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Forscherin Dalley versucht, im Irak Beweise für die Lage der Gärten zu finden.

Forscherin Dalley versucht, im Irak Beweise für die Lage der Gärten zu finden. - Foto © ARTE France /Bedlam Productions

ARTE Dokumentation

Die hängenden Gärten von Babylon

Exotische Bäume, Palmen und Sträucher, üppiges Grün, so weit das Auge reicht: Kühn ragen sie in den Himmel. Pflanzen tragen gelbe, rote und violette Blüten, Wasser plätschert über Stufenterrassen herab und ergießt sich in einen großen Teich. Die hängenden Gärten von Babylon sind als eines der sieben antiken Weltwunder in die Geschichte eingegangen.

Eine Legende – die nun umgeschrieben werden muss. Die britische Wissenschaftlerin Dr. Stephanie Dalley von der Universität Oxford glaubt nämlich, den Standort des Weltwunders gefunden zu haben. Und zwar nicht in Babylon. Eine Arte-Doku zeigt, wie die Expertin für Orientalistik versucht, eines der größten archäologischen Rätsel zu lösen (Sa., 22.3., 20:15 Uhr, Arte)

"Was wir bisher über die hängenden Gärten wissen, müssen wir überdenken"

Die hängenden Gärten sind gerade deshalb so sagenumwoben, weil sie das einzige der Weltwunder sind, für das es keine Beweise gibt. Alles, was wir über sie wissen,stammt aus zweiter Hand: von antiken Schriftstellern, die die Gärten wohl nie mit eigenen Augen gesehen haben. Die Liste der sieben Weltwunder geht zurück auf den griechischen Dichter Antipatros von Sidon. Im 2. Jahrhundert v. Chr. verfasste er einen Reiseführer, in dem er die sieben größten Sehenswürdigkeiten seiner Zeit aufzählte. Seitdem haben Dutzende Archäologen in Babylon nach Überresten der legendären Gärten gesucht. Vergebens. Es gibt keine Spur, kein einziges Fundstück. Dr. Dalley glaubt deshalb: "Was wir bisher über die hängenden Gärten wissen, müssen wir überdenken."

Uralte Keilschriften

Sie suchte nach neuen Hinweisen – und fand sie in uralten Keilschriften: den Sanherib-Prismen. Sie berichten über die Herrschaft des assyrischen Königs Sanherib. Um 700 v. Chr. regierte er über ein Reich, das sich von der heutigen südlichen Türkei bis nach Israel erstreckte. In den Prismen ist von einem erhöhten Garten die Rede, der ein "Wunder für alle Menschen" gewesen sein soll. Allerdings nicht in Babylon, sondern 480 Kilometer entfernt in der Hauptstadt Assyriens: in Ninive. Dieser Garten voll duftender Pflanzen und Obstbäume soll sich neben dem Königspalast befunden haben.

Das älteste Aquädukt der Welt

Fundstücke aus Sanheribs Palast stimmen mit der Beschreibung überein. Auf mehreren Reliefs sind Gartenanlagen abgebildet. Neue Erkenntnisse, neue Pläne: Dr. Dalley reiste in den Nordirak und begab sich auf Spurensuche. Wenn es die Gärten tatsächlich in Ninive gab, dann muss auch Wasser in diese trockene Gegend transportiert worden sein. Und tatsächlich: Offenbar ließ Sanherib ein gigantisches Kanalnetz bauen, um Ninive mit Wasser zu versorgen. Fast 100 Kilometer lang zog sich diese Leitung mit präziser Neigung abwärts durch ausgedörrtes Land. Eine technische Meisterleistung, gebaut vor etwa 2800 Jahren. Das zeigen Satellitenaufnahmen – und einige wenige Ruinen. So ist die Kanalbrücke bei Jerwan, erbaut aus zwei Millionen Steinen, das älteste bekannte Aquädukt der Geschichte. Es war 22 Meter breit und beförderte das Wasser in neun Metern Höhe über dem Boden Richtung Ninive.

"In mehrfacher Hinsicht ist es ein Weltwunder", findet Dr. Dalley. "Denn dieses ganze Bewässerungssystem war ein Teil dessen, was die hängenden Gärten zu einem Weltwunder machte." Doch wie gelang es dem assyrischen Herrscher Sanherib, das nach Ninive geleitete Wasser bis zur höchsten Terrasse zu transportieren? "Forscher schätzen, dass dieser Garten jeden Tag etwa 300 Tonnen Wasser benötigte", sagt Dr. Dalley. Viel zu viel, um es von Arbeitern hochschleppen zu lassen.

Das Prinzip der archimedischen Schraube

Die Forscherin durchforstete Sanheribs Schriftzeugnisse – und machte eine erstaunliche Entdeckung: Offenbar kannte er das Prinzip der archimedischen Schraube. 400 Jahre vor Archimedes’ Geburt! Mittels einer speziellen, von Hand betriebenen Spirale ermöglicht es diese Technik, Wasser "hochfließen" zu lassen. Bleibt noch eine Frage: Wo genau stand das Weltwunder?

Auf Basis alter Karten bestimmte Dalley jene Stelle, an der sie den Palast mit den Gärten vermutet. Problem: Die Reste Ninives liegen gegenüber der heutigen Stadt Mosul – in einem derzeit von Bombenanschlägen überzogenen Gebiet. Solange in der Region kein Friede einkehrt, sind neue Ausgrabungen zu riskant. Und das Rätsel um die hängenden Gärten wird im Verborgenen bleiben. Weitere Hürde für Dalley: "Über Jahrtausende verfiel Ninive, wurde zerstört und geplündert." Große Teile der früheren Stadt sind jetzt Ackerland. Auch das erschwert ihre Untersuchungen. Eine wichtige Erkenntnis hat die Reise laut der Forscherin trotzdem gebracht: "Wir haben erkannt, dass Sanherib über die technischen Möglichkeiten verfügte, ein Weltwunder zu erschaffen."

Autor: Manuel Opitz