HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
Landwirtschaft verbraucht Wasserressourcen

Rund 70 Prozent des weltweiten Wassergebrauchs entfallen etwa auf die Bewäs-
serung von Äckern, Feldern, Treibhäusern und gigantischen Anbauflächen.
Foto: David McNew/Getty Images

Kampf ums Wasser

Doku im TV: "Wem gehört das Wasser?"

Sauberes Trinkwasser ist ein Menschenrecht. Doch die Vorräte sind sehr begrenzt – und der weltweite Bedarf wächst dramatisch an.

Durstig in Berlin? Das muss nicht sein. An 18 öffentlichen Plätzen der Hauptstadt laden mittlerweile Trinkbrunnen dazu ein, gut gekühltes Berliner Wasser zu genießen. Etwa direkt am Kurfürstendamm oder in unmittelbarer Nähe des Volksparks Friedrichshain. Nein, Trinkwasser ist in Deutschland wirklich nicht knapp. 1,69 Euro zahlten wir letztes Jahr durchschnittlich für 1000 Liter, also nicht einmal 0,2 Cent pro Liter. Schwer vorstellbar, wovor Experten warnen: Wasser wird schon bald kostbarer als Gold.


TV-Tipp

Di, 12.8.: "Wem gehört das Wasser?" Doku über die Zukunft der weltweiten Wasserwirtschaft; ARD-ALPHA 21.00 Uhr (s. auch TV-Tipps rechts)


Rund 5000 Kilometer entfernt sieht die Sache deutlich anders aus. Die Region Tigray im Norden Äthiopiens wird immer wieder von verheerenden Dürren heimgesucht. Von vielen Dörfern führt nur ein stundenlanger Fußmarsch zur nächstgelegenen Quelle. Dreimal in der Woche legen Frauen und Kinder den beschwerlichen Weg durch das bergige Gelände zurück, einen 25-Liter-Kanister auf dem Rücken. Manchmal trocknen sogar diese Quellen aus, und es bleiben nur noch trübe Tümpel übrig. Erfrischendes Wasser sieht anders aus.

Wo liegt das "blaue Gold"?

"Mehr als 1,2 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser", warnt Roland Gramling von der Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) Deutschland. "Immer länger wird der Weg, den sie zurücklegen müssen, um den Bedarf zu decken." Dabei gibt es auf der Erde genug Wasser – doch 97,5 Prozent schwappen ungenießbar in den Weltmeeren. Von den 2,5 Prozent Süßwasser sind mehr als zwei Drittel in Gletschern und Schneedecken gebunden, und der Rest liegt meist als Grundwasser unter der Erde. Gerade mal 0,008 Prozent der weltweiten Ressourcen kann der Mensch relativ leicht erreichen, vor allem in Flüssen und Seen.

Das verfügbare Wasser ist also knapp, die Nutzung aber nimmt rasant zu – zwischen 1930 und 2000 hat sie sich versechsfacht. Und ein Ende dieser Entwicklung lässt sich nicht absehen: "Der globale Bedarf wird bis 2050 voraussichtlich um 55 Prozent ansteigen, mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung werden dann in Gebieten mit starkem Wasserstress leben", warnen Unesco-Experten im aktuellen Weltwasserbericht 2014. "Gründe dafür sind die wachsende Bevölkerungszahl und verbrauchsintensive Lebensstile." Wasserstress – das heißt, die große Entnahme gefährdet die Ressourcen. Brunnen versiegen. Das Recht des Menschen auf sauberes Wasser, von der Vollversammlung der UN im Juni 2010 anerkannt, lässt sich nicht mehr erfüllen.

Droht die große Dürre?

"Die Gleichung ist ganz einfach", erklärt Roland Gramling. "Nimmt sich der Mensch mehr, als auf natürlichem Weg nachkommt, sind die Vorräte irgendwann weg." Als Vereinigung zum Schutz der Umwelt betont der WWF die komplexen Zusammenhänge des Wasserkreislaufs. Wälder speichern Niederschläge, Feuchtgebiete sichern die Versorgung, die Süßwasser-Ökosysteme filtern und reinigen das Trinkwasser. Jeder Eingriff stört das Gleichgewicht und kann zur Katastrophe führen.

