HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
Wahlplakat des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück.

Wahlplakat des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Als Bundeskanzler würde er zuerst in der Arbeits- und Sozialpolitik Akzente setzen. - Foto © picture alliance / dpa

Welche Faktoren uns beeinflussen

Experten-Tipps zur Bundestagswahl

Kurz vor der Bundestagswahl am 22. September weiß jeder Zweite noch nicht, für wen er stimmt. Experten erklären, welche Faktoren nun die Entscheidung bringen.

Gibt es Menschen, die sich bei einer Wahl vom Äußeren der Kandidaten leiten lassen? Bestimmt – obwohl es kaum einer zugeben wird. Klar ist: Nur die Allerwenigsten studieren ausführlich Parteiprogramme. Wie also kommt unsere Entscheidung zustande? Sind wir dabei wirklich frei? HÖRZU befragte Experten.


Welche Partei passt zu mir? Der Wahl-O-Mat hilft!

Unter www.wahlomat.de bietet die Bundeszentrale für politische Bildung ein Frage-Antwort-Spiel an, das zeigt, welche Partei der eigenen politischen Position am nächsten steht. Der Nutzer kann dabei auf 38 Thesen antworten mit „Stimme zu“, „Stimme nicht zu“, „Neutral“ oder „These überspringen“. Natürlich vollkommen anonym. Das Angebot gibt es zu Bundestags-, aber auch zu vielen Landtagswahlen.


Eine Tendenz ist eindeutig: "Wahlentscheidungen treffen viele Menschen inzwischen erst kurz vor der Wahl", so Frank Brettschneider, Medienwissenschaftler an der Universität Hohenheim. In einer Umfrage, die Infratest Dimap einen Tag nach der Bundestagswahl 2009 durchführte, antworteten 19 Prozent der Bürger, sie hätten sich erst in den letzten Wochen entschieden. 18 Prozent hatten es in den letzten Tagen vor der Wahl getan, 15 Prozent sogar erst am Wahltag. Nur 14 Prozent gaben an, ihr Kreuz immer bei derselben Partei zu machen – 2002 waren es noch 21 Prozent.

Der soziale Druck bei den Wählern lässt nach

"Wahlkampf gleicht heute einem Marathonlauf mit Zielfoto", sagt der Politologe Karl-Rudolf Korte von der Uni Duisburg-Essen. "Der Prozess der Meinungsbildung hat sich so verlagert, dass die letzten Tage wahlentscheidend sein können." Die soziale Prägung, die uns vorgibt, so zu wählen wie das Umfeld, wie Familie, Nachbarn, Kollegen oder Vereinskameraden, habe nachgelassen, da diese Gruppen heute weniger stabil seien. Korte: "Dadurch hat sich das Kurzfristige nach vorn geschoben. Die Entscheidung fällt eher aufgrund von Kandidaten, Themen und Parteiidentifikation."

Letztere galt lange als jene Variable, die das Wahlverhalten am stärksten beeinflusst. Sie wirkt wie ein Filter, durch den aktuelle Ereignisse eingeordnet werden. "Doch der mehr und mehr individualisierte Bürger sieht sich keiner sozial verankerten Wahlnorm verpflichtet", so Korte. Die Individualisten von heute entscheiden vor allem nach Themen und Kandidaten – und oberflächlicher? "Äußerlichkeiten haben einen extremen Einfluss", sagt Michael Thiel, Psychologe und Autor, dessen neues Buch "Die Kraft der Klarheit" am 7.9. erscheint. "Wir entscheiden in 167 Millisekunden, ob jemand auf uns kompetent, bedrohlich oder attraktiv wirkt."

Ist der Idealtypus des rationalen Wählers nur ein Mythos?

