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Milliardär Sir Richard Branson

Der Milliardär Sir Richard Branson mit einem Modell seines Raumschiffs "SpaceShipTwo" (Mitte) am Trägerflugzeug. - Foto © picture-alliance/ dpa

"SpaceShipTwo"

Privatreisen ins All

Wie weit kommt man in nur zweieinhalb Stunden? Hängt natürlich ganz vom Fortbewegungsmittel ab. Sehr gute Läufer absolvieren in dieser Zeit einen Marathonlauf. Deutlich bequemer ist da etwa eine Zugfahrt von Frankfurt am Main nach Hannover, die ungefähr genauso lang dauert. Schon bald aber ist in dieser überschaubaren Reisezeit ein völlig neues Ziel inklusive Rückreise erreichbar: der Weltraum.

Einmal All und zurück – in 160 Minuten

Was nach Science-Fiction klingt, soll nun auch für Nicht-Astronauten wahr werden. Nachdem in den vergangenen Jahren bereits zahlende Gäste die Internationale Raumstation "ISS" besucht haben, wollen mehrere Anbieter bald die ersten regelmäßigen Flüge ins All veranstalten.


Noch mehr über Weltraumtourismus erfahren Sie in der neuen Ausgabe von HÖRZU WISSEN (Nr. 6/2011, seit 17.11.2011 im Handel).


Das 3sat-Magazin "hitec" berichtet am 12.12. darüber (siehe TV-Tipp rechts). An vorderster Front: Virgin Galactic. Gegründet 2004 von dem britischen Multimilliardär Sir Richard Branson und dem amerikanischen Flugingenieur Burt Rutan, entwickelt Virgin Galactic seitdem den Flieger für die Weltallreise. Derzeit gehen die Tests in die heiße Phase, Ende 2012 soll der reguläre Betrieb starten.

Jetzt wurde in der Wüste New Mexicos der Weltraumhafen Spaceport America eingeweiht. "Seit ich als Teenager die Mondlandung sah", sagt der 61-Jährige Branson, "war ich entschlossen, irgendwann ins All zu fliegen. Doch Raumfahrt wird von staatlichen Organisationen betrieben. Ich merkte, ich würde niemals ins All fliegen, es sei denn, ich ürde meine eigene Raumfluggesellschaft gründen!" Beim allerersten offiziellen Flug will Branson selbst mit an Bord sein.

Raumfahrttourismus: Für 145.000 Euro ins All

Startpunkt für diese Reisen ist der Spaceport America. Jeweils sechs Passagiere sind an Bord des Raumfliegers "SpaceShipTwo", wenn er von der Startbahn abhebt.


So verläuft der Flug ins All

Ein Flugzeug hilft beim Start. Das Raumschiff "SpaceShipTwo" bietet Platz für sechs Touristen. Dank seines Raketentriebwerks erreicht es maximal 4200 Kilometer pro Stunde. Ausgangspunkt der Reisen ist die Startbahn des Weltraumhafens in New Mexico. Dabei ist das "SpaceShipTwo" noch an sein Trägerflugzeug "White Knight Two" gekoppelt. Hier die weiteren Flugabschnitte im Überblick.

1. Entkoppeln
Das Raumschiff wird in rund 15 Kilometer Höhe vom Trägerflugzeug abgekoppelt.
2. Ab ins All
In 100 Kilometer Höhe passiert der Flieger die Kármán-Linie, die offizielle Grenze zum Weltall.
3. Am Ziel
Mit 110 Kilometern erreicht das Raumschiff hier seine maximale Flughöhe.
4. Rückreise
Zum Eintritt in die Erdatmosphäre klappen die Flügel in die sogenannte "Feather"-Position.
5. Gleiten
Die Flügel des Raumschiffs werden für den letzten Teil der Reise wieder flach gestellt.
6. Landung
Der Flieger landet auf der Rollbahn des Spaceport America in New Mexico (USA).


Verbunden mit einem Trägerflugzeug, steigt das Schiff bis zu einer Höhe von etwa 15 Kilometern. An diesem Punkt entkoppelt das Flugzeug das "SpaceShipTwo", welches nun seine Raketenmotoren zündet. Mit mehrfacher Überschallgeschwindigkeit steigt das Raumschiff weiter. In einer Höhe von 100 Kilometern passiert es die sogenannte Kármán-Linie, den offiziellen Übergang zum Weltraum. Nach weiteren zehn Kilometern Aufstieg ist das Reiseziel erreicht. 110 Kilometer über der Erdoberfläche sehen die Reisenden durch ihre Fenster, was bisher nur wenige Astronauten erblicken durften: die Schwärze des Alls, die dünne, bläulich schimmernde Atmosphäre, darunter die gigantischen Landmassen und Ozeane unseres Planeten.

