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Die EU hat Plastiktüten den Kampf angesagt.

Die EU hat Plastiktüten den Kampf angesagt. Vor allem dünne Plastikfolien für Obst sollen eliminiert werden. - Foto © picture alliance / ZB

HÖRZU-Selbstversuch

Eine Woche ohne Kunststoff

Eine Woche ohne Kunststoff: Die EU hat Plastiktüten den Kampf angesagt. Wie schwer der Verzicht sein kann, erlebte eine HÖRZU-Reporterin beim Selbstversuch.

Mein Projekt ist eigentlich ganz einfach, sage ich mir. Eine Woche lang werde ich einkaufen, ohne eine einzige Plastiktüte zu benutzen. Eine Woche Achtsamkeit gegen die Vermüllung der Welt. Um es vorwegzunehmen: Das Projekt wird zur Herausforderung, denn der Griff zur Tüte ist so selbstverständlich wie der zum Taschentuch.

Umwelt Plastik

Ein Igel von Plastik fast stranguliert. - Foto © picture alliance / Mary Evans Pi


Vermüllt und verschandelt

Plastiktüten bestehen aus Rohöl, was die begrenzten Vorräte der fossilen Ressourcen weiter erschöpft. Etwa 90 Prozent aller Tüten landen auf Mülldeponien und benötigen 100 bis 500 Jahre, bis sie zerfallen. Umweltverbände fordern nun, Plastiktüten mit einer Abgabe zu belegen.


Start der Versuchsreihe auf einem Markt im alternativen Hamburg-Ottensen, wo die Babys Mullwindeln tragen und die Mütter ihren Macchiato aus Pappbechern trinken. Der Markt ist ein Musterbeispiel für Verpackungswahn: verschweißter Grünkohl, abgepackte Äpfel, Nüsse in knirschender Folie. Sogar die Gurken stecken im Kunststoffkorsett. Möchten Sie eine Tüte? "Nein", sage ich beharrlich. "Ist aber besser", insistiert der junge Verkäufer und wickelt den Plastikbehälter mit geschälter Ananas zusätzlich in Folie. "Sonst haben sie den Saft später auf dem Mantel."

Was auf dem Wochenmarkt noch als freundlicher Service durchgeht, ist im Kaufhaus Programm. Ungefragt packt die Verkäuferin den bereits verpackten Kaffee nochmals in Folie. Warum? Darum: Die Plastiktüte kostet in der Herstellung weniger als einen Cent – ist aber, bedruckt mit Slogans und Firmenlogos, ein idealer Werbeträger. Millionen von Kunden, die tütenbehängt durch die Innenstädte strömen, machen unfreiwillig Reklame. Die Frage "Tüte?" ist rein rhetorisch zu sehen.

Umwelt Plastik

Tierquälerei: Eine Möve kann sich nicht mehr aus einer dünnen Plastiktüte befreien. - Foto © picture alliance / Mary Evans Pi

Schon stecken die bereits in Folie verpackten Strümpfe nochmals in Plastik. Schnell und beherzt muss man auftreten, um den Automatismus zu stoppen. Jeder Appell an das Einverständnis – "Mein Vorsatz: keine Plastiktüte!" – stört das Verpackungsritual. Achselzuckend wird die Tüte weggepackt, beim nächsten Kunden beiläufig wieder hervorgeholt. Seltsam sektiererhaft steht man da, wie vormals beim Ablehnen hingestreckter Zigaretten. Danke nein, ich mach nicht mit. Klingt nach Quertreiber, aber das darf mein Experiment jetzt nicht stören.

Selbst im Biomarkt: Plastikbeutel

Umweltverbände schlagen schon seit Langem Alarm: 65 Plastiktüten verbraucht jeder Deutsche im Jahr, macht insgesamt 5,3 Milliarden. 106.000 Tonnen Kunststoff werden jährlich für die Herstellung verbraucht, das raubt Ressourcen und belastet die Umwelt. Nur die wenigsten nutzen die Tüten mehrfach, nur Umweltbewusste versenken sie zum Recyceln in der gelben Tonne.

Mein Selbstversuch geht weiter. Im Biomarkt frage ich scheinheilig nach einer Tüte und werde belehrt: So was führen wir nicht mehr. Nur Stoffbeutel! Die Ausnahme steht direkt neben der Kasse: Eine Abreißrolle mit Beuteln für Obst und Gemüse. Genau diese flatternden Folien hat die EU jüngst aufs Korn genommen, ausgerechnet sie scheinen unverzichtbar. Wohin mit zarten Himbeeren, empfindlichen Pilzen, kullernden Erdnüssen? In extradünne Beutel, da passen gleich 100 auf einen Haken!

Umwelt Plastik

In Deutschland werden jede Minute 10.000 Plastiktüten verbraucht. - Foto © picture alliance / Wolfram Stein

Es ist ja nicht so, dass es den Menschen egal ist, dass die Meere vermüllen und Seevögel an unverdaulichen Plastikfetzen verenden. Es ist einfach so, dass Tüten praktisch sind und leicht verfügbar. Trotzdem gilt: Der Verbraucher hat die Macht. Und der Verbraucher bin ich. "Sehr geehrte Damen und Herren", schreibe ich an den Verlag meiner Tageszeitung, die neuerdings in einer Plastiktüte im Hausflur liegt, "... bin ich entsetzt über diese Ignoranz und werde ich mein Abo kündigen, sollten Sie nicht zeitnah …".

Es braucht drei Wochen und zwei Nachfragen, dann steckt meine Zeitung wieder unverhüllt im Kasten. Geht doch. Das Wichtigste bei meinem Kreuzzug, lerne ich, ist ein Vorrat an Basttaschen und Stoffbeuteln. Das Zweitwichtigste der eigene Kopf, in dem es zuverlässig warnblinkt: Plastik? Kommt mir nicht in die Tüte!

Autor: Angela Meyer-Barg