HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
planet e.: Giftiger Tankerschrott für Bangladesch

Die Werftarbeiter sind häufig die einzige Verdienstquelle der Familie. Verletzen sie sich
oder kommen ums Leben steht die Familie ohne Einkommen da. - Foto: ZDF/Alexander Grawe

Schiffsabwrackung in Südasien

"planet e.: Giftiger Tankerschrott für Bangladesch"

Blut, Schweiß, Giftmüll: Die Arbeiter in Asiens Abwrackwerften haben einen tödlichen Job.

Die Bilder am Strand sind bizarr, fast surreal. Als würden sie die Dreharbeiten zu einem Hollywoodfilm zeigen: Ein paar Hundert Mann stemmen sich gegen ein Stahlseil, an dessen Ende ein monströser Frachter hängt. Ihre nackten Füße versinken in grauem Schlamm, die durchgeschwitzten T-Shirts kleben an ihren mageren Körpern. Langsam und schwerfällig bewegt sich das Schiff Richtung Land, angetrieben allein durch die Muskelkraft der Männer.

Arbeit unter Lebensgefahr

Plötzlich reißt das Seil, ein Mann wird getroffen, Blut färbt den Schlamm dunkelrot. Doch es ist kein Filmblut. Und dies ist kein neues Sklavenepos aus den USA. Dies ist bittere Realität: die der Abwrackhäfen von Chittagong in Bangladesch. Im Mai 2014 verlor dort der 40-jährige Arbeiter Mohsin sein Leben. "Von solchen Vorfällen zu erfahren ist schwierig, weil die Werftbesitzer alles versuchen, um Unfälle und vor allem Todesfälle zu vertuschen. Deshalb passiert es oft, dass keine Erste Hilfe geleistet wird", berichtet die Journalistin Anne Kauth, die in Asien die Doku "Planet E.: Giftiger Tankerschrott für Bangladesch" drehte.


TV-Tipp

So, 26.10.: Doku "Planet E.: Giftiger Tankerschrott für Bangladesch", ZDF, 14.45 Uhr (s. auch TV-Tipps rechts)


"Auf diesen Werften gibt es etliche Unfälle. Oft krachen die Schiffsteile bei der Zerlegung unkontrolliert zu Boden. Wenn die Arbeiter von ihnen getroffen werden, können sie sich schwer verletzten. Viele sind nach solchen Unfällen arbeitsunfähig."

Gemäß einem Bericht der Brüsseler Shipbreaking Platform, einer nicht staatlichen Organisation (NGO), die sich für umweltund menschenfreundliche Bedingungen bei der Schiffsabwrackung einsetzt, starben in der ersten Jahreshälfte 2014 allein auf Werften in Bangladesch mindestens 15 Menschen. Die Arbeiter zerlegen die ausrangierten Schiffe weitgehend von Hand. Mit einfachen Schweißgeräten brennen sie riesige Stahlplatten entzwei – ohne Schutzkleidung, ohne Ausbildung. "Im Inneren der Schiffe lagern oft gefährliche Stoffe und unberechenbare Chemikalienmixturen", so Kauth. "Da reicht ein kleiner Funke, um das hochexplosive Gemisch zu zünden."

Gefährliches Beaching

Der Unfall, bei dem Mohsin starb, ereignete sich vor dem Zerlegen beim Einholen des Schiffs per Drahtseil, dem sogenannten Beaching. In Chittagong ist das die gängige Methode, Wracks zur Verschrottung in ihre Parkposition am Strand zu befördern.

Seit den späten 1970ern ist Bangladesch ein zentraler Anlaufpunkt für Schiffsabwrackungen. Diese spielen heute eine wichtige wirtschaftliche Rolle für die Region – und für die Welt: 229 Schiffe wurden hier allein 2012 zerlegt, mehr waren es nur in Indien. Knapp 80 Unternehmen residieren am Strand bei Chittagong. An einem rund sieben Kilometer langen Küstenstreifen liegen die Werften hier dicht an dicht, aufgereiht wie die Gräten eines Fischskeletts. Auf ihr Gelände zu kommen ist schwierig. "Wir haben uns als norwegische Investoren ausgegeben", erzählt Anne Kauth. "Journalisten will dort keiner sehen. Die haben alle Angst um ihr Geschäft."

Hart am Rande der Legalität

Schätzungsweise 150.000 Menschen leben in der Gegend von der Schattenindustrie, die meisten am Existenzminimum: Umgerechnet 55 Euro verdient ein Werftarbeiter im Schnitt pro Monat, für 12 bis 14 Stunden täglich – unter Lebensgefahr. Nicht nur die katastrophalen Arbeitsbedingungen sind problematisch: Bei der Zerlegung eines Ozeanriesen treten Ölrückstände, Schwermetalle, Asbest und andere Gifte aus. All das wird in Bangladesch weder aufgefangen noch entsorgt. Es fließt ungefiltert ins Meer, versickert im Boden, verpestet das Grundwasser. Die Zustände sind der EU bekannt – sowohl im sozialen wie auch im ökologischen Bereich. Laut Baseler Konvention dürfen Schiffe aus europäischer Flagge nur in Ländern der OECD abgewrackt werden. Doch für Reedereien ist es ein Leichtes, das Gesetz zu umgehen: Sie verkaufen die alten Frachter an ausländische Firmen, sogenannte Cash Buyer, in Länder wie Liberia oder Panama. Von dort führt der Kurs meist nach Südostasien. Bangladesch wird wohl noch lange der Friedhof der Ozeanriesen bleiben.

Autor: Susanne Schumann