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Der Fußballprofi Lutz Eigendorf auf seiner letzten Fahrt (nachgestellte Spielsze

Der Fußballprofi Lutz Eigendorf auf seiner letzten Fahrt (nachgestellte Spielszene). - Foto © ZDF / Florian Hartung

DDR-Geheimdienst

Die Geheimnisse der Stasi

Sie war ein Krake, dessen tödliche Arme alles umschlangen. Ein Imperium des Bösen, das zuletzt mehr als 90.000 hauptamtliche Mitarbeiter und etwa doppelt so viele nebenberufliche Schnüffler umfasste. Ein gigantischer, riesiger Geheimdienstapparat, größer sogar als der mächtige KGB der Sowjetunion: die Stasi, das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen DDR. Sie war Erfüllungsgehilfin der SED und sah sich selbst als "Schild und Schwert der Partei". In Wahrheit zerrüttete sie Ehen und Familien, zerstörte Freundschaften und Karrieren und schreckte auch vor Morden nicht zurück.

Fast jeder DDR-Bürger machte seine Erfahrungen mit der "Firma", wie die Stasi mitunter verharmlosend genannt wurde. Ihre Schergen traten in der Verkleidung einer Amtsperson ins Leben ganz normaler Menschen – gewöhnlich "zur Klärung eines Sachverhalts". Sie umgarnten schon Jugendliche und forderten sie auf, Freunde und Nachbarn, Eltern, Lehrer und Kollegen zu bespitzeln, natürlich "zum Wohl des Sozialismus". Sie versprachen denen, die sich schließlich zur Mitarbeit bereit erklärten, handfeste materielle Vorteile oder Hilfe auf dem Berufsweg. Wer sich widersetzte, musste jedoch mit dem Schlimmsten rechnen: zunächst "Zersetzung", dann Festnahme und langjährige Haftstrafen. Manchmal ging der Riss mitten durch Familien.

Schlagzeilen machte der Fall der späteren Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld. Sie stammte eigentlich aus geordneten sozialistischen Verhältnissen – der Vater Major bei der Volksarmee, die Mutter Lehrerin. Doch Mitte der 1980er-Jahre brach sie mit dem System, engagierte sich in der DDR-Friedensbewegung. Für die Stasi war sie nun ein Feind, der mit allen Mitteln bekämpft werden musste. Was sie nicht ahnte: Bald saß die "Firma" mit ihr am Tisch, lag in ihrem Bett. Ihr damaliger Ehemann Knud Wollenberger spitzelte für Erich Mielkes Ministerium. "IM Donald", so Wollenbergers Deckname, verriet die eigene Frau. "Er führte über jedes Gespräch Buch", weiß sie heute.

Erst nach der Wiedervereinigung erfuhr Vera Lengsfeld die Wahrheit. "Ich habe ihn angebrüllt: 'Warum hast du das gemacht?' Er sagte, er stamme aus einer jüdischen Familie. Für ihn sei die DDR die Antwort auf Auschwitz. Er hätte alles für die DDR getan.“ Vera Lengsfeld ließ sich scheiden und nahm ihren Geburtsnamen wieder an. Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis sie ihrem Ex-Mann doch noch verzeihen konnte. Aber nicht nur Erwachsene, auch Kinder gerieten ins Visier der Stasi. Schon Zwölf- oder Dreizehnjährige wurden als IMs angeworben. Sie sollten Freunden und Verwandten "unter die Haut und ins Herz kriechen, damit wir zuverlässig wissen, wo sie stehen", wie es in einem Stasi-Papier heißt.

Bis zu zehn Prozent aller inoffiziellen Mitarbeiter waren Jugendliche. Viele von ihnen leiden bis heute an den Spätfolgen des staatlich sanktionierten Missbrauchs. Die Stasi stand in der Tradition der bolschewistischen Geheimpolizei "Tscheka" und des stalinistischen Terrors. Auch den Gewaltexzessen der ostdeutschen "Tschekisten" waren keine Grenzen gesetzt. Willkürliche Verhaftungen, Entführungen und Hinrichtungen gehörten bis Ende der 50er-Jahre zum selbstverständlichen Repertoire der "Firma". Nach dem Mauerbau änderte die Stasi ihre Strategie – weg vom offenen Terror, hin zu subtileren Methoden. Doch auch danach verzichtete sie nicht auf physische Gewalt als letztes Mittel.

Der Oscar-prämierte Spielfilm "Das Leben der Anderen" hat die Debatte um die Stasi vor einigen Jahren neu angefacht. Das bewegende Drama um den von Ulrich Mühe verkörperten MfS-Hauptmann Wiesler, der sich vom linientreuen Tschekisten zum "guten Menschen" wandelt, warf die Frage auf, ob man die Rolle der Stasi neu bewerten müsse. War vielleicht doch nicht alles schlecht? Tatsächlich aber hat es so viel Menschlichkeit wie im Film im wirklichen Leben nie gegeben. Die "Anderen" blieben für Stasileute stets nur eines – Feinde.

Autor: Guido Knopp