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Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook

"Das Zeitalter der Privatsphäre ist vorüber", behauptet Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook. - Foto © picture alliance / dpa

Fallen und Vorteile

Netzwerk Facebook

Facebook: Im Netz der falschen Freunde

Stellen Sie sich vor, Ihr Schlafzimmer wäre aus Glas. Bad und Wohnzimmer auch, Küche sowieso. Und alle Nachbarn oder Passanten sähen, was Sie tun. So ungefähr ist das bei Facebook: Wenn man nicht aufpasst, bekommt jeder alles mit. Und die meisten passen nicht auf. "Das Zeitalter der Privatsphäre ist vorüber", behauptet Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook. Aber will das überhaupt jemand?

Über 700 Millionen Mitglieder

Mehr als 20 Millionen Mitglieder hat das soziale Netzwerk Facebook in Deutschland, weltweit sind es mehr als 700 Millionen. Nur die Weltreligionen bringen ähnlich viele Menschen zusammen. Doch selbst die schaffen es derzeit nicht so oft in die Schlagzeilen. Die Nachrichten, in denen Facebook erwähnt wird, sind meist keine guten. Mal ist es die Affäre eines CDU-Politikers mit einer 16-Jährigen, mal der Skandal um einen sexversessenen US-Politiker, mal sind es aus dem Ruder gelaufene Geburtstagspartys oder die Unruhen in England.

Eine 24-jährige Lehrerin beging in Abu Dhabi Selbstmord, weil Nacktfotos von ihr bei Facebook auftauchten. Ein 13-jähriger Schüler aus Österreich nahm sich das Leben, als er in einer Fotomontage als Homosexueller dargestellt wurde – bei Facebook. Eine 42-jährige Engländerin, die ihren Suizid über Facebook ankündigte, erntete nur höhnische Kommentare. Später fand man ihre Leiche. Was ist dran an Facebook, dass es so viele Menschen fesselt und manche in die Verzweiflung treibt?

Facebook: Tücken, Fallen und Vorteile

Zuallererst Facebook als Netzwerk eine Möglichkeit, mit Freunden und Verwandten auf der ganzen Welt in Kontakt zu bleiben. Eine Plattform, auf der man sich Fotos zeigen, Neuigkeiten erzählen und Webseiten empfehlen kann. Ein digitaler Kaffeeklatsch. Nur: Dabei ist man oft nicht unter sich. Denn die "Privatsphäre-Einstellungen", mit denen man den Zugriff auf Fotos und Texte regelt, sind nicht nur gut versteckt, sondern auch schwer zu durchschauen. "Online-Privatsphäre ist das neue Videorekorder-Programmieren“, schrieb ein Wirtschaftsmagazin. Das ist kein Zufall. "Die Vorlieben und Kontakte der Mitglieder sind für Facebook bares Geld wert", sagt Hendrik Speck, Professor für Digitale Medien an der Fachhochschule Kaiserslautern. "Zwar werden Daten nicht direkt an Werbekunden weitergegeben, indirekt können die aber auf bestimmte Facebook-Nutzer zugeschnittene Anzeigen schalten."

Je mehr ein Mitglied bei Facebook über sich preisgibt, desto genauer treffen die Angebote seine Bedürfnisse. So wird aus dem sozialen Netzwerk ein Marktplatz – auf dem Facebook an allem mitverdient, ob jemand auf eine Anzeige klickt oder bei einem Onlinespiel mitmacht. Nur ein Massenprotest verhinderte vor zwei Jahren, dass sich das Unternehmen ein uneingeschränktes Nutzungsrecht an allen Daten einräumte. Inzwischen ist es für Mitglieder auch einfacher, im System einzustellen, ob eine Nachricht öffentlich werden soll. Aber es sind nicht nur diese Einstellungen, es ist auch die Mentalität. Denn was im wirklichen Leben peinlich ist, scheint auf Facebook zum guten Ton zu gehören.

Da werden Bikini- und Besäufnisfotos hochgeladen, als gäbe es dafür Preise. "Dahinter steckt die Sehnsucht, von möglichst vielen Menschen gehört und gesehen zu werden", sagt der Münchner Psychologie-Professor Ernst Pöppel. "Bei Facebook veröffentlicht man seine Intimität ohne direkte Folgen, das ist eine Art Selbstprostitution." Und paradox: Denn im Netz schreiben viele, so Pöppel, was sie ihren engsten Vertrauten nicht sagen würden. Ursache dieses Drangs zur Entblößung ist nichts Geringeres als eines der menschlichen Grundbedürfnisse: dabei sein zu wollen.

"Freund" und "Friend" bei Facebook

Umso trügerischer ist der Begriff "Freunde", mit dem bei Facebook alle bezeichnet werden, mit denen man eine Verbindung eingeht, obwohl auf die meisten nicht einmal "entfernter Bekannter" zutreffen dürfte. Oder wie soll man sich erklären, dass selbst Oberschüler es auf Hunderte, oft sogar Tausende "Freunde" bringen? "Ein Freund ist im deutschen Kontext etwas ganz anderes als ein 'friend'", sagt Psychologe Pöppel.

Die Engländerin, die sich sozusagen vor den Augen ihrer Facebook-Freunde umbrachte, hatte 1048. Aber es ist ja nicht alles schlecht: Immerhin spielte Facebook bei den Revolutionen in Tunesien und Ägypten eine große Rolle. Ohne die unmittelbar verbreiteten Fotos, Videos und Nachrichten hätten die Aufstände nicht solche Kraft entwickelt. Als die ägyptischen Behörden das Internet abschalten ließen, ging die Revolte allerdings trotzdem weiter. Die Protestierenden nutzten das älteste Netzwerk der Welt: Mundpropaganda. Es geht eben auch ohne Facebook.

Autor: Michael Fuchs