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Papst Franziskus Heilige Messe Pfingsten

Papst Franziskus nach der Heiligen Pfingstmesse 2013. - Foto: VINCENZO PINTO/AFP/Getty Images

ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp

Das Rätsel von Pfingsten

Nach biblischer Überlieferung wurde am Pfingstfest, 50 Tage nach Ostern, der Heilige Geist über die Apostel der Jerusalemer Urgemeinde ausgegossen. Zugleich berichtet der Apostel Lukas, dass die vom Geist erfüllten Jünger in fremden Sprachen predigten – also die Gabe der "Zungenrede" erhielten. Es war die Geburtsstunde der Kirche.

ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp erklärt in HÖRZU die Bedeutung des christlichen Festes für die Entwicklung heutiger Glaubensgemeinschaften.

Am 18. April 1906 dürften viele Leser der "Los Angeles Daily Times" den Kopf geschüttelt haben. Tags zuvor hatte das Blatt Reporter zu einem ehemaligen Lagerschuppen in der Azusa Street geschickt, der täglich mehr Menschen anzog. So erfuhren die verblüfften Leser von religiösen Fanatikern, die sich in Gottesdiensten in eine geistige Entrückung hineinsteigerten. "Nicht allein, dass sie behaupten, die Gabe empfangen zu haben, in fremden Sprachen zu reden – sie geben auch vor, das ganze Kauderwelsch zu verstehen!"

Vielleicht würde heute niemand mehr über die Ereignisse in der Azusa Street reden, hätte nicht zeitgleich an jenem 18. April 1906 ein Erdbeben San Francisco in ein Trümmerfeld verwandelt. Die Katastrophe sorgte auch in Los Angeles für Aufruhr: Hatte der Anführer der Schar in der Azusa Street, der schwarze Prediger William J. Seymour, nicht das bevorstehende Strafgericht des Herrn angekündigt? Sollte Gott durch ihn gesprochen haben? Zahlreiche Jünger Seymours glaubten das.

Die Gottesdienste in der Azusa Street wurden überlaufen, und die neue Gemeinde entwickelte sich zur Keimzelle einer religiösen Bewegung, die binnen weniger Jahre als Pfingstbewegung die christlichen Kirchen verändern sollte. Für die frühen Christen der Urgemeinde war es normal gewesen, sich vom Geist Gottes geleitet zu fühlen, der vom auferstandenen Christus als Beistand für die Endzeit verheißen worden war.

Andererseits wurde ihre Vorstellung zurückgedrängt, dass jeder Gläubige direkt von Gott inspiriert werde, denn die Endzeit ließ auf sich warten. Stattdessen verfestigten sich die Dogmen der Kirche: Den direkten Draht zum Schöpfer bekamen Bischöfe und Priester zugewiesen, der Heilige Geist wurde durch das Dogma der Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Hl. Geist gezähmt. Die Frage nach dem inneren Verhältnis dieses dreifaltigen Wesens führte sogar zur Spaltung in eine Ost- und eine Westkirche: In Letzterer änderte sich jahrhundertelang wenig, ehe im Zeitalter der Reformation auch hier pfingstlerische Tendenzen sichtbar wurden.

Für den Protestantismus lutherischer Prägung freilich blieb die Vorstellung einer aufgekratzten Schar von verzückt in Zungen redenden Gläubigen fremd. Erst Ende des 19. Jahrhunderts erstarkten neue Endzeitsehnsüchte, die auch die Rolle des Heiligen Geistes ins Bewusstsein der Gläubigen rückten. Im religiösen Gemischtwarenladen USA, wo sich bis heute jeder seinen Glauben basteln kann, gab es viele Erweckungsbewegungen, die mittels enthusiastischer Gottesdienstpraktiken neuen Schwung ins Glaubensleben bringen wollten. Dass sich die vielen selbst ernannten Propheten oft bis aufs Blut bekämpften, erstaunt wenig. Schließlich entwertet es das Charisma des Sehers, wenn an jeder Ecke andere religiöse Wahrheiten verkündet werden.

Immer wieder warfen sich konkurrierende Kirchenorganisationen vor, die Trancezustände im Gottesdienst seien bei den jeweils anderen nicht vom Heiligen Geist gesteuert – sondern von Satan. Heute sind die Pfingstkirchen die am schnellsten wachsenden christlichen Gemeinschaften weltweit. In Lateinamerika, Afrika und Asien gelang es ihnen, den großen Kirchen Millionen Gläubige abspenstig zu machen.

Auch in Deutschland sind zahlreiche Christen längst Anhänger charismatischer Bewegungen. Doch die einseitige Verknüpfung von göttlichem Wirken mit Sensationen wird der christlichen Tradition nicht gerecht. Der Apostel Paulus nannte als wesentliche Gaben des Heiligen Geists auch Weisheit, Erkenntnisvermittlung und Glaubenskraft – nicht nur Zungenrede, Heilungen und obskure Sehergaben. Im Korintherbrief schreibt der Apostel über das Verstummen der Zungenrede – und stellt die Liebe über alle anderen Dinge. Das ist ein versöhnliches Motto für das nahe Pfingstfest.

Autor: Guido Knoopp