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Hunger Doku von Claus Kleber

Claus Kleber zu Besuch bei Salamatu. Sie sollte zum Verkauf Ihres Landes gezwungen
werden. - Foto: © ZDF / Axel Lischke

Claus Kleber exklusiv in HÖRZU

Die Ursachen von Hunger und Durst

Exklusiv: Claus Kleber vom "heute-journal" (ZDF) schreibt in HÖRZU, was er bei seiner Suche nach den Ursachen für Hunger und Durst auf der Welt erlebt.

Kein Mensch auf der Welt müsste verhungern oder verdursten, wenn wir alles richtig machten – so lautet Claus Klebers These. Für seine Doku ist er zu den Brennpunkten des Hungers und der Wasserknappheit gereist. Kleber zu HÖRZU: "Unser Zweiteiler klärt auf, macht aber auch Mut!"


TV-Tipp

Mi., 5.11.: "Hunger!" Doku von Claus Kleber und Angela Andersen. ZDF, 23.15 Uhr

Di., 11.11., Teil 2: "Durst!" ZDF, 20.15 Uhr (s. auch TV-Tipps rechts)


Darshan Lai hat sich ein Herz gefasst. Die Handvoll Rupien, die ich ihm zugesteckt habe, spielt wohl eine Rolle, aber das Geld ist nicht sein einziges Motiv. Der Mann mit dem wettergegerbten, scharf geschnittenen Gesicht und den dunklen, wachen Augen stellt sorgfältig den Stuhl zur Seite, auf dem er den ganzen Tag Wache hält, und winkt mir, ihm zu folgen. Die nächsten Augenblicke werden die sein, die ich nicht vergessen kann. Und es war ohnehin schon ein mit Eindrücken prall gefüllter erster Drehtag.

800 Millionen Unterernährte

Tags zuvor bin ich in Neu-Delhi gelandet – erster Stopp auf einer weltweiten Suche nach Antwort auf eine Frage, die ich mir im Nachrichtenalltag immer wieder gestellt habe: Warum, verdammt noch mal, sind wir auf dieser reichen Erde nicht in der Lage, allen Menschen das zum Überleben Nötige an Nahrung und Wasser zu garantieren? Warum sind immer noch 800 Millionen Menschen unterernährt, warum stirbt alle zehn Sekunden ein Kind an den Folgen von Hunger? Wir produzieren weltweit mehr als genug Getreide, um alle satt zu machen.

Indien mit seinen mehr als einer Milliarde Menschen ist ein Abbild des globalen Problems – eine boomende Wirtschaftsmacht mit blühender Landwirtschaft, die den eigenen Bedarf mehr als decken kann. Und trotzdem sind 42 Prozent der Kinder unterernährt. Weit über eine Million sterben jährlich an den Folgen des Hungers.

Wer – wie ich an diesem Tag – über den Reismarkt von Haryana läuft, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Aus allen Richtungen fauchen Trucks voller Reis heran und schütten ihre Fracht auf den Betonboden des endlosen Platzes. Dort wird begutachtet, einsortiert in die Qualitätsstufen, in blitzschnellen Auktionen verkauft, in Säcke gepackt, aufgestapelt und wieder abtransportiert zu den Reismühlen. So weit das Auge reicht: emsiges Treiben, Händler, Lkw-Fahrer und unzählige Träger mit zentnerschweren Säcken auf dem Rücken. Ein Bild von Überfluss und Reichtum. Die Bauern in ihren weißen Gewändern und leuchtend bunten Turbanen verbreiten eine Stimmung satter Zufriedenheit. Ihre üppig bewässerten Felder haben reiche Ernte getragen. Geduldig erklären sie mir die komplizierten Systeme, mit denen die Regierung und die mächtigen Interessengruppen des Landes den Getreidehandel in ihren Griff genommen haben.

Indien ist reich – aber hungrig

Ich setze mich am Rand des Marktes auf einen der prall gefüllten Säcke und schaue Kindern zu, die mit Reisigbesen zusammenkehren, was auf dem Boden bleibt. Es ist ein Bild voller Symbolik, das unser großartiger Kameramann Thorsten Thielow und Angela Andersen als Regisseurin in Zeitlupe festhalten. Später wird das eines der ersten optischen Highlights in unserem Film. Es war gar nicht einfach, die Eltern der Kinder von unseren Absichten zu überzeugen. Sie hegten den Verdacht, dass wir ihren Stolz verletzen, dass europäische Medien das Klischee vom armen Indien inszenieren wollten. Nein, das wollen wir nicht. Wir wissen: Indien ist reich. Und genau das ist der Skandal. Darshan Lai zeigt ihn mir.

Ich folge ihm auf einen weiteren großen Platz, hinter der dichten Reihe von Büros und Teehäusern, in denen schon Geschäfte über die nächste Ernte abgeschlossen werden. Dort erwartet mich eine eigenartige Landschaft – Pyramidenstümpfe unter riesigen blauen Plastikplanen. Darshan löst an einer Ecke ein paar Seile und hebt die Abdeckung bis auf die Höhe seines Kopfes. Darunter liegen dicht gepackt Säcke voller Getreide. "Weizen", sagt Darshan und schaut mich erwartungsvoll an. Mein ungläubiges Staunen befriedigt ihn. "Liegen geblieben", sagt er. Seit drei Jahren. Eine Spekulation, die er nicht genau verstanden hat, ist nicht aufgegangen. Ich zerreibe zwischen meinen Fingern ratlos die schimmlig-zähe Schicht, die auf den Säcken fault. Es ist kein Schimmel, sagt Darshan später. Es ist Rattengift. Das, immerhin, hatte man investiert: ein Minimum an Schutz. Aber keine Rettung vor der feucht-warmen Witterung. Da verrotten auf diesem einen Platz 2000 Tonnen Getreide – in einem Land, in dem Millionen Menschen an Hunger sterben.

Doch das ist kein indischer Skandal. Es ist ein Weltproblem. Die Vereinten Nationen schätzen, dass auf der Welt jedes Jahr 150 Millionen Tonnen Getreide auf diese Weise verkommen – sechsmal so viel, wie es bräuchte, um alle Hungernden der Erde satt zu machen. Inkompetenz, Geldgier und Betrug, aber auch eine vernachlässigte Infrastruktur, kaputte Straßen, fehlende Kühlhäuser und Speicher können Ursachen von Hunger sein. Der Tag in Haryana liefert mir nur ein Puzzleteil für die Antwort auf meine Frage, warum wir es noch nicht geschafft haben, den Hunger zu besiegen.

Wir haben großes Glück gehabt bisher. Düstere Prophezeiungen, nach denen die Weltbevölkerung in eine Hungerkatastrophe hineinwächst, erfüllten sich nicht. Die Grüne Revolution des 20. Jahrhunderts ließ die Erträge der Landwirte mit Kunstdünger, Neuzüchtungen und Bewässerung schneller wachsen als die Bevölkerung. Zuletzt schrumpfte die Zahl unterernährter und hungernder Menschen. Das ging nicht so schnell, wie die Millenniumsziele versprachen, aber immerhin. Hat die Menschheit den Hunger besiegt? Keineswegs!

Fleischnation China

Vor einigen Jahren hat sich der Trend umgekehrt. Die Weltbevölkerung wächst inzwischen fast dreimal schneller als die Nahrungsmittelproduktion, und es kommt ein Turbolader dazu: neuer Wohlstand in Indien, China, Afrika. Die Regierungen tun alles, um die wachsenden Ansprüche ihrer Bürger/Wähler durchzusetzen. Nach Berechnungen der OECD muss bis 2050 die Agrarproduktion allein für die Ernährung um 60 Prozent gesteigert werden. Da ist der steigende Bedarf für die sogenannten Biokraftstoffe und für Viehfutter noch nicht eingerechnet. Und wenn wir realistisch sein wollen, müssen wir den berücksichtigen. Besonders den Bedarf für Rinder.

China wird zu einem Schwerpunkt meiner Erkundungen. Das Land ist der große Magnet, auf den sich alle Kompassnadeln in Zukunft ausrichten. China entwickelt ein Modell, das kein Vorbild sein darf. Die neue Mittelklasse verlangt nach Fleisch und Milch. Und Partei und Wirtschaft liefern. In den letzten zehn Jahren gab es den größten Viehtrieb der Geschichte – aus den USA, vor allem aber aus Australien und Neuseeland wurden riesige Schiffsladungen an Kühen nach China gebracht. Inzwischen werden die Herden vor Ort weitergezüchtet. Und wachsen. Und wachsen. Schon heute verbraucht China doppelt so viel Fleisch wie die USA – die Fleischfressernation Nummer eins. Der Unterschied: Die USA haben die Grenzen des Wachstums erreicht. China aber hat mit seinem gerade erst angefangen.

Ich stehe in einem Betrieb des Rinderkonzerns Modern Dairy, der Milch produziert und ausgepowerte Milchkühe am Ende an die Schlachthöfe liefert – Nachschub für den unersättlichen Markt. Unter mir drehen sich auf einem riesigen Karussell die Kühe, die von Automaten gemolken werden. Es sieht aus, als wären sie Teile einer unheimlichen Maschine. Und das sind sie auch. Trotzdem muss ihr Grundbedürfnis gestillt werden: Hunger. In dem relativ kleinen Betrieb in Hefei ("bloß" 18.000 Kühe) werden 400 Tonnen Alfalfa, Gras und Getreide verfüttert – jeden Tag! Wir verbrauchen 75 Prozent der Ackerfläche der Erde, um unsere Fleischtöpfe zu füllen. Das kann so nicht weitergehen.

Ich habe auf den Reisen für diesen Film in Australien, Indien, China, Afrika, Spanien und den USA Geschichten erlebt und Menschen getroffen, die mich davon überzeugt haben, dass unser Problem lösbar ist, dass wir noch einmal schaffen können, was uns im letzten Jahrhundert gelungen ist: eine wachsende Menschheit immer besser zu ernähren. Aber das kommt nicht von allein. Umdenken tut not. Auch in einem so satten Land wie unserem.

Autor: Claus Kleber