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Das Forschungsschiff Polarstern

Expedition in die Antarktis mit dem Forschungsschiff "Polarstern". Foto: © picture alliance / WILDLIFE

Expedition ins ewige Eis

Mit der "Polarstern" in die Antarktis

Zwischen Walen und Wasserproben: ZDF-Reporterin Hildegard Werth fuhr mit dem Forschungsschiff "Polarstern" in die Antarktis.

Der erste Eisberg schwimmt etwa drei Tage nach dem Auslaufen in Punta Arenas (Chile) am Horizont. Unwirklich und weiß, wie ein Markierungspfosten auf der eisigen Mission in die Antarktis. Noch werden Fotoapparate hochgerissen, die Mannschaft versammelt sich an Bord und staunt – wenige Tage später werden die Kolosse niemandem mehr ein müdes Lächeln abringen.

Das Forschungsschiff "Polarstern"

Die "Polarstern" hat Kurs auf die Antarktische Halbinsel genommen, Ziel Weddellmeer, dorthin, wo aufgrund der Klimaerwärmung riesige Platten des Schelfeises abgebrochen sind. Welche Organismen werden sich dort angesiedelt haben, befreit von der eisigen Versiegelung? ZDF-Reporterin Hildegard Werth und ihr Kameramann Ludger Nüschen sind die einzigen Journalisten an Bord. Außerdem gibt es noch 44 Crewmitglieder und dazu 50 internationale Wissenschaftler.

Auf ihrer Reise werden die Forscher mit dem Helikopter aufsteigen, um Wale zu zählen. Sie werden den Kranzwasserschöpfer zum Meeresboden hinab senken, um aus verschiedenen Tiefen Proben zu entnehmen. Sie werden Schleppnetze auswerfen und analysieren, was der Meeresboden preisgibt.

Expedition ins Eis

Eisschollen in der Antarktis

Ein riesiger Eisberg in der Atka-Bucht in der Antarktis. Foto: © picture-alliance/ dpa

Zwei Monate wird die Expedition entlang der Antarktischen Halbinsel dauern. Acht Wochen in einer Region der Welt, in der Menschen auf sich allein gestellt verloren wären. Das Eis, das vor Tagen am Horizont auftauchte, ist jetzt immer dabei. Bis zu eineinhalb Meter Dicke kann der Bug durchschneiden. Türmen sich die Schollen höher, fährt das Schiff darüber und drückt das Eis mit dem Rumpf zusammen. Je tiefer das Forschungsschiff vorstößt, desto mächtiger werden die eisigen Riesen.

Hildegard Werth staunt über die verschiedenen Formationen: "Es gibt gigantische Tafeleisberge, die wie schwimmende Gletscher sind, 'Sahneeis', das Spitzen und Grate bildet wie Softeis aus der Maschine. Dann sprödes Eis, das zersplittert wie der Schokoladenguss auf einem Eis am Stiel, Pfannkuchen-Eisschollen, hauchdünnes, milchiges Neu-Eis, krümeliges, bräunliches Porridge-Eis und, und, und …"

Insgesamt sind die Temperaturen im antarktischen Sommer erträglich: maximal minus 7 Grad, im Wasser um minus 1,7 Grad. Die Sonne verschwindet erst nach Mitternacht für wenige Stunden hinter dem Horizont. Wenn der Himmel klar ist, wird es in manchen Nächten gar nicht richtig dunkel.

Größtes deutsches Forschungsschiff

Die "Polarstern" – im Dezember 1982 erstmals zu Wasser gelassen – ist mit 118 Metern Länge das größte deutsche Forschungsschiff. 1,5 Millionen Seemeilen hat sie zurückgelegt, das entspricht 2,8 Millionen Kilometern. 1986 durchbrach sie als erstes Schiff den winterlichen Packeisgürtel des Südpolarmeeres, seitdem wird die vom Klimawandel gefährdete Region immer wieder beobachtet.

Labore, Kühlräume, Aquarien sind an Bord, aber auch Schwimmbad, Sauna und Fitnessstudio. Die Abläufe sind straff durchorganisiert. Die Crew arbeitet in zwei Vier-Stunden-Schichten, danach sind auch die Essenszeiten ausgerichtet. Frühstück von 7.30 bis 8 Uhr, Mittag von 11.30 bis 12 Uhr, Abendbrot von 17.30 bis 18 Uhr. "Für meinen mediterranen Lebensrhythmus eher gewöhnungsbedürftig", sagt Hildegard Werth.

Genauso wie das Zusammenleben auf engstem Raum. Ihre Kabine auf dem B-Deck teilt sich die Reporterin mit einer Biologin aus Brüssel. Einziger Rückzugsort an Bord ist das Hochbett, das mit einem Vorhang abgetrennt werden kann. Werth: "Das funktioniert nur, wenn man sehr rücksichtsvoll miteinander umgeht."

Die "Polarstern" pflügt voran, Kilometer für Kilometer in die Eiswüste hinein. 30 Tonnen Treibstoff verbrauchen die vier Motoren an guten Tagen, doppelt so viel, wenn das Eis besonders dick ist.

Manchmal sieht die Crew vereinzelte Gruppen von Pinguinen auf den Schollen, manchmal Robben und Seeleoparden, deren Fell von Kämpfen zernarbt ist. Kontakte zwischen Mensch und Tier sind verboten – nichts soll das fragile ökologische Gleichgewicht stören.

Pinguine und Robben können von der Polarstern beobachtet werden

Pinguine und Robben können von der Polarstern beobachtet werden. Foto: © picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Tage sind ausgefüllt: Die Reporterin und ihr Kameramann Ludger Nüschen sitzen im Schneideraum ganz oben neben der Wetterstation und produzieren ihre Beiträge. (Sonntag, 26. Mai, läuft um 14.45 Uhr "Vom Leben unter dem Eis" bei "planet e.", ZDF, s. auch TV-Tipp rechts).

Gefährliche Schiffsreise

Jeder Gang übers Deck ist eine Expedition für sich. Vor allem das Arbeitsdeck, wo die Schleppnetze von Bord gelassen werden. "Das Schiff ist gefährlich", sagt Hildegard Werth. Alles ist vereist, sogar die Geländer.

Dazu die zahlreichen Stolperfallen: "Die Vorstellung, über einen Befestigungsanker zu stolpern und über das vereiste Deck ins Wasser zu rutschen, ist bedrohlich. Selbst die Überlebensanzüge aus Neopren würden da nicht lange helfen – außerdem liegen die in der Kabine, für den Notfall, dass die Mannschaft das Schiff verlassen muss."

Hildegard Werth trägt Polarkleidung, die das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven zur Verfügung gestellt hat. Dazu von innen mit Filz gefütterte Sicherheitsschuhe. "Da kann auch mal ein Eisklumpen rauffallen, ohne dass der Knochen bricht."

Forschungsschiff Polarstern

Polarkleidung tragen auch die Forscher auf der "Polarstern". Foto: © Foto: M. Martin/PIK

Wer an der Reling steht und über die unendliche Eiswüste blickt, mag sich kaum vorstellen, welchen Strapazen die Männer ausgesetzt waren, die um den Jahreswechsel 1911/1912 den Wettlauf zum Südpol wagten. Der Norweger Roald Amundsen erreichte das Ziel als Erster, sein britischer Konkurrent Robert Scott und dessen Leute erfroren auf dem Rückweg.

Werth: "Ich bewundere ihre Willensstärke. Am sympathischsten ist mir aber Ernest Shackleton, der den Mut hatte, kurz vor dem Südpol umzukehren, weil er wusste, dass er nur so die Chance hatte, sein Team heil nach Hause zu bringen."

Risiken minimieren

Ihr Team heil nach Hause bringen wollen auch Kapitän Uwe Pahl und Expeditionsleiter Professor Julian Gutt. So stabil ihr Schiff auch ist, so gut die Ausrüstung – Risiken bleiben. Sie müssen entscheiden, wie weit die "Polarstern" in das Weddellmeer vordringen kann, dorthin, wo Schelfeisgletscher abgebrochen und im Meer davongeschwommen sind.

Sie müssen auch bestimmen, welche der Wissenschaftler wann zum Einsatz kommen: Die Wale Walezähler, die mit dem Helikopter aufsteigen wollen, sind wegen des diesigen Wetters oft tagelang zum Nichtstun verdammt. Also kommen die Ozeanografen zum Zug, sie entnehmen die Wasserproben.

Genau einen Monat nach Reiseantritt fällen Meeresbiologe Julian Gutt und Kapitän Uwe Pahl eine schwere Entscheidung: Die "Polarstern" kehrt um! Gutt: "Der Eisgang war zu hoch, eine Weiterfahrt aussichtslos." Auch auf der Rückfahrt werden weitere Untersuchungen angestellt, die erhellen sollen, wie Klimawandel und Ökosystem zusammenhängen.

Am 18. März legt die "Polarstern" wieder an der Südspitze Chiles an. Werth: "Wir sind fast 6000 Seemeilen gefahren und haben doch nur einen Zipfel der Antarktischen Halbinsel erforscht – dieser Kontinent ist riesig!"


Infos über die "Polarstern"

Das Forschungsschiff wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gebaut und 1982 vom Stapel gelassen. Fast das ganze Jahr über ist das 118 Meter lange und 25 Meter breite Schiff, das insgesamt neun Decks besitzt, in den Regionen der Arktis und Antarktis unterwegs.

Betrieben wird es vom Alfred-Wegener- Institut für Polarund Meeresforschung. Die beschriebene Expedition startete in Punta Arenas an Chiles Südspitze und führte die Antarktische Halbinsel entlang.

Autor: Angela Meyer-Barg