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1960: Gebanntes Warten: In den Abendstunden sorgt das Fernsehen für Unterhaltung

1960: Gebanntes Warten: In den Abendstunden sorgt das Fernsehen für Unterhaltung - Foto © picture alliance / akg-images

Eine Zeitreise

Die Weisheit der 100-Jährigen

Sie erlebten zwei Weltkriege, kannten lange weder Auto noch Computer. Eine kleine Zeitreise mit Menschen, die um 1914 geboren wurden.

Ein Kaiser regiert Deutschland, auf den Straßen fahren Pferdekutschen, und in den Wohnungen sorgen nicht etwa Glühlampen für Licht, sondern Kerzen. Lang, lang ist’s her? Das schon, aber nicht so lang, dass sich Zeitzeugen heute nicht noch daran erinnern könnten. Zum Beispiel Helene Gisy. Sie hat eine Zeitspanne miterlebt, in der sich die Welt rasant veränderte. Wie rasant, zeigt die "37"“-Sendung "100 ist doch kein Alter!" (siehe TV-Tipp).
Menschen, die um 1914 geboren wurden, schildern darin, wie sie aufwuchsen – und was sie an die nachfolgenden Generationen weitergeben möchten.

Gisy

Helene Gisy ist 100 Jahre alt und lebt in Hannover - Foto © ZDF / Roland Breitschuh

Gisy kam 1913 in Berlin auf die Welt. "Ich erinnere mich noch, wie ich mit meiner Mutter den Kaiser auf dem Schlossplatz gesehen habe", erzählt sie. Wilhelm II. musste 1918 abdanken, die deutsche Monarchie zerfiel. Nach dem Ersten Weltkrieg versank das Land im Chaos.
Joachim Krahnen, 1916 ebenfalls in Berlin geboren, erinnert sich: "Es herrschten allgemeine Not, Verzweiflung und Trauer." Jeden Tag verhungerten Menschen, die Preise für Milch, Eier und Fleisch stiegen ins Unermessliche.


Mit der Kutsche zur Schule
Der technische Fortschritt setzte in der Weimarer Republik langsam ein. Autos waren nur vereinzelt unterwegs. "Ich bin mit einer Droschke zur Schule gefahren", sagt Gisy. Moderne Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen waren noch unvorstellbar. "Wir hatten Waschfrauen, die alles mit der Hand schrubben mussten", berichtet die Hundertjährige. "Und an Kühlschränke haben wir noch gar nicht gedacht. Wir haben eben weniger eingekauft."


Andenken an den Krieg
Licht per Knopfdruck – so etwas gab es noch nicht in Gisys Kindheit. "Wir hatten dafür Kerzen", sagt sie. Als Nächstes schafften Gisys Eltern Petroleumlampen an, danach elektrisches Licht. Dann kam die NS-Zeit. Hitler übernahm die Macht, der Zweite Weltkrieg brach aus.
Krahnen diente als Soldat, erst an der West-, später an der Ostfront. "Beim Rückzug haben uns sowjetische Jagdflieger angegriffen", erinnert er sich. Krahnen wurde am Kopf getroffen und kam in ein Krankenhaus. "Die Ärzte haben die Kugel im Kopf gelassen", sagt der 98-Jährige. Ein Andenken an den Krieg. Bis heute.


"Wer den Pfennig nicht ehrt, ist das Geldes nicht wert"
In den 30er-Jahren baute Gisy gemeinsam mit ihrem Mann ein Schuhgeschäft in Hannover auf. "Eines Morgens war es einfach weg", erzählt sie. Zerbombt. Ihre berufliche Existenz – in Trümmern. "Uns blieb nichts anderes übrig, als von vorn anzufangen." 1945 wurde der Zweite Weltkrieg endlich beendet. Zurück blieben ein zerstörtes Land und Menschen, die alles verloren hatten. "Wir wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Wir hatten nur den frohen Mut, überlebt zu haben", erzählt Krahnen. "Das kann man heute gar nicht mehr verstehen."
Der Krieg, die Not, der Mangel an Waren – er veränderte die Menschen. Gisy: "Es fällt mir heute noch schwer, etwas wegzuschmeißen." Briefumschläge nutzt sie als Notizzettel, auch Servietten hebt sie auf. "Wer den Pfennig nicht ehrt, ist das Geld nicht wert", rezitiert die Hundertjährige. "Das steckt irgendwie in mir drin."


Gisy

Joachim Krahnen (98) lebt in Kronberg im Taunus - Foto © ZDF / Roland Breitschuh

Ganzer Stolz: das erste Auto
In den 50er-Jahren ging es wieder bergauf, das Wirtschaftswunder brachte Arbeit und Wohlstand. Gisy kaufte sich ihr erstes Auto, allerdings keinen Käfer. "Es war ein elfenbeinfarbener Porsche, ein Cabrio", erzählt sie. Auch der Alltag änderte sich. Die Wohnzimmer wurden um ein Gerät reicher: den Fernseher. "Unserer war ein richtiger Schrank – und hatte trotzdem nur einen winzigen Bildschirm", berichtet Gisy. Als Erster ging der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) an den Start: Ab 1952 sendete er täglich, von 20 bis 22 Uhr. Gisy erinnert sich noch genau an ihren persönlichen TV-Höhepunkt: "Da war ich auf Sylt, schaltete das Gerät ein und rief ganz aufgeregt meiner Schwiegertochter zu: ‚Komm schnell, jetzt sind sie auf dem Mond gelandet!‘" 500 Millionen Menschen verfolgten 1969, wie Neil Armstrong den Erdtrabanten betrat. "Das Fernsehen hat unser Familienleben ganz schön verändert", meint Gisy. Abends setzten sich nun alle zusammen und sahen gemeinsam fern.


Wichtigste Erfindung: Das Handy
Die wichtigste Erfindung des 20. Jahrhunderts aber ist für sie das Handy. "Was habe ich früher auf meinen Mann gewartet", erzählt Gisy. "Heute rufen die jungen Leute einfach unterwegs an und wissen sofort Bescheid." Und was war das Schönste aus 100 Jahren Leben? "Meine Kinder!", antwortet Joachim Krahnen sofort. "Sie sind Teil meines Lebensglücks." Obwohl die Zeiten hart waren, denkt auch Helene Gisy gern zurück. "Ich fand meine Jugend sehr schön", sagt sie. "Wir haben viel einfacher gelebt, aber es war irgendwie auch besinnlicher."

Autor: Manuel Opitz