Wer bedrohlich erscheine, habe genauso wenig Chancen wie jemand, der zu attraktiv daherkomme: "Dann befürchtet der Wähler eine Mogelpackung. Ideal ist eine Mischung aus relativ attraktiv und kompetent. Vor allem Authentizität ist gefragt." Ist der Idealtypus des rationalen Wählers also nur ein Mythos? HÖRZU befragte die drei Experten. "Nein", sagt Brettschneider. "Viele beziehen sich bei der Stimmabgabe auf Themen, die ihnen wichtig sind, oder stimmen taktisch ab." Beispiel: CDU-Anhänger, die der FDP über die Fünf-Prozent-Hürde helfen.

"Nein", meint auch der Politologe Korte: "In Deutschland entscheidet weder die Sympathie noch die Krawatte. Die deutschen Wähler sind viel rationaler als etwa die amerikanischen. Entscheidend ist, welchem Kandidaten ich die Kompetenz zuschreibe, mein Problem zu lösen." "Ja", sagt hingegen Psychologe Michael Thiel: "Was ein Politiker inhaltlich sagt, ist nur zu einem kleinen Teil entscheidend. 90 Prozent der Informationen über ihn nehmen wir auf über Mimik, Gestik, Tonfall oder Tonhöhe."

Optik gegen Kompetenz

Auch bei der Frage, welchen Einfluss die Plakatflut auf den Straßen auf unser Wahlverhalten hat, gehen die Expertenmeinungen auseinander. "Gar keinen", sagt Frank Brettschneider. Die "Kopfplakate" würden völlig überschätzt: "Bei Bundestagswahlen sind sie rausgeschmissenes Geld. Gut gestaltete Themenplakate mit kurzer, prägnanter Aussage können hingegen wirkungsvoll sein." Karl-Rudolf Korte hält Werbeplakate keineswegs für überholt: "Wahlkämpfe sind immer altmodisch und modern zugleich. Auch Flugblätter gehören dazu, genau wie das Händeschütteln auf dem Marktplatz oder der Einsatz von Onlinemedien, um auch die jungen Wähler zu erreichen."

Michael Thiel sieht die Plakate pragmatisch: "Viele sind von ihnen genervt, aber dem unbewussten psychologischen 'Effekt des bloßen Kontakts' kann sich niemand entziehen: Je präsenter die Gesichter, desto mehr prägen sie sich ein."

Die Macht des Fernsehens

Talkshowauftritte oder das TV-Duell Merkel gegen Steinbrück vom 1. September spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. "Sie erreichen viele Zuschauer, die sich sonst nicht intensiv mit Politik beschäftigen, sowie parteipolitisch ungebundene Menschen, die sich noch nicht entschieden haben", meint Brettschneider. Dabei sei in erster Linie wichtig, wer kompetenter und glaubwürdiger wirke und mehr Entscheidungskraft zeige.

Zudem können Politiker dort relativ ungefiltert ihre Positionen vertreten: "Gerade bei TV-Duellen haben sie zwei Wählergruppen im Blick: Die eigenen Anhänger sollen mobilisiert und die Unentschiedenen überzeugt werden." In einem TV-Duell gehe es "nicht so sehr um Inhalte, sondern eher um die Art und Weise, wie ein Kandidat auftritt, wie er schaut, wie er sich durchsetzen kann", so Thiel. "Das kann durchaus wahlentscheidend sein."

Doch nicht alle Einflüsse kommen von außen. Die Ausprägung unseres politischen Interesses könnte teilweise auch genetisch bedingt sein, erklärt Thiel: Einige Studien belegen, dass eineiige Zwillinge, die getrennt aufwuchsen, ein ganz ähnliches politisches Engagement entwickelten. Selbst das eigene Temperament spiele eine erhebliche Rolle: Wer beispielsweise eher ängstlich veranlagt sei, wähle eher jenen Politiker, der verspricht, Vertrautes zu bewahren.

Manchmal hängt die Entscheidung sogar vom Wahllokal selbst ab. Thiel führt eine Untersuchung aus den USA an, nach der "Wähler, deren Wahllokal in Kirchenräumen eingerichtet war, weit häufiger konservativ wählten als solche, bei denen die Wahlurne in einer Kneipe stand".

Autor: Thomas Röbke