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Hochwasser in Deutschland

Schwerer Regenfall überflutete die Straßen in Deutschland und führte Anfang 2013 zu Hochwasser. - Foto: © picture alliance/chromorange

Das Wetter spielt verrückt

Hochwasser, Gewitter und Bibber-Juni

Hochwasser, Tropengewitter, Bibber-Juni, Endloswinter: Warum Wetterextreme immer häufiger werden und was uns klimatisch erwartet.

Bikini oder Gummistiefel? Pullover oder Trägertop? Wer dieser Tage in Deutschland auf Reisen geht, sollte sich beim Kofferpacken für alles wappnen, was Wettergott Petrus in petto hat: Tropenhitze, Hochwasser oder Bibber-Tage. Alles scheint möglich. Das Wetter gleicht zunehmend einer Lotterie.

Selbst der Lauf der Jahreszeiten scheint nicht mehr sicher: Winter im Frühjahr, Herbst im Sommer. Zunächst machte sich der Winter viel zu lange breit: "Bis Ende März lagen selbst flache Regionen Norddeutschlands unter einer geschlossenen Schneedecke", sagt Karsten Schwanke, Meteorologe und ARD-Wetterexperte. "Das war sehr ungewöhnlich."

Häufiger extreme Wetterlagen wie Hochwasser

Danach betrübte der Wonnemonat Mai selbst hartgesottene Spontangriller. "Im Mai tanzte ein Konglomerat aus kleinen Tiefdruckgebieten die sich immer wieder über dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer vollsogen, eine Pirouette über Mitteleuropa", so Schwanke. "Diese Wettersituation hielt sich sehr zäh. Wir haben häufiger extreme Wetterlagen – auch riesige Regengebiete."

Normal ist für unsere gemäßigten Breiten etwas anderes. Tief- und Hochdruckgebiete wechseln recht schnell – Pingpong-Wetter ohne große Ausschläge. Doch diesmal machte der Guss einfach nicht Schluss: Ende Mai regnete es in der Gemeinde Aschau im Chiemgau wie seit 100 Jahren nicht mehr: 407 Liter pro Quadratmeter in vier Tagen.

Deutschlandweit prasselten in derselben Woche 22,75 Billionen Liter Wasser herab. Die Sintflut geriet zur Katastrophe: Das zweite Jahrhunderthochwasser seit 2002 trieb Flüsse über die Ufer, die Schäden in Milliardenhöhe und viele Betroffene in den Ruin.

Erhöhter Niederschlag

Was folgte, wirkte eher wie eine Parodie auf die schönste Jahreszeit: Glutschübe, Tropengewitter, wochenlang Waschanlage. Grill, Picknickdecke und Tischtennisplatte verstaubten im Winterlager. "Was wir 2013 bisher an Wetter erlebten, ist tatsächlich eine Ausnahme", sagt Prof. Mojib Latif. Als Klimatologe am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel betrachtet er lange Zeiträume.

In Deutschland stieg die mittlere Temperatur in den vergangenen 130 Jahren um gerade mal 1,1 Grad Celsius, die Niederschlagsmenge aber erhöhte sich im selben Zeitraum um 10 Prozent. Die insgesamt wärmere Atmosphäre nimmt mehr Feuchtigkeit auf und treibt die Wettermaschine an. "Besonders im Winter werden wir im Lauf der Jahrzehnte mehr Niederschläge bekommen, aber nicht als Schnee, sondern Regen", sagt Latif. "Extreme Wetterlagen nehmen aufgrund der Erderwärmung tendenziell zu – auch bei uns." Grüne Weihnachten also statt Schlittengaudi. Prof. Latif: "Im Sommer müssen wir uns auf mehr heftige Gewitter mit Starkregen und Blitzen einstellen, aber auch auf lange Dürrephasen."

Laut einer Analyse der weltgrößten Rückversicherung Munich RE, verantwortlich für Schadensregulierungen nach Naturkatastrophen, wie auch Hochwasser, hat sich die Zahl der Wetterdramen in Deutschland seit den 70er-Jahren mehr als verdreifacht. "Dabei kommen wir noch glimpflich davon", so Latif. "In den USA oder Japan nimmt die Anzahl starker Hurrikans zu. In tropischen Ländern wie Indien gibt es während des Monsuns öfter verheerende Fluten."

Erhöhte Durchschnittstemperatur

Weltweit erhöhte sich die Durchschnittstemperatur seit 1900 um rund ein Grad. Seit zehn Jahren stagniert der Wert nun auf hohem Niveau. Doch Latif ist überzeugt: "Der Klimawandel macht nur eine Atempause. Ursache ist die verstärkte Wärmeaufnahme der Tiefsee unterhalb von 2000 Meter, die den Anstieg der Oberflächentemperatur dämpft. Doch dieser Kühleffekt kann in einigen Jahren ins Gegenteil umschlagen, wenn sich die Strömungen ändern."

Der Wandel vollzieht sich ohnehin ungleichmäßig. Die Erde zeigt sich als Flickenteppich aus lauwarmen Zonen wie Deutschland und extrem heißen sogenannten Hotspots, die etwa im Inneren der Kontinente und in der Arktis zu finden sind. Das Eis im Nordpolarmeer schmolz im Sommer 2012 so stark wie nie zuvor seit 1979. Auch wenn sich unser Juni nach Erkältung anfühlte: Der Planet hat Fieber.

Wetterprognosen bei Hochwasser

Wissenschaftler des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie prophezeien für das Jahr 2100 an der Nordsee eine Erwärmung um 2,5 Grad, im deutschen Südosten sogar um vier Grad. Wenn die Pegel steigen und Spontanunwetter häufiger werden, wächst die Bedeutung ortsgenauer Prognosen. "Bei Hochwasser ist es enorm wichtig, die Pegelstände auf die Stunde genau zu berechnen, wenn sich etwa Scheitel an den Zusammenläufen der Flüsse überlagern", so Gerhard Lux vom Deutschen Wetterdienst (www.wettergefahren.de).

"Unsere Niederschlagsvorhersagen helfen, die Notfallpläne vor Ort umzusetzen." Für eine fundierte Prognose betrachten Wetterprofis vor allem Luftdruck, Lufttemperaturen am Boden und in der Höhe, Luftfeuchte sowie Windrichtung und -geschwindigkeit.

Das Rechenzentrum des DWD verarbeitet die Datenflut von rund 2000 Messstellen, 17 Radaranlagen und 9 Radiosondenstationen in Deutschland. Dazu Datensätze, die zwischen den nationalen Wetterdiensten weltweit ausgetauscht werden: Insgesamt melden rund 11.000 Landstationen, 900 Radiosondenstationen, 2800 Schiffe, 750 Meeresbojen, 3000 Verkehrsflugzeuge und zwei Dutzend Wettersatelliten. Seit rund zwei Jahrzehnten werden hierzulande auch Blitze gezählt (www.blids.de) und Tornados notiert (www.skywarn.de).

Wetterprognosen im TV

Für die ARD beobachtet die Firma Meteomedia Sonne, Wind und Wolken. Hierzulande betreibt das von Jörg Kachelmann gegründete Unternehmen, das auch Daten des DWD nutzt, zusätzlich 500 eigene Messstationen. Deren Zahl kann aus Sicht der TV-Wetterfrösche nicht hoch genug sein. "Je besser ich die Situation vor Ort kenne, desto besser ist meine Voraussage", sagt Karsten Schwanke, der anhand von Satellitenbildern, Regenradar und örtlichen Messungen bis zur letzten Minute an seiner Moderation feilt: "Es ist ein Unterschied, ob ich vereinzelte oder heftige Gewitter vorhersage."

Im Internet warnt Meteomedia sogar postleitzahlengenau vor Unwettern (www.unwetterzentrale.de). Nach Einschätzung der Meteorologen ist der TV-Ausblick recht sicher: Der 48-Stunden-Trend stimme zu 90 Prozent, die Fünf-Tages-Prognose noch zu 70 Prozent. "Was über eine Woche hinausgeht, liegt im Glaskugelbereich, dafür ist das Wettergeschehen zu komplex", meint Schwanke.

Für alle, die dennoch einen Blick nach vorn werfen möchten, haben die Meteorologen von www.donnerwetter.de eine Prognose gewagt (siehe unten). Sie fällt recht freundlich aus. Hoffen wir, dass Petrus sich daran hält.

Wetterprognose: Wie wird der Sommer 2013?

Sonne oder Dauergrau: Dr. Karsten Brandt, Meteorologe bei donnerwetter.de, hat für HÖRZU die Trends der nächsten Monate berechnet

  • • Juli
  • Die Temperaturen steigen deutlich an, in der zweiten Monatshälfte auf Werte um 28 Grad Celsius. Mit rund 20 sonnigen Tagen können wir rechnen.

  • • August
  • Vor allem im Süden und Osten leicht zu warm. In der Monatsmitte unterbrechen einige Schauer das heitere Wetter. Um den 19. wird es richtig heiß.

  • • September
  • Er verwöhnt uns mit rund zehn herrlichen Tagen Altweibersommer. Vor allem in der ersten Woche noch heiter, dann etwas kühler und Schauer.


    Naturkatastrophen in Deutschland

    Unwetter

    Schauerlich
    Sommer mit Donner: Von Juni bis August gewittert es am häufigsten und immer heftiger. 680.000 Blitze zucken jährlich vom Himmel herab


    Dürre

    Durststrecke
    2013 war eine Ausnahme: Allgemein mehren sich im Frühjahr die Dürren. Folge: geringere Ernten, hohe Preise


    Schneemassen?

    Weißes Wunder
    Oberwiesenthal 2005: Solche Schneeberge werden seltener. Die Schneefallgrenze steigt, die Gletscher schmelzen weiter ab


    Hitzewellen

    Badezeit
    Nicht immer, aber öfter: Hitzewellen wie 2003, als Hoch "Michaela" Europa schwitzen ließ, sind ein Indiz für den Klimawandel


    Hochwasser

    Die Flutgefahr steigt
    Juni 2013: Helfer im überschwemmten Dresden-Pillnitz. Es gibt einen Trend zu Starkregen im Sommer

    Autor: Dagmar Weychardt