen. So entstand ein herzzerreißender Bildband, der die Grenze zum Kitsch maßvoll umschifft.

Die unendliche Ruhe der Bilder ist allerdings nicht typisch für das Leben mit Säuglingen. Weiche Übergänge sind selten, der Hunger duldet keinen Aufschub. Dabei können Babys viel mehr als schreien, trinken, verdauen und schlafen. Kleinkinder erkennen den Geruch und die Stimme ihrer Mutter ebenso wie den Duft der väterlichen Ellenbeuge, wenn er sie oft darin trägt. Seit einigen Jahren erforschen Wissenschaftler, was die lieben Kleinen denken. Das Max-Planck-Institut (MPI) für Kognitions- und Neurowissenschaften betreibt drei "Baby-Labore" in Leipzig und Berlin. "Wir unterschätzen die geistigen Fähigkeiten von Babys", sagt die Psychologin Prof. Angela Friederici, Direktorin am Leipziger MPI. "Schon in den ersten Wochen üben Säuglinge die Betonungsmuster ihrer Sprache ein." In Zukunft werden Eltern ehrfurchtsvoller hinhören, wenn ihr Kind laut wird. Denn Babys schreien "mit Akzent".

Das fand Friederici gemeinsam mit Forschern aus Würzburg und Paris nach der Analyse von über 5000 Alltagsschreien vier Monate alter Kinder heraus. Deutsche Säuglinge beginnen laut und hoch, dann flaut der Ton ab. Pariser "bébés" dagegen schrauben ihren Schrei in die Höhe. Die Kinder folgen damit der Wortmelodie ihrer Muttersprache. Im Deutschen betonen wir oft auf der ersten Silbe, wie bei "Hase". Bei unseren französischen Nachbarn liegt der Akzent eher am Ende eines Worts. Sogar Grammatik kommt früh vor. In einer noch unveröffentlichten Studie spielte Friedericis Team deutschen Babys erst korrekte italienische Wortkombinationen vor, danach grammatisch falsche und richtige Satzteile. Die Analyse ihrer Gehirnströme per EEG zeigte: "Schon vier Monate alte Kinder reagieren erstaunt auf Grammatik", so Friederici.

Dass sich Kinder für Gesichter und starke Kontraste interessieren, ist bekannt. Wenige wissen, dass sie bereits Aktionen durchdenken. Wenn ein Ball hinter eine Wand kullert, vermuten vier Monate alte Babys, dass der Ball am anderen Ende herauskommt. Sie blicken erwartungsvoll in diese Richtung. Mit einem halben Jahr erkennen und bevorzugen Kinder soziales Verhalten. In einer Versuchsreihe wurde ihnen eine Szene mit Bauklötzen vorgespielt: Ein Klotz will auf einen Berg "klettern", schafft es aber nicht allein. Einmal kommt ihm ein anderer Klotz zu Hilfe, einmal kickt ihn ein Störenfried vom Hang. Die Kinder-Jury war sich einig: Alle griffen nach der Szene zum hilfreichen Klotz.

Auch die Art und Weise, wie ein Mensch Dinge anfasst, wird von Kleinkindern genau studiert. "Greift ein Erwachsener mit einer weit geöffneten Hand nach dem kleinen Henkel einer Tasse, wundern sich Babys", so Dr. Moritz Daum vom MPI in Leipzig. Normalerweise nähern wir uns mit dieser Handhaltung nur großen Objekten. Für kleine Dinge formen wir eine Zange aus Daumen und Zeigefinger. In ihren Studien konnten die Forscher auch einige Mythen entlarven, etwa dass Säuglinge Erwachsene imitieren, die ihnen die Zunge zeigen. "Wahrscheinlich hat das nichts mit Imitation zu tun", sagt Dr. Daum. "Babys strecken ihre Zunge heraus, wenn sie etwas Aufregendes sehen. Dazu gehört auch ein Gesicht mit herausgestreckter Zunge."

Autor: Dagmar Weychardt