Während sie diese majestätischen Bilder genießen, schweben die Passagiere des "SpaceShipTwo" vollkommen schwerelos in ihrem Raumschiff umher. Abgesehen von einem stolzen Preis – umgerechnet kostet die Reise rund 145.000 Euro – sind die Hürden für den wohl einmaligen Trip niedrig gelegt. Laut Broschüre geht der Veranstalter prinzipiell davon aus, "dass jeder fliegen kann". Dennoch gibt es Tests, um festzustellen, ob ein Leiden während der Beschleunigungsphase oder der rund fünfminütigen Schwerelosigkeit zum Problem werden kann.

Vor dem Flug muss jeder Alltourist in New Mexico eine dreitägige Vorbereitung absolvieren. Auf dem Plan stehen medizinische Checks sowie theoretische und praktische Übungen, etwa Beschleunigungskrafttraining. Doch die körperlichen Anforderungen an die Reisenden dürften wohl das geringste Hindernis sein. Die Gefahren lauern anderswo. "Sichere Flüge ins All", sagt Ulrich Walter, "sind eine Illusion."

Drei Tote bei Raketentests

Professor Ulrich Walter lehrt Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München. Aber nicht nur in dieser Funktion weiß er, wovon er spricht: Er war selbst im All. Aus rund 1800 Bewerbern ausgewählt, arbeitete er 1993 an Bord des Spaceshuttles "Columbia" als Wissenschaftsastronaut. "In gewisser Weise haben die Ingenieure von Virgin Galactic einen härteren Job als ihre Nasa-Kollegen“, erklärt Walter im Gespräch mit HÖRZU. "Ihr Budget ist nicht vergleichbar mit dem staatlicher Raumfahrtbehörden, dennoch sollen sie mit extrem wenig Geld einen Flug in den Weltraum realisieren. Um das Projekt günstig zu halten, müssen sie alle Tricks anwenden."

Bei diesem schwierigen Unterfangen erlebte das Projekt einige herbe Rückschläge. Trauriger Höhepunkt: der Tod dreier Techniker bei Raketentests 2007. Mehrmals korrigierte Firmengründer Branson den Starttermin nach hinten. "Die Ingenieure müssen an die Grenzen des Machbaren gehen", erklärt Ulrich Walter. "Dafür verdienen sie größten Respekt. Doch wenn ich mich für so einen Flug entscheiden sollte, würde ich die ersten 10 bis 20 Starts abwarten – aus Sicherheitsgründen." Andere sind weniger skeptisch. Laut eigenen Angaben verbuchte Virgin Galactic bereits über 450 Reservierungen, für die jeweils eine Anzahlung von mindestens 20.000 US-Dollar fällig war. Das heißt: Bei einem geplanten Flug pro Woche mit jeweils sechs Passagieren sind die Weltallflüge bereits jetzt auf eineinhalb Jahre hinaus ausgebucht!

Alltourismus: Beginn einer neuen Ära

Für Raumfahrtexperten wie Ulrich Walter steht eines fest: Dies ist erst der Anfang. "Wir stehen am Beginn einer neuen Ära", sagt der Ex-Astronaut. "Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatten so viele die Möglichkeit, die Erde zu verlassen und eine neue Dimension zu erleben. Zuerst werden wir lediglich an der Grenze zum All kratzen. Aber schon dieser kleine 'Hopser' liefert uns einen Vorgeschmack darauf, wie der Weltraumtourismus in Zukunft aussehen könnte." Möglicherweise so wie der Urlaub, den sich Dennis Tito vor zehn Jahren gönnte. Der US-Multimillionär flog damals zur "ISS" und verbrachte insgesamt sechs Tage an Bord der Raumstation. Damit gilt Tito, der unglaubliche 20 Millionen US-Dollar für die Reise ins All zahlte, als erster Weltraumtourist. Sechs "ISS"-Touristen sollten ihm im Lauf der Jahre folgen.

Raumfahrttourismus: Sir Richard Branson will Hotel im All

Die "ISS" kreist 380 Kilometer über der Erde, etwa 270 Kilometer über Richard Bransons Raumflieger. Wohl erst dort kommt jenes überwältigende Phänomen voll zur Entfaltung, das Forscher den "Overview Effect" nennen: ein euphorisches, fast übersinnliches Gefühl der Verbundenheit mit allem. Zahlreiche Astronauten haben diese emotionale Extremerfahrung unabhängig voneinander bestätigt. Auch Ulrich Walter kennt das Gefühl, seit er unseren Planeten erstmals vom All aus sah: "Bald interessieren einen keine Länder mehr – nur noch Kontinente und die Schönheit der Natur. Denn alles, was dir Atlanten mit ihren Ländergrenzen zeigen, ist totaler Unsinn! Deine Vorstellung von der Welt war viele Jahre lang völlig falsch."

Die Alltouristen von übermorgen haben womöglich viel Zeit für diese Art von Erleuchtung. Richard Branson hat nämlich schon die nächste verrückte Weltraumidee im Kopf: "Wir träumen davon, eines Tages ein Virgin-Hotel im All zu eröffnen.“ Wird auch dieser Traum Bransons Realität, bekäme der Begriff "All-inclusive" in Reisekatalogen eine ganz neue Bedeutung.

Autor: Michael Tokarski