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Lust ist keine Frage des Alters.

Lust ist keine Frage des Alters./ Foto: © picture alliance/Beyond

Sex im Alter

Liebe und Lust der späten Jahre

Wenn Erika und Heinz kurz auseinandergehen, geben sie sich einen Kuss. "Tschüs, Schatz, bis gleich!" Sie drücken einander die Hand, drehen sich noch einmal um und winken. Sie trennen sich sehr selten: Manchmal schickt Erika ihren Mann aus der gemeinsamen 60-Quadratmeter-Wohnung in einem Bremer Altenstift, weil sie ungestört putzen möchte. Manchmal biegt Heinz zum Fitnessraum ab, während sie eine Treppe weiter hinunter zum Schwimmen geht. Heinz und Erika Bruksch sind 86 und 72 Jahre alt.

Im Altersheim haben sie sich kennengelernt, dort teilen sie eine Wohnung und ein Leben. Diesen Sommer feierten sie ihren dritten Hochzeitstag. Wer sie sieht, dem fällt der Bibelvers ein: "Die Liebe höret nimmer auf".

Warmes Licht flutet die Praxis von Senta Stutzinger im westfälischen Lünen, in der Luft liegt der Duft ätherischer Öle. Stutzinger empfängt zu Massagen, genauer, zu tantrischen Massagen. "Handwerkerin" nennt sie sich und lacht. Die braun gelockte Frau mit dem mütterlichen Busen schwebt wie eine indische Göttin über ihren Klienten – meist Männer, meist im fortgeschrittenen Alter – und verhilft ihnen zu umfassender Entspannung.

Am wichtigsten sind ihr Entschleunigung und Achtsamkeit. "Wir Tantriker respektieren die Grenzen jedes Menschen." Doch sie spürt auch das Bedürfnis ihrer Kunden, diese Grenzen vorsichtig aufzulösen. "Menschen sind so dankbar für Berührung", sagt die Tantra-Masseurin. Wenn die Liebe nimmer aufhört, gilt das auch für die Lust?

Vom Wollen und Können

Prozentzahlen und Fachbegriffe prasseln auf jeden nieder, der Prof. Frank Sommer zu seinem Fachbereich befragt. Vor allem der Begriff "erektile Dysfunktion" fällt immer wieder – er bedeutet Impotenz. Sommer hält den einzigen Lehrstuhl für Männergesundheit in Deutschland. Zu ihm an die Universität Hamburg kommen Männer, die nicht mehr können – oder nicht mehr wollen. Von Letzteren gibt es zunehmend mehr

Eine Welt, in der alles immer komplizierter wird, selbst die Bedienung des Fernsehgeräts, und eine Arbeitswelt, die immer mehr verlangt, und das in immer kürzerer Zeit, fordern ihren Tribut: "Morgens ist das Glas voller Triebenergie, abends ist es leer", sagt Sommer. Vor ihm saßen schon 35-Jährige, die keine Lust mehr spürten und die er ohne Rezept oder Therapievorschlag wieder nach Hause schickte: "Wenn ihnen sonst nichts fehlt und kein Leidensdruck da ist, gibt es keinen Handlungsbedarf."

Andererseits hatte er kürzlich einen 78-jährigen Patienten, Hobbybergsteiger und topfit, der auch sexuell noch Gipfel erklimmen wollte. Dem Manne konnte geholfen werden: mit Beckenbodengymnastik eine gute Durchblutung und einer Ernährungsumstellung nach dem Motto "Fünf Handvoll Obst und Gemüse am Tag". Schon ging es mit der Standfestigkeit bergauf.

Wichtigste Erkenntnis der Forscher: Das sexuelle Begehren ist unabhängig vom Alter, funktioniert aber nicht auf Knopfdruck und ist viel komplexer, als es die gesellschaftliche Norm wahrhaben will. Es stimmt eben nicht, dass Frauen jenseits der Wechseljahre jede Lust vergeht. Genauso wenig, wie es zutrifft, dass Männer jenseits der 50 grundsätzlich Probleme mit der Erektion haben.

Begehren beginnt im Kopf

Eine alte Dame mit silbernen Haar weiß das schon lange. Dr. Ruth Westheimer (83), deutschstämmige Sex-Expertin aus den USA, schrieb 2008 in ihrem Buch "Silver Sex" den bemerkenswerten Satz: "Die Lust sitzt zwischen den Ohren." Was nur heißt: Begehren beginnt im Kopf. Er macht sich sein eigenes Bild, inszeniert seinen eigenen Film.

Im öffentlichen Bewusstsein allerdings hat die Lust der späten Jahre noch keinen Platz. Im Gegenteil: Wer heute provozieren will, zeigt alte Menschen beim Liebesspiel, wie etwa in dem Spielfilm "Wolke 9", der vor zwei Jahren in die Kinos kam. Im Mittelpunkt stehen ein alter Mann und eine alte Frau, die sich heftig ineinander verlieben. Man sieht die beiden unter einem Laken verschwinden, beobachtet in Großaufnahme, wie eine Hand mit Altersflecken nach einem Körper tastet, den andere welk finden würden.

"Wolke 9" zeigt das Alter so, wie es ist: ohne Filter, Make-up und Weichzeichner. Der Film bricht ein Tabu. Er räumt mit dem Vorurteil auf, ab einem bestimmten Alter hätten Männer und Frauen im Schlafzimmer nur noch den Wunsch zu ruhen. Und körperlicher Kontakt beschränke sich bei ihnen auf das Händchenhalten.

Die sogenannte "Silver Generation" denkt gar nicht daran: "Insgesamt sind die modernen 60-Jährigen, sofern sie in Partnerschaften leben, sexuell bemerkenswert aktiv", fand die Abteilung für Sexualforschung der Uniklinik Hamburg heraus. Je oller, je doller? Jedenfalls lassen sie sich das Lieben nicht mehr verbieten, die Jahrgänge jenseits der 50, 60 oder 70. Vor allem Frauen haben viel nachzuholen.

Autor: Angela Meyer-Barg