Längst tobt ein weltweiter Kampf ums kostbare Nass. Denn jeder will seinen Anteil an den begrenzten Vorräten. Den größten Durst hat die Landwirtschaft: Rund 70 Prozent des weltweiten Wassergebrauchs entfallen etwa auf die Bewässerung von Äckern, Feldern, Treibhäusern und gigantischen Anbauflächen. Einige Produkte wie Reis, Baumwolle, Zuckerrohr oder Weizen benötigen im Anbau ganz besonders viel Wasser. Oft ist die Bewässerungstechnik veraltet oder den Bedingungen nicht angepasst. Das benötigte Wasser verdunstet oder versickert auf dem Weg zu den Feldern.

"Die Herstellung von einem Kilo Baumwolle verbraucht 11.000 Liter Wasser", erklärt Roland Gramling. "In Pakistan werden die Felder vor allem geflutet, eine sehr ineffiziente Methode. Ein Drittel dafür muss bereits aus dem Boden hochgepumpt werden und lässt den Grundwasserspiegel dramatisch absinken." Für den Baumwollanbau in Usbekistan und Kasachstan werden seit Jahrzehnten die wichtigsten Zuflüsse des Aralsees angezapft. Der einstmals viertgrößte See der Erde schrumpft zu trüben Restgewässern – vergiftet, mit hohem Salzgehalt und als Trinkwasserquelle wertlos.

Und rund um den Naivashasee in Kenia gefährden riesige Schnittblumenplantagen die Versorgung. Damit Rosen blühen, werden Unmengen an Wasser entnommen oder durch Pestizide verschmutzt. Statt Produkte anzubauen, die mit den klimatischen Bedingungen vor Ort zurechtkommen, setzen immer mehr Länder auf Exportwaren, die künstliche Bewässerung erfordern – schnelles Geld, aber keine Nachhaltigkeit.

Leiden nur die fernen Länder?

Das Problem beschränkt sich nicht auf Asien oder Afrika. Roland Gramling: "Auch Regionen in Spanien, Italien, der Türkei oder sogar Südfrankreich könnten gefährdet sein." Beispiel Spanien: Die andalusische Provinz Huelva ist Hauptanbaugebiet für Erdbeeren. Nach Schätzungen des WWF wird etwa die Hälfte der Plantagen durch illegale Brunnen bewässert. Durch den Raubbau an den Reserven drohen Flüsse zu versiegen. Der nahe Doñana-Nationalpark trocknet aus – ein Ökodrama nicht nur für die Tiere, sondern auch für die Menschen, die auf das saubere Trinkwassser angewiesen sind. Die Landwirtschaft dort gräbt sich auf Dauer selbst das Wasser ab.

Auch Deutschland trägt zur Verknappung bei. Während unser eigener Bedarf auf täglich 121 Liter pro Kopf gesunken ist, verbrauchen wir indirekt das Wasser anderer Länder. "Dieser sogenannte Wasserfußabdruck bezieht sich vor allem auf Agrarprodukte", erklärt Roland Gramling. "Wir importieren sehr viele Waren aus Gebieten, in denen das Wasser knapp ist." Auf diese Weise führt Deutschland rein rechnerisch jedes Jahr rund 100 Milliarden Kubikmeter Wasser ein. Ein Kilo Rindfleisch auf unseren Tellern verbraucht 15.415 Liter im Herkunftsland Argentinien, ein Kilo Pasta 1849 Liter.

Beim Kampf ums Wasser mischt auch die Industrie mit. Sie hat rund 20 Prozent Anteil am weltweiten Bedarf und liegt damit auf Platz 2. Der Fortschritt vor allem in Ländern wie China oder Indien fordert bereits jetzt seinen Tribut: Was die Industrie verschlingt, fehlt der Landwirtschaft und den Menschen. "Bis 2050 wird die Nachfrage nach Wasser in der industriellen Produktion um 400 Prozent steigen", prognostiziert der Weltwasserbericht 2014. "In diesem Zeitraum wird daher die Verfügbarkeit von Trinkwasser zunehmend schwieriger werden."

Frisst der Strom unser Wasser?

Vor allem der Energiebedarf macht den Unesco-Experten Sorgen: "Etwa 90 Prozent der Stromerzeugung weltweit sind wasserintensiv. Zu erhöhtem Wasserverbrauch führt ebenso die Produktion von Biokraftstoffen." Mais, Zuckerrohr, Raps – sie wachsen auf Riesenplantagen auch in Regionen, die eher trocken sind. Laut einer Studie des Internationalen Instituts für Wasserwirtschaft (IWMI) verschlingt der Anbau von Pflanzen für einen einzigen Liter Biokraftstoff je nach Region bis zu 3500 Liter Wasser. "Die Art der Energieerzeugung muss künftig stärker davon abhängen, wie viel Wasser hierfür benötigt wird", heißt es weiter im Unesco-Wasserbericht 2014. "Vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern, in denen Bevölkerung und Wirtschaft stark wachsen, kann diese konkurrierende Nachfrage nach Wasser zu Spannungen führen." Die Konflikte der Zukunft sind schon jetzt vorprogrammiert.

Herkömmliche Anlagen zur Stromerzeugung brauchen Wasser zur Kühlung, egal ob Kohle-, Gas- oder Kernkraftwerk. Doch auch alternative Methoden bergen Risiken. "Staudammprojekte greifen oft in den funktionierenden Wasserkreislauf ein", erklärt Roland Gramling von der Umweltschutzorganisation WWF. "Vor allem am Mekong in Südostasien wird die Entwicklung von Dämmen und Großanlagen momentan massiv vorangetrieben." Wasser, das etwa zur Stromerzeugung aufgestaut wird, fehlt an anderer Stelle oder wird umgeleitet. Die Böden vertrocknen, weil regelmäßige Überschwemmungen ausbleiben. Bauern fürchten um ihre Felder, Fischer um ihren Fang. Der Mekong-Staudamm Xayaburi in Laos soll bis zum Jahr 2019 fertig werden. Der dort produzierte Strom ist für den Export nach Thailand vorgesehen – eine lukrative Einnahmequelle.

Und was bleibt für die Menschen?

Unser Anteil am großen Kuchen ist verschwindend gering. Lediglich rund 10 Prozent der weltweiten Wasserentnahme entfallen auf private Haushalte – mit eklatanten Unterschieden. Jeder US-Bürger benötigt pro Jahr 1,58 Millionen Liter, in der Demokratischen Republik Kongo sind es gerade mal 11.250 Liter – 0,7 Prozent des verschwenderischen US-Verbrauchs. Und auch hier geht der Kampf weiter. Spekulation mit dem verbrieften Menschenrecht auf Wasser? Eine bizarre Idee. Doch in der EU müssen sich Bürger gegen die geplanten Privatisierungen von Wasserversorgern wehren, in Schwellenländern prangern Kritiker die Geschäftemacherei von Großkonzernen an.

Der Vorwurf: Westliche Firmen sichern sich rechtzeitig die sauberen Quellen, um an dem neuen "blauen Gold" zu verdienen. 2012 sorgte die Schweizer Kino-Dokumentation "Bottled Life" für Aufsehen. "Wir wollen die Leute für die Kommerzialisierung des sensiblen Rohstoffs Wasser durch Firmen sensibilisieren", erklärt Regisseur Urs Schnell. "Der Film zeigt, wie in einem pakistanischen Dorf die Menschen unter schlechter Trinkwasserqualität leiden, während in der Fabrik gleich nebenan mittels Tiefbrunnen Wasser in Flaschen produziert wird, die sich kaum ein Dorfbewohner leisten kann." Den Menschen bliebt nur, kilometerweit zu den verbliebenen öffentlichen Quellen zu laufen oder das schmutzige Wasser vor Ort zu nehmen. Wenn Wasser das Gold der Zukunft ist, dann hat der weltweite Goldrausch bereits begonnen.

Autor: Kai Riedemann