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15,2 kg Fisch hat jeder Deutsche 2012 verzehrt.

Zucht: Die Hälfte unseres Fischverzehrs stammt aus riesigen Aquafarmen. - Foto © Fiona Goodall/Getty Images

Arte-Doku, 07.01., 20:15 Uhr

Das Geschäft mit dem Fisch

Leer gefischt und ausgebeutet: Unser Hunger auf Lachs, Hering und Thunfisch zerstört die Ozeane. Eine neue EU-Reform soll jetzt die Wende bringen.

Wild zappelnd schnappen sie nach Luft, die Kabeljaue an Deck des Hochseeschiffs. Es sind Tausende. Manche sind längst tot, zerquetscht von den Massen im Netz. Es stinkt, es dröhnt, es ist blutig. Es ist ein erbarmungsloser Beutezug, der die Zahl der Fische in den Ozeanen wieder dezimiert hat. Weil unser Hunger auf sie wächst: Über 80 Millionen Tonnen werden heute pro Jahr aus den Meeren gezogen – fast doppelt so viel wie in den 1960er-Jahren.


Greenpeace-Einkaufsratgeber für Fisch

Mehr als 700 Fischprodukte werden bei uns angeboten, doch längst nicht bei allen kann man bedenkenlos zugreifen. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace rät: Bei den Verpackungen auf das Fanggebiet und die Fangmethode achten. Den vollständigen Einkaufsratgeber finden Sie unter www.greenpeace.de. Wichtige Fischarten im Überblick:

Grundsätzlich nicht empfohlen!

1. Alaska-Seelachs
Lebt im nördlichen Pazifik, ist der beliebteste Speisefisch in Deutschland und wird zu Fischstäbchen und Schlemmerfilets verarbeitet.

2. Lachs
Ausnahmen: etwa Pazifischer Lachs aus dem Golf von Alaska, der mit Ringwaden gefangen wurde, und Atlantischer Lachs aus Käfighaltung in Schottland.

3. Pangasius
Stammt meist aus dem Mekongdelta in Vietnam. Greenpeace empfiehlