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Papst Franziskus

Papst Franziskus. - Foto: ANDREAS SOLARO/AFP/Getty Images

Aufbruch im Vatikan

Der Vatikan im Wandel

Papst Franziskus ist nun ein Jahr im Amt. Zeit für eine Bilanz: Hat er die Hoffnung auf Veränderung erfüllt?

Rom, 13. März 2013. Über der Sixtinischen Kapelle steigt weißer Rauch auf, ein Nachfolger für den zurückgetretenen Benedikt XVI. ist gefunden. Jorge Mario Bergoglio, Jesuit und Erzbischof von Buenos Aires, tritt als Papst Franziskus sein Amt im Vatikan an. Schon mit dem Namen setzt er Zeichen und weckt Hoffnung.

"Franziskus" erinnert an Franz von Assisi, der vor 800 Jahren eine "Kirche der Armen" proklamiert hat. Packt der neue Papst Reformen an? Kann er den Vatikan erneuern und Vertrauen zurückgewinnen? Die Deutschen sind noch skeptisch. Jetzt zieht eine Dokumentation Bilanz (siehe TV-Tipp).


Was hat sich wirklich verändert?

"In der katholischen Kirche herrscht plötzlich eine neue Offenheit", sagt Jürgen Erbacher, Vatikanexperte des ZDF und Mitautor der TV-Doku über Papst Franziskus. "Man kann kontrovers diskutieren, und es gibt keine Tabuthemen. Das zeigte sich bei unseren Gesprächen auf allen Ebenen – von Gemeindemitgliedern in Deutschland bis zu Kardinälen in Rom."

Zu der neuen Offenheit gehört auch eine Umfrage, in der weltweit Gläubige zu Wortkommen – so umfassend wie noch nie zuvor in der Kirchengeschichte. Die Meinung der Basis ist gefragt – selbst zu strittigen Fragen wie beispielsweise der Sexualmoral.


Bescheidenheit statt Pomp

Gleichzeitig lebt Papst Franziskus vom ersten Tag an Bescheidenheit und Demut vor: Gästehaus statt Palast, ein Fischerring aus Silber statt aus Gold, Askese statt Pomp. Wenige Tage nach Amtsantritt feierte er die Abendmahlmesse in einem Jugendgefängnis und wusch dabei Häftlingen die Füße – Symbol dafür, dass er sich auch als Diener sieht. Jürgen Erbacher: "Sein Verhalten hat immer Vorbildcharakter. Natürlich kann der Papst nicht auf allen katholischen Hierarchieebenen fordern: ‚Raus aus Palästen, raus aus schönen Häusern!‘ Doch sein Beispiel zwingt auch Bischöfe, zu überdenken, ob der eigene Lebensstil und die eigene Handlungsweise noch passen."

Papst

Im Jahr 2013 wusch er Häftlingen die Füße - Foto © picture alliance / abaca


Ein Papst ist Stellvertreter Gottes auf Erden

Ein Papst ist Stellverteter Gottes auf Erden. Also unfehlbar? Der neue Pontifex führt sein Amt anders. Er scheut sich nicht, Rat einzuholen. "Franziskus hat ein Gremium von acht Kardinälen berufen, die ihn bei der Vorbereitung von Reformen unterstützen“, so Erbacher, der fürs ZDF auch im Internet aus dem Vatikan berichtet (Hier geht's zum Blog). "Zusätzlich holt er externen Rat. Im Vatikan sind mittlerweile fast alle namhaften internationalen Beratungsunternehmen tätig."

Mit dem neuen Weg setzt Franziskus die katholische Kirche unter Druck. Wie führen Pfarrer ihr Amt? Lassen sich Bischöfe beraten? Hätte ein stärkerer Einfluss von Laien den Finanzskandal im Bistum Limburg verhindert? Weitere Zeichen setzt der Pontifex in der Personalpolitik. Karrieristen? Nein, danke. Erbacher: "Bei Ernennungen legt er Wert auf seelsorgerische Erfahrungen. Er will zudem durchsetzen, dass die meisten nach gewisser Zeit in ihre Heimat zurückkehren und wieder in der Seelsorge arbeiten."


Theologiestudium und Priesterseminar als Sprungbrett für eine lebenslange Verwaltungskarriere?

Für ihn der falsche Ansatz. Während Benedikt XVI. eher traditionelle Kräfte stärkte, bleibt Franziskus ausgewogen. Zum Koordinator des "Schattenkabinetts" aus acht Kardinälen wurde etwa Óscar Rodríguez Maradiaga aus Honduras ernannt. "Und der steht nicht gerade für eine konservative Ausrichtung der Kirche", sagt Erbacher. Gleichzeitig holt der Papst Mitglieder konservativer Gruppierungen wie Opus Dei oder Legionäre Christi in wichtige Positionen. Ein Widerspruch?


Die Kirche auf Kurs bringen

Franziskus weiß: Will er etwas verändern, darf er die katholische Kirche nicht spalten. "Im Moment habe ich den Eindruck, dass er es schafft, eine große Bandbreite hinter sich zu vereinen", so schätzt Erbacher die Situation ein Jahr nach Amtsantritt ein. "Es wird eine große Herausforderung, dieses erfolgreich fortzuführen und genügend Mitstreiter für seine Ideen und Reformen zu finden."


Konkrete Ergebnisse

Und wo sieht man konkrete Ergebnisse? Erbacher: "An vielen Stellen ist ein Jahr zu kurz, um den ,Tanker‘ katholische Kirche auf Kurs zu bringen. Aber Franziskus räumt bei den Finanzen auf und geht die Reform der Verwaltung beherzt an." Zu groß dürfen die Erwartungen trotzdem nicht sein: Dogmen der katholischen Kirche zu Ehe, Familie, Scheidung oder Sexualmoral dürfte er in Zukunft kaum über Bord werfen. Aber Franziskus lässt die Pfarrer vor Ort spüren: Seid für die Menschen da, auch wenn sie nicht nach den Prinzipien der Kirche leben. Erbacher glaubt: "Das könnte eine völlig neue Rückendeckung für die Seelsorger sein."

Autor: Kai Riedemann