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Lust ist keine Frage des Alters.

Lust ist keine Frage des Alters./ Foto: © picture alliance/Beyond

Sex im Alter

Liebe und Lust der späten Jahre

Früher war es üblich, spätestens nach der Menopause die Lust zusammen mit den Negligés an den Nagel zu hängen und sich um die Enkel zu kümmern. Heute bekennen sich gerade Frauen, deren Lebenserwartung immer weiter steigt, zur Lust der späten Jahre. "Hinter jedem Mann, der nicht mehr kann, steht eine Frau, die nicht mehr darf", wissen Sexualtherapeuten.

Auch Prof. Sommer erlebt Männer, die von ihren Frauen geschickt werden, und freut sich über diese Fürsorge, die gleichzeitig Vorsorge ist. Denn die erektile Dysfunktion, genauer Impotenz, kann auf andere Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Herzbeschwerden hinweisen. Der Penis ist eine "Wünschelrute des Herzens". Die Kunst des Prof. Sommer besteht darin, überzogene Erwartungen abund Selbstbewusstsein wieder aufzubauen.

Kleine blaue Pille

Gerade das Internet mit seinem unendlichen Angebot an Filmen und Fotos verfälscht die Wirklichkeit. Sommer: "Es geht ja nicht nur um die Größe und die Dauer des sexuellen Aktes." Andererseits ist nicht von der Hand zu weisen, dass Männer ihr Selbstbewusstsein mit ihrer funktionierenden Männlichkeit verbinden.

Die klassische Hilfe ist Viagra, eine kleine blaue Pille, die 1998 auf den Markt kam und bis heute weltweit mehr als 1,3 Milliarden Mal verkauft wurde. In Deutschland werden derzeit 370.000 Männer mit dem verschreibungspflichtigen Medikament behandelt. Die Forschungen an einer Pille für die Frau wurden allerdings wieder eingestellt. "Die weibliche Sexualität ist zu komplex", meint dazu der Pressesprecher des Pharmakonzerns Pfizer.

Die Liebe ist eben ein weites Feld. Und die beiden Liebenden im Altersheim in Bremen haben sich für ein seelisches Miteinander entschieden, das von Berührungen lebt. Wenn Erika ihrem Heinz über die Wange streicht, wenn er ihre Hand hält und ihren Rücken streichelt, dann sind Rheuma und schmerzende Knochen fast vergessen.

Wissenschaftler wissen es längst: Streichelnde Hände locken Endorphin und Oxytocin, beide Stoffe wirken schmerzstillend. Berührungen erinnern an das Grundbedürfnis eines Kindes, gehalten und gewollt zu sein. Die Sehnsucht nach Berührungen bereitete auch den Weg für die Kunst des Ayurveda, die von Massagen lebt. In China sind die Hände seit 5000 Jahren Medizin. Durch Berühren und Massieren bestimmter Punkte auf den Energiemeridianen im Körper wird das Gleichgewicht der Lebensenergie wieder hergestellt.

Sexberaterin Dr. Ruth Westheimer, die sich von ihren Klienten nur "Dr. Ruth" nennen lässt, hat nichts gegen Händchenhalten. Aber sie will zu spielerischen Berührungen verführen und legt ihren Patienten dafür alle Hilfsmittel ans Herz, die die Haut und die Lust stimulieren: Federn und raue Schwämme, Samt und Seide. Liebe und Lust hören nimmer auf, und die größte Chance der älteren Generation ist die Freiheit von Zwängen. Kein Wecker, der stört, kein Kind, das ins Schlafzimmer platzt. Und die Nachbarn sind im Zweifel genauso kurzsichtig wie man selbst.

Dr. Ruth empfiehlt gemeinsame Bäder und Partnerübungen. Sie rät zu kleinen Abenteuern: Wie fühlt sich etwa die Liebe im Freien an? Scham war gestern, jetzt kommt die Lust, und zwar die spielerische. Leistungsschau war gestern, jetzt kennt man sich gut, hat sich gern und kann auch mal gemeinsam lachen.

So wie Erika und Heinz, die ihre Tage im Altersheim immer gemeinsam ausklingen lassen. Zuvor geht Heinz oft noch zum "Fit für 100"-Turnen, schnallt sich beim Krafttraining Gewichte um die Fesseln. Und Erika besucht derweil den Friseur, weil sie schön sein will für ihn. Hauptsache, der Abend gehört den beiden wieder gemeinsam. "Ohne meine Erika", sagt Heinz, "kann ich nicht einschlafen."

Und was ist mit den Singles unter den Älteren? Vielleicht entdecken sie das Internet: eine Spielwiese für viele neue Ideen und Impulse. Das gilt vor allem für jene, die keine Lust auf Standardunterhaltung wie Tanztee und Kaffeefahrt haben. Wer surft, landet vielleicht eher bei "Kuschelabenden", an denen sich fremde Menschen in
Großstädten treffen, um einander zu streicheln. Ganz ohne Nebengedanken.

Längst gibt es auch Partneragenturen, die sich auf die Generation 50 plus spezialisiert haben (www.silberfuchs-partnersuche.de), längst vermitteln Foren Kontakte zu Gleichgesinnten (www.feierabend.com).

Wer allein bleibt, kann von einem Zeitgeist profitieren, der die Bedürfnisse der Seele endlich ernst nimmt, der sich für neue Körper- und Gesundheitskonzepte aus anderen Kulturkreisen geöffnet hat. Wer einmal durch Marokko gereist ist, kennt die Atmosphäre im Hamam, diesem feucht-vernebelten Schwitztempel, in dem die Kundschaft auf heiße Steine gebettet und mit seidigen Stoffbahnen eingeschäumt wird.

Längst gibt es Hamams auch in deutschen Städten als Ergänzung zu den Saunalandschaften. Gelobt sei, was hart macht? Andersrum macht das Leben Spaß: Gelobt sei, was zart macht. Das Schlusswort gehört einer Sexualberaterin, die vor Jahren im Fernsehen mit ihren elegant übereinandergeschlagenen Beinen Furore machte. 72 ist sie heute, verwitwet, immer noch attraktiv.

"Die Liebe ist der Motor des Lebens", sagt Erika Berger. "Ob du 16 oder 60 bist, ist egal. Mag die Leistungsfähigkeit auch nachlassen – du hast alle Zeit der Welt, es wieder zu versuchen."

Autor: Angela Meyer-Barg