HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
Massaikrieger in Tansania.

Wächter der Savanne: Mit Schild, Speer und Kopfputz aus Straußenfedern posieren diese Massaikrieger in Tansania. - Foto © picture alliance / Arco Images GmbH

Buchtipp ''Before they pass away''

Die letzten Naturvölker der Welt

Zwei Jahre lang reiste der britische Fotograf Jimmy Nelson um die Welt zu den letzten Naturvölkern. Seine Bilder sind einzigartige Dokumente ihrer Würde.

Der kahlköpfige Mann wartet auf das Bild seines Lebens: Hoch in den Bergen der Mongolei will er drei Kasachen mit ihren Adlern fotografieren, während im Hintergrund der Morgen dämmert. Viermal schon ist er vergeblich aufgestiegen, heute scheint seine Vision endlich Wirklichkeit zu werden. Jimmy Nelson schält eine Hand aus seiner dicken Jacke, greift zur Kamera – und schreit auf. Bei der grimmigen Kälte klebt seine Haut am Metallgehäuse fest, und als er reflexhaft die Hand zurückzieht, bleibt ein Hautfetzen am Apparat hängen. Die ganze Anstrengung – umsonst. Der Mann weint vor Schmerz und Enttäuschung.

Naturvolk Tschuktschen

Die Tschuktschen leben im tiefsten Sibirien. Ihre Lebensgrundlage sind Rentiere. Aus den Fellen wird die Kleidung genäht, aus dem Fleisch Suppe gekocht. - Foto © picture alliance / Arco Images GmbH

Da nähern sich zwei Frauen, die den Jägern und ihren Pferden gefolgt sind. Die eine öffnet ihre Weste, nimmt Jimmys blutende Hand und legt sie auf ihre warme Brust. Die andere stellt sich hinter ihn, umhüllt ihn mit ihrem Pelz und wiegt ihn wie ein Baby. Sie trösten und wärmen den Fremden, und der Fotograf schießt dann doch noch das Bild seines Lebens – eine von Hunderten Aufnahmen aus dem Bildband "Before They Pass Away" (etwa: Solange es sie noch gibt).

Eines von vielen Zeugnissen, die eine Welt bewahren, die im Begriff ist unterzugehen. Der Fotograf Jimmy Nelson will ein Vermittler sein zwischen den Urvölkern und der Zivilisation. Er will sie so zeigen, wie er sie erlebt hat – voller Würde und Stolz. Das Projekt des gebürtigen Engländers, der seit Jahrzehnten in den Niederlanden lebt, ist die Vision eines Besessenen. Zwei Jahre lang reist er mit einer Fotoassistentin und einem Kameramann, der seine Arbeit für einen Film dokumentiert, um die Welt und sucht Zugang zu den letzten Naturvölkern.

Naturvolk Kasachen

Kasachen: Das Reitervolk lebt in den Steppen Zentralasiens. - Foto © picture alliance / Photoshot

Der 47-Jährige schlägt sein Zelt in der Mongolei auf und in der Südsee. Er fotografiert in Indien, am Amazonas und in den Steppen Südamerikas. Er arbeitet in bitterster Kälte und bei größter Hitze. Er nähert sich den oft versteckt lebenden Stämmen mit dem Helikopter, zu Pferde, auf Eselsrücken, mit Booten und Jeeps. Die letzten Kilometer legt er immer zu Fuß zurück. Nur in Ausnahmefällen zahlt er den Porträtierten Geld, denn wer zahlt, nimmt eine Dienstleistung in Anspruch. Genau das will er nicht. Die Verständigung erfolgt ohne Worte. "Ich bin meist mit einem Übersetzer unterwegs, das hat aber nicht viel geholfen", sagt Nelson.

Die Sprache der Blicke

Weltweit gibt es rund 7000 Sprachen – aber allein in Papua-Neuguinea werden 1000 Dialekte gesprochen. Der Mann mit der Kamera besinnt sich auf das, was Kommunikation ausmacht. Er schaut den Menschen in die Augen, er lächelt, er berührt sie. Und er zeigt sich verletzlich. "Wie ein Hund, der sich auf den Rücken rollt und seinen schutzlosen Bauch zeigt."

Wenn er einen Wasserfall hinaufklettert, immer wieder abrutscht und mit zerschundenen Schienbeinen aufgeben muss, weint er vor Enttäuschung. Wenn er eine Gruppe afrikanischer Himbafrauen auf einen Stein in der Wüste dirigiert, lacht er. Und die Frauen lachen mit. Nelson streift mit seinen Leuten durch Urwälder und Tundren, verhandelt mit Massai, Buschleuten und kriegerischen Mursi in Äthiopien und gerät nicht ein einziges Mal in eine gefährliche Situation. Im Gegenteil: "Je weiter ich mich von der Zivilisation entfernte, desto sicherer fühlte ich mich und desto zufriedener wurde ich."

Naturvolk Massai

Die hochgewachsenen Massai in Tansania und Kenia glauben an den Gott Ngai. Sie messen Reichtum an der Anzahl von Kühen und Kindern. - Foto © picture alliance / Arco Images GmbH

Wer Nelsons Werk nur als eine Sammlung folkloristischer Fotos betrachtet, hat ihn nicht verstanden. Ihm geht es um Identität. Ein Thema, das er mit sich herumträgt, seit er 16 ist. Damals besucht er eine Jesuitenschule in England, begleitet seinen im Ölgeschäft arbeitenden Vater oft auf Reisen. Auf einer dieser Touren erkrankt der Junge an Malaria und wird mit falschen Medikamenten behandelt. Von einem Tag auf den anderen verliert er sein Haar. Für den Heranwachsenden eine Tragödie. Seitdem treibt ihn die Frage um, was einen Menschen ausmacht, wie er sich darstellt.

Nelson beginnt zu reisen und zu fotografieren. Er sucht nach Völkern, die sich ihre Kultur bewahrt haben. Die vollkommen unabhängig von den Einflüssen der Zivilisation und der Globalisierung leben. Er beginnt seine Suche 1986 als knapp 20-Jähriger in Tibet. Ein Jahr wandert er zu Fuß durch das noch völlig unberührte Bergland. "Tibet öffnete sich erst 1985 für Touristen. Ich war einer der Ersten, die dorthin kamen. Was es mir leicht machte, war mein Aussehen: Mit meinem kahlen Kopf sah ich aus wie ein buddhistischer Mönch."

Naturvolk Massai

Eine junge Massai mit Schmuck. - Foto © picture alliance / WILDLIFE

Von da an ist Nelson permanent unterwegs, rund um den Globus. Auch die Entwicklung in seinem Beruf treibt ihn immer wieder in die Ferne: "Früher kamen die Leute zu mir und wollten ein Foto von sich haben. Heute hat jeder eine Kamera und macht seine Fotos selbst. Für mich war das, als hätte ich jahrelang Koch gelernt, um fortan nur noch Hamburger zu belegen." Also sucht er sich eine neue Herausforderung. Er will nicht einfach nur Schnappschüsse mit nach Hause bringen, er will seine Protagonisten in Szene setzen wie ein Regisseur.

Nelson bringt die mongolischen Jäger dazu, immer wieder aufs Neue auf den Berg zu reiten. Er überzeugt Angehörige äthiopischer Stämme mit Gesten und Worten, ihren Festtagsschmuck anzulegen. Er komponiert Bilder, die wie Gemälde alter Meister wirken. Aber bildet er tatsächlich die Realität ab? Wer etwa seine Fotos von Maoris ansieht, die ihre Gesichtstätowierungen zeigen oder mit stolz erhobenen Speeren vor einem Wasserfall stehen, dem fällt unweigerlich die Diskrepanz zur Wirklichkeit auf.

Naturvolk Gauchos

Gauchos: Die Viehhirten erkennen kein anderes Gesetz an als das des Überlebens. Sie binden sich an nichts und an niemanden und gründen auch keine konventionellen Familien. Frauen, die von ihnen Kinder bekommen, müssen diese allein aufziehen - Foto © picture alliance / Robert Hardin

Warum blendet Nelson die Diskriminierung aus, unter der viele Ureinwohner Neuseelands leiden? Warum verschweigt er, dass Angehörige indigener Völker ausgegrenzt oder in Reservate zurückgedrängt werden? "Ich habe die Uhren zurückgedreht", sagt Nelson. "Ich will ein Ideal zeigen. Das tun wir doch auch bei uns: Wer hierzulande Zeitschriften aufschlägt, sieht schlanke, langhaarige Frauen und durchtrainierte Männer. Die Wirklichkeit sieht bekanntlich anders aus."

Bedrohte Paradiese

Wie lange wird es diese Völker noch geben? Der am weitesten von der Zivilisation entfernt lebende Stamm braucht nur zwei Tagesmärsche bis zum nächsten Internetcafé. Im südlichen Äthiopien wird eine Straße zur Hauptstadt gebaut, bald wird man Addis Abeba in einem Tag erreichen. Vor drei Jahren war dazu noch ein zweiwöchiger Ritt nötig. In Papua- Neuguinea haben Australier die Lizenz erworben, Bodenschätze zu fördern, und schon kreisen Helikopter über den Urwäldern und sondieren die Möglichkeiten, dort Straßen zu bauen.

Gefährdet sind auch die Huaorani im Amazonasgebiet, die 1958 den ersten nicht kriegerischen Kontakt zur Außenwelt hatten. Heute ist ihr Gebiet ins Visier von Ölgesellschaften geraten und ihr ursprüngliches Territorium schon auf ein Drittel geschrumpft.

Jimmy Nelson will all diesen bedrohten Naturvölkern mit seinem Buch ein Denkmal setzen. Und er will ihnen etwas zurückgeben. Er plant, noch einmal zu einigen der Stämme zu reisen und ihnen die Fotos zu zeigen. Außerdem möchte er seine Dokumentation über weitere Völker fortsetzen. Die Leser seines Buches fordert er derweil auf, das zu tun, was er mit den fremden Stämmen getan hat: Fotografiert euch und euer Leben! Haltet fest, was euch ausmacht und wer ihr seid! Zeigt euren Kindern und Enkeln, was gut ist in eurem Leben!

Autor: Angela Meyer-Barg