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Schloss Neuschwanstein

König Ludwig II. ließ Schloss Neuschwanstein bauen. - Foto: © dpa

Wichtige Wahrzeichen

Deutschlands größte Bauwerke

Genie oder Größenwahn? Wie nahe beide einander kommen können, illustrieren Bauwerke besonders treffend. Der Jahrhundertbau des Kölner Doms zeigt, wie lange es dauern kann, bis sich eine Idee durchsetzt, Neuschwan­stein, wie ein Gedanke zur Besessenheit wird. Im Reichstag spiegeln sich Kaiserzeit, Natio­nalsozialismus und die Berliner Republik. Auf der Wartburg erkämpfte ein einzelner Mann eine ganze Kirchenrevolution. Unsere größten Bauwerke erzählen unsere Geschich­te, sie stehen für bedeutende Entwicklungen und Epochen, für mächtige Herrscher, aber auch für Denker und Demokraten.

Reichstag Berlin

Reichstag Berlin
Foto: © dpa

Um 21.14 Uhr setzte sich der erste Löschzug in Bewegung. Doch es war zu spät: Aus der Kuppel des Berliner Reichstags schlugen be­reits hohe Flammen, als die Feuerwehrleute eintrafen. In den Gängen des Gebäudes stellte ein Polizist einen Mann mit nacktem Ober­körper – Marinus van der Lubbe, ein Anar­chist aus den Niederlanden. Aber war das der Brandstifter? Hatte er die Tat wirklich allein begangen? Adolf Hitler und seine National­sozialisten warteten die Antworten auf diese Fragen nicht ab und ließen zahlreiche Sozial­demokraten und Kommunisten noch in der Nacht des 27. Februar 1933 verhaften. Der Brand war ein willkommener Vorwand, die totale Macht an sich zu reißen. Ob Männer von Hitlers SA an dem Anschlag beteiligt waren, womöglich durch einen geheimen Gang vom Palais des Reichstagspräsidenten ins Gebäu­de gelangten, ist eines der größten Geheimnisse der Geschichte.

Erst 1999 zog die Demokratie wieder in den Reichstag ein, seit­ dem ist er Sitz des Deutschen Bundestags. Schon beim Bau des Reichstags 1884 gab es Streit um die Kuppel. Sie sollte über der westlichen Eingangshalle platziert wer­den. Doch Architekt Paul Wallot setzte sich schließlich durch und errichtete sie über dem Plenarsaal. Mit 1200 Quadratmetern ist der heute fast doppelt so groß wie zur Kaiserzeit. Hier ist Platz für die ungefähr 620 Abgeordneten des Bundestages, zur Wahl des Bundes­präsidenten ist das allerdings zu wenig. Um die rund 1300 Mitglieder der Bundes­versammlung unterzubringen, werden die fest montierten blauen Sessel abgeschraubt und schmalere Stühle aufgestellt: Zusam­menrücken für das Staatsoberhaupt.

Schloss Neuschwanstein

Schloss Neuschwanstein
Foto: © picture alliance / Arco Images GmbH

Es sollte sein ganz privates Refugium werden, eine Junggesellenbude mit 228 Zimmern. Als König Ludwig II. sein Neuschwanstein baute, wollte er es ganz für sich allein – nur für ein paar Bedienstete gab es Platz. Viele Räume waren gar nicht zum Bewohnen ge­dacht, sondern dienten lediglich als eine Art Opernkulisse. Denn Ludwig war glühender Anhänger Richard Wagners, Neuschwanstein sollte die Hommage des Königs an Werke wie "Tannhäuser" sein. Er wolle, schrieb er 1868 an den Komponisten, einen Bau "im echten Styl der alten deutschen Ritterburgen" errichten. Wagner allerdings machte sich aus dem Schloss herzlich wenig – er besuchte es kein einziges Mal –, was Ludwigs Eifer nicht minderte. Sogar einen monströsen Kachel­ofen mit Szenen aus "Lohengrin" plante er ein.

Doch weil die Kacheln offenbar zu schnell ge­brannt worden waren, hatten sie Risse – der Ofen wurde auf dem Dachboden entsorgt und erst mehr als 100 Jahre später wieder­ entdeckt. Auch das geheimste Örtchen des Königs blieb lange versteckt und wurde den Besuchern erst 2011 zugänglich gemacht: die Toilette Ludwigs. Aber nicht irgendeine: Um dem "Kini" den Besuch so angenehm wie möglich zu gestalten, spülte das Klo auto­matisch, sobald er sich vom Sitz erhob.

Tatsächlich galt Neuschwanstein als histo­rischer Schwindel, weil es aus Back­ und nicht aus Naturstein gemauert wurde. Noch heute lagern große Mengen der Ziegel in den Kellern des Schlosses. Denn richtig fertig wurde Neuschwanstein zu Lebzeiten König Ludwigs nicht, auch wenn er 1884 einzog: Er lebte ins­gesamt nur 172 Tage auf der Baustelle. Statt der ursprünglich geplanten 3,2 Millionen Mark verschlang der Bau beinahe das Doppelte, der König stand bereits mit mehr als sieben Millionen in der Kreide. Eine Regierungskom­mission zog am 10. Juni 1886 zum Schloss, um den bereits entmündigten "Kini" abzusetzen – doch Ludwig ließ sie kur­zerhand im Torhaus festsetzen. Einen Tag spä­ter war eine zweite Kommission erfolgreicher, der König musste Neuschwanstein end­gültig verlassen und wurde in das Schloss Berg am Starnberger See gebracht. Am 13. Juni fand man seine Leiche und die des Arztes Bernhard von Gudden im seichten Wasser nahe dem Ufer. Selbstmord? Mord? Ein Unfall? Das ist ein Rätsel, an dessen Lösung sich schon viele versucht haben.

Wartburg Eisenach

Wartburg Eisenach
Foto: © dpa

Am Anfang stand ein großer Schwindel: "Wart! Berg, du sollst mir eine Burg werden!", soll Ludwig der Springer um 1067 gerufen haben, als er durch den Thüringer Wald ritt. Nur: Der Berg gehörte dem Grafen gar nicht. Deshalb ließ er dort Erde seiner Ländereien verstreuen und dann seine Ritter ihre Schwer­ter hineinstoßen. Vor Gericht schworen sie, dass der Boden, in dem die Waffen steckten, ihrem Herrn gehöre.

Rund 450 Jahre später war es wieder eine List, mit der ein ganz besonderer Bewohner auf die Wartburg bei Eisenach kam: Unter dem Namen Junker Jörg quartierte Kurfürst Friedrich der Weise Martin Luther hier ein. Der umstrittene Refor­mator sollte aus der Schuss­linie gebracht werden.

Luther nutzte die Zeit, um die Bibel ins Deutsche zu übersetzen. Nur elf Wochen brauchte er dafür, und das, obwohl ihn zwischenzeitlich sogar der Teufel heimgesucht haben soll. Luther warf angeblich sein Tin­tenfass nach dem Satan – und noch heute kündet ein Fleck neben dem Ofen in seiner Stube davon. Gerüchte sagen aller­dings, dass dieser im Lauf der Jahrhunderte mehrmals aufgefrischt wurde.

Luthers Aufenthalt war nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass auf der Wart­burg Geschichte geschrieben wurde. Im 13. Jahrhundert wohnte die heilige Elisabeth von Thüringen hier, Landgraf Hermann I. ließ im legendären Sängerkrieg Dichter gegeneinan­ der antreten, fünf Jahrhunderte später war Jo­hann Wolfgang von Goethe ein häufiger Gast, 1817 feierten die deutschen Burschenschaf­ten hier das Wartburgfest, um die Einheit des Reiches zu beschwören.

Inzwischen gehört die in 411 Meter Höhe thronende Burg, in de­ren Architektur sich Elemente aus Romanik, Gotik, Renaissance und Historismus finden, zum Unesco­ Weltkulturerbe – dass ihre rei­che Geschichte mit einer faustdicken Lüge begann, kümmert schon längst nicht mehr.

Kölner Dom

Kölner Dom
Foto: © picture picture alliance/JOKER

Kaum zu glauben, dass er überhaupt fertig wurde. Mehr als 600 Jahre lang war der Köl­ner Dom eine Dauerbaustelle. Die beiden Kirchtürme, die dritthöchsten der Welt, sind erst seit Ende des 19. Jahrhunderts komplett.

Köln im Jahr 1225: Weil immer mehr Pilger aus aller Welt die Reliquien der Heiligen Drei Könige besuchen, muss ein großes, würdiges Gotteshaus her. Am 15. August 1248 beginnen die Arbeiten unter Dombaumeister Ger­hard von Rile. Er will eine Kirche bau­en, die wie die Kathedrale von Amiens aussieht – nur mächtiger. Doch Anfang des 16. Jahrhunderts droht das Projekt zu scheitern, die Turmstümpfe sind gerade 59 Meter hoch: Der Kirche geht das Geld aus. Mehr als 300 Jahre lang liegt die Baustelle brach. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse – gemessen an den langen Dombauzeiträumen.

1814 findet sich auf dem Dachboden eines Gasthauses in Darmstadt die Risszeichnung der Westfassade – mit den Türmen. Bis dahin hatte niemand eine Ahnung davon gehabt, wie von Rile die Fas­sade bauen wollte. In Paris entdeckt dann der Architekturhistoriker Sul­ piz Boisserée einen weiteren Plan, mit dem das schier Unmögliche möglich werden soll: den Dom zu vollenden.

Kein anderes Gebäude in Deutschland wird von mehr Menschen besucht, 10.000 sind es jeden Tag im Schnitt. Wer einmal die 533 Stufen bis zur Spitze des Südturms hochgestiegen ist, ver­gisst das nie – die Anstrengung, den Ausblick. Und das Gefühl, dem Himmel ein wenig nä­her gekommen zu sein.

Autor: Michael Fuchs