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Burg Guedelon

Das Mauerwerk entsteht vor allem aus Sandstein eines nahen Steinbruchs.
Foto: ARTE France / © Denis Gliksman/Inrap.

Bauen wie im Mittelalter

Guédelon: Wir bauen uns eine Burg

In Burgund entsteht eine Burg der Ritterzeit allein mit Materialien und Techniken des 13. Jahrhunderts. Ein großes Experiment und eine Touristenattraktion.

Klappernde Pferdehufe, knarzende Holzräder, ächzende Seile, dazu die Schläge des Schmieds auf den Amboss. Dieser Ort sieht nicht nur mittelalterlich aus, er hört sich auch so an. Denn im Wald von Guédelon, etwa 200 Kilometer südlich von Paris, entsteht eine Burg aus dem 13. Jahrhundert. Der Clou des kühnen Plans: Gebaut wird nur mit Materialien und Methoden aus der Zeit der Ritter. Ganz ohne Strom und moderne technische HilfsHilfsmittel, allein mit Muskelkraft.


TV-Tipp

Sa., 20.6.: "Guédelon: Wir bauen uns eine Burg" - Dokumentation über das Mittelalter-Experiment, 20.15 Uhr, Arte (s. auch TV-Tipps rechts und in unserem TV-Programm)


Schon seit 1997 arbeiten jedes Jahr von März bis November etwa 70 Menschen an dem spannenden Projekt. Die Lage der Burg am Fuß eines überwucherten alten Steinbruchs ist ideal. Die rund 30.000 Tonnen Sandstein, die für den Bau benötigt werden, müssen nicht über große Entfernungen herbeigeschafft werden. Auch alle anderen Materialien sollen aus der direkten Umgebung von Guédelon stammen: Meißel, Seile, Farben, Ziegel, Holznägel. Eine gewaltige Herausforderung für das Team.

Wissenschaftliches Experimentierfeld

Um etwa Keramikrohre für die Wasserspeicher zu brennen, musste erst ein mittelalterlicher, 1000 Grad Celsius heißer Brennofen rekonstruiert werden. Um Mörtel für die Mauern zu gewinnen, löschte das Team Brandkalk mit Wasser und vermischte ihn dann mit Sand. Das Wissen über diese Technik ging schon vor Jahrhunderten verloren. Deshalb gilt Guédelon auch als wissenschaftliches Experimentierfeld.

Praktische Versuche tragen dazu bei, der mittelalterlichen Lebens- und Arbeitswelt näherzukommen. Gleichzeitig werden dabei archäologische Theorien geprüft – und bestätigt oder widerlegt. "Die Werkstätten, die unterschiedlichen Techniken und Werkzeuge, all das bringt uns Erkenntnisse", erklärt
Prof. Nicolas Faucherre, Archäologe an der Universität Aix-Marseille. "Damit ist die Baustelle ein außerordentlich gutes Instrument zur Wissensvermittlung."

Historische Vorbilder

Burg Guédelon entsteht nach historischen Vorbildern aus der Zeit von König Philipp II. August von Frankreich (1165 bis 1223). Zu den typischen Elementen zählen ein rechteckiger Grundriss, umgeben von einem Verteidigungsgraben, hohe Schildmauern, zylindrische Ecktürme, ein mächtiger Hauptturm und ein Quartier für Soldaten zwischen den beiden Tortürmen.

Ein Team von Wissenschaftlern begleitet den Bau. Sie entwarfen sogar eine Biografie des fiktiven Burgherrn. Seine Lebensgeschichte dient als Richtlinie: Hätte sich ein Angehöriger des niederen Landadels das leisten können? Diese Fragen stellen sich die Bauherren von Guédelon oft, wenn sie Entscheidungen treffen müssen. Eine Kapelle etwa war ursprünglich als Gebäude im Burghof geplant, das wäre aber für die Größe der Festung unüblich gewesen. Nun entsteht sie in einem Turm.

Abenteuer und Touristenattraktion

Die Arbeit verlangt dem Team auch körperlich alles ab, egal ob beim Steinebrechen, Mörtelmischen oder Mauern. Für viele ehrenamtliche Helfer, die die fest angestellten Handwerker unterstützen, ist es dennoch ein verlockendes Abenteuer. Jedes Jahr nehmen sich 500 bis 600 Freiwillige extra Urlaub, um einige Tage mitzuarbeiten.

Dank der Einnahmen aus Ticketverkauf, Souvenirladen und Taverne ist das anfangs subventionierte Projekt seit 2000 sogar finanziell unabhängig. Guédelon gilt längst als Touristenattraktion. Jahr für Jahr besuchen rund 300.000 Neugierige die Baustelle, staunen über die komplett aus Holz errichtete Wassermühle, lassen sich von den Arbeitern die Vision des Projekts und die Baufortschritte erklären.

Und wann wird die Burg endlich fertig sein? Angelegt ist das Projekt auf 25 Jahre, dann wäre 2022 Schluss. Eine Perspektive, die bei allen Beteiligten zwiespältige Gefühle auslöst. "Wir haben Angst davor, was dann passiert", gibt Nicholas Faucherre vom Wissenschaftsbeirat zu. "Deshalb wäre es am besten, die Burg würde nie fertig."

Autor: Dirk Oetjen / Kai Riedemann