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Ken Duken (l) als ehemaliger SS-Führer.

Ken Duken (l) als ehemaliger SS-Führer. - Foto © Bayrischer Rundfunk / Tellux-Film GmbH/Markus Schwabenitzky

TV-Film "Frei"

Nazis auf der Flucht

Viele NS-Verbrecher entkamen nach dem Krieg gen Übersee. Sie hatten Helfer aus Kirche & US-Geheimdienst. Ein TV-Film zeigt den Skandal

Buenos Aires, 20. Juni 1949: 3000 Einwanderer aus Europa kommen mit dem Schiff "North King" in der argentinischen Hauptstadt an. Unter ihnen: ein Massenmörder. Josef Mengele, der "Todesengel von Auschwitz". Der Mann, der Tausende KZ-Insassen in medizinischen Experimenten quälte und umbrachte. In seinem Pass steht ein anderer Name: Helmut Gregor. 38, katholisch, Mechaniker. Er hat sich aus Europa abgesetzt, um einem Gerichtsverfahren zu entgehen. Wie Mengele entkommen nach dem Zweiten Weltkrieg viele NS-Verbrecher entlang der sogenannten Rattenlinien nach Übersee. Darunter: SS-Hauptsturmführer Erich Priebke, Holocaust-Organisator Adolf Eichmann und Klaus Barbie, der „Schlächter von Lyon“. Sie haben mächtige Unterstützer. Hilfe kommt aus dem Vatikan – und vom amerikanischen Geheimdienst.

Italien nach dem Zweiten Weltkrieg: Hunderttausende fristen in überfüllten Lagern ihr Dasein. Vertriebene, KZ-Überlebende, Kollaborateure, Soldaten. In diesem Chaos tauchen auch Kriegsverbrecher unter. Das Land ist Drehscheibe der Flüchtlingsströme. Juden und SS-Angehörige, Opfer und Täter – in Italien kreuzen sich ihre Wege. Historiker Gerald Steinacher, Autor des Buches "Nazis auf der Flucht" (Fischer, 384 S., 14,95 €), erklärt: "90 Prozent der Kriegsverbrecher und NS-Täter sind über Italien in die Freiheit geflüchtet."


Klöster als Schlupflöcher

Zunächst müssen alle von Deutschland aus über Österreich nach Italien gelangen. Der Weg führt über Alpenpässe, hier machen Menschenschmuggler gute Geschäfte. Bei Kriegsende gibt sich Mengele als einfacher Soldat aus und kommt als Knecht in einem bayerischen Bauernhof unter. 1949 flüchtet er nach Südtirol – die erste Durchgangsstation für Reisende in Italien und ein Nazi-Schlupfloch. Südtiroler Fluchthelfer verschaffen ihm einen neuen Pass. Der SS Mann heißt jetzt Helmut Gregor, stammt aus dem Südtiroler Weinort Tramin und erfüllt die wichtigste Voraussetzung für eine Flucht: Als Südtiroler gilt er als Volksdeutscher, ist staatenlos – und hat Anspruch auf einen Reisepass des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Die Organisation stellt Reisepapiere für Flüchtlinge aus, damit diese Italien verlassen können. "Da es kaum Kontrollen bei der Beantragung eines Passes gab, stand Missbrauch auf der Tagesordnung", so Steinacher. Mengele legt beim IKRK in Genua den falschen Ausweis vor, erhält einen Rot-Kreuz-Pass – und macht sich davon, nach Buenos Aires. Die Fluchthilfe für NSVerbrecher kommt mitunter von ganz oben: aus dem Vatikan. Da viele Flüchtlinge ihre Identität nicht belegen können, wenden sie sich an päpstliche Hilfsstellen, die Empfehlungsschreiben an das Rote Kreuz ausstellen. Experte Steinacher: "Die Schreiben der vatikanischen Hilfsstellen wurden wiederum von den Mitarbeitern des Roten Kreuzes kaum hinterfragt." So kommen zahlreiche belastete Personen an neue Pässe.

Die Unterstützung kirchlicher Würdenträger geht allerdings noch viel weiter: Der Franziskanerpater Krunoslav Draganovic und der Bischof Alois Hudal bauen ein regelrechtes Netzwerk für Fluchthilfe auf. Sie versorgen Nazis mit Unterkünften und buchen Schiffspassagen. Mit ihrer Hilfe können sich die Kriegsverbrecher in Klöstern verkriechen, bis die Überfahrt arrangiert ist. Oft werden die Fluchtwege deshalb auch "Klosterrouten" genannt.

Tv-Film_Frei

Julia Engelbrecht als Auschwitz-Überlebende im TV Fluchtdrama "Frei" - Foto © Bayrischer Rundfunk / Tellux-Film GmbH/Markus Schwabenitzky


US-Geheimdienste helfen nach

Die USA kommen diesen Machenschaften 1947 auf die Spur – und nutzen die vorhandenen Routen für ihre eigenen Zwecke. "Bald nach Kriegsende hatten die Amerikaner großes Interesse an SS-Geheimdienstlern mit antikommunistischem Knowhow", erklärt Steinacher. Im Fall des ehemaligen Gestapo-Chefs von Lyon, Klaus Barbie, helfen sie sogar, ihn nach Übersee zu schaffen. Er erhält ein Visum für Bolivien, bekommt weiterhin Aufträge von der CIA und vom BND. 1983 liefert Bolivien ihn an Frankreich aus, wo er in Haft stirbt.

Die meisten Nazi-Verbrecher zieht es nach Argentinien. Diktator Juan Perón, ein Bewunderer Hitlers, will sein Land mithilfe deutscher Wissenschaftler und Techniker modernisieren. Auch Eichmann flüchtet hierher und verdingt sich zeitweise als Elektriker für Daimler-Benz. Doch 1960 wird er vom israelischen Geheimdienst Mossad entführt – und hingerichtet.

Priebke wurde ebenfalls gefasst. Die argentinischen Behörden lieferten ihn nach Rom aus, wo er im vergangenen Jahr unter Hausarrest starb. Mengele aber blieb bis zu seinem Lebensende in Südamerika: 1979 erlitt er beim Baden in Brasilien einen Schlaganfall. Und ertrank.

Autor: Manuel Opitz