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Kameraüberwachung am U-Bahnhof Berlin-Alexanderplatz.

Am U-Bahnhof Berlin-Alexanderplatz schlägt ein junger Mann eine Frau nieder. Die Polizei fahndet nach dem Täter mit Überwachungsbildern – und nimmt ihn knapp fünf Wochen später tatsächlich fest. - Foto © picture alliance / dpa

Vorsicht, Kamera!

Datenschützer warnen

Die Überwachungstechnik entwickelt sich rasant. Bald könnten Roboterpolizisten auf Streife gehen. So gewinnen wir mehr Sicherheit. Doch verlieren wir nicht zu viel Freiheit? Datenschützer warnen.

Am Bahnhof. Ein junger Mann geht auf eine Frau zu. Vor ihr liegt eine große Tasche auf dem Boden. Der Jugendliche greift sich die Tasche und läuft weg. Sie ruft ihm hinterher. Es sind Mutter und Sohn, sie hat seine Sportsachen dabei, mit denen er schnell zum Bus läuft. Was die beiden nicht wissen: An der Wand hängt eine Überwachungskamera mit Geräuschsensor, die die Umgebung nach verdächtigem Verhalten absucht. Der Zentralcomputer interpretiert das schnelle Weglaufen mit der vermeintlich fremden Tasche und die Rufe der Mutter als Diebstahl und alarmiert die Polizei.

Sekundenschnell identifiziert das künstliche Gehirn den 18-Jährigen per biometrischer Gesichtserkennung und durchpflügt soziale Netzwerke, Internetblogs, Webseiten und Fahndungslisten. Die Einsatzkräfte werden aufmerksam. Schon steigen Drohnen auf und folgen dem Dieb als fliegende Augen. Dann schauen sich die Beamten in der Leitstelle die Bilder genauer an und entscheiden: harmlos.

Künstliche Wächter

So könnte in gar nicht allzu ferner Zukunft Polizeiarbeit aussehen, wenn ein millionenschweres EU-Forschungsprojekt namens Indect zur Anwendung käme. Dann würden künstliche Späher Bahnhöfe, Plätze und auch Straßenzüge auskundschaften, Verdächtige identifizieren und mit Drohnen durch die ganze Stadt verfolgen, bis die echten Handschellen klicken. "Technisch ist man auf dem Weg dahin", sagt Filmemacher Thomas Hies, dessen spannende Wissenschaftsdoku "Überwacht? Mit Sicherheit!" die rasante Entwicklung der Überwachungstechnik zeigt und kritisch hinterfragt (siehe TV-Tipp rechts).

Das Kürzel Indect steht für "Intelligentes Informationssystem zur Überwachung, Suche und Detektion für die Sicherheit der Bürger in urbaner Umgebung". Beteiligt sind unter polnischer Leitung mehrere europäische Hochschulen, Polizeien und Hersteller. Das Ziel: Ein umfassendes Kontrollsystem soll eigenständig "abnormales Verhalten" von Personen erkennen. Je nach Programmierung könnte jemand, der zu lange nach seinem Autoschlüssel kramt oder schnell die Richtung wechselt, ins Visier dieses allwissenden Fahnders geraten. Das BKA lehnte die Zusammenarbeit mit Indect "aufgrund des umfassenden Überwachungsgedankens" ab.

Datenschützern treibt das Projekt ohnehin kalte Schauer über den Rücken. "Ich halte Indect für verfassungswidrig", sagt Thilo Weichert, Landesbeauftragter für Datenschutz in Schleswig-Holstein. "Solche Systeme sind zu fehleranfällig, führen zu Falschverdächtigungen und hebeln das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung aus." Teile dieser Technik sind längst im Einsatz, unabhängig von Indect. So werden die Besucher des Fußballstadions in Den Haag mit biometrischer Gesichtserkennung identifiziert.

Der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier, machte im Februar 2012 einen ähnlichen Vorschlag für das Fußballstadion Rostock, um bekannte Gewalttäter auszusortieren. Die Idee der Massenscans löste einen Sturm der Entrüstung aus. Die Technik gäbe es in Deutschland: Die Spezialsoftware der Dresdner IT-Firma Cognitec kann eine Person sogar aus einem Menschenstrom virtuell herauslösen, sein Abbild im Computer drehen, verdeckte Gesichtsteile ergänzen und identifizieren.

Kameras mit Köpfchen

Wissenschaftler in ganz Europa arbeiten an Geräten, Netzwerken und Software, die unsere Welt sicherer machen sollen – aber auch einem Überwachungsstaat gute Dienste leisten würden, wie ihn George Orwell als dunkle Utopie heraufbeschwor. In den Niederlanden besuchten Thomas Hies und Co-Autorin Daniela Hoyer den Informatiker Dariu Gavrila, der an der Universität Amsterdam "intelligente" Kameras entwickelt, die Aggressionen selbstständig erkennen sollen. Das Problem: Die Bilderflut aus Überwachungskameras nimmt täglich zu. "Aber es gibt niemanden, der sie sich anschaut", so Gavrila.

Die Forscher spielen dem Computerauge Handgreiflichkeiten vor. Das System merkt sich typische Bewegungen und die Körperhaltungen, wenn ein Opfer malträtiert wird. Ein roter Balken auf dem Bildschirm gibt den Aggressionslevel an. Doch noch verwechselt der virtuelle Wächter Freudentaumel mit Prügelei.

Ortswechsel. Am Institut für Photonische Technologien in Jena entwickeln Physiker eine neue Generation Körperscanner, die anders als die berüchtigten Nacktscanner keine anatomischen Details zeigen. Der Terahertz-Scanner aus Jena bildet die extrem schwache Wärmestrahlung unserer Haut ab, die von Gegenständen blockiert wird, nicht aber von Kleidung. Bei einem Test am Flughafen Erfurt zeichnete sich eine am Körper versteckte Plastikpistole deutlich ab. Fluggäste könnten mit dieser Technik ohne Schleuse kontrolliert werden. "Voraussetzung: Über den Körperscan muss deutlich informiert werden", fordert Thomas Hies.

Die Deutschen sind bei der Überwachung öffentlicher Räume zurückhaltender als etwa die Briten. Mit vier Millionen Kameras hat das Vereinigte Königreich die höchste Kameradichte in Europa. Für Deutschland gibt es keinen Schätzwert. Einige Innenstädte und Gefahrenschwerpunkte wie Brücken, Rotlicht- und Bahnhofsviertel werden observiert. Die Verkehrsbetriebe arbeiten seit Langem mit Kameras, die das Sicherheitsgefühl der Fahrgäste erhöhen und bei der Aufklärung von Verbrechen helfen. In Hamburg filmen rund 10.000 Kameras das Geschehen in Bussen, Bahnen und Bahnhöfen. In Berlin konnten im vergangenen Jahr 107 Straftäter dank Überwachungsbildern überführt werden.

Bei uns werden solche Bilder spätestens nach 72 Stunden gelöscht. In New York können die Sicherheitsbehörden neuerdings die Wege von Autos und Menschen per Kamera durch die ganze Stadt verfolgen – und fünf Jahre speichern. "Zum Glück sind in Deutschland Datenschützer, Ethiker und die Presse wachsam", erklärt Hies. "Mehr Technik bringt nicht immer mehr Sicherheit. Ich verlasse mich nicht gern auf Maschinen, sondern lieber auf Gemeinsinn und Zivilcourage."

Autor: HÖRZU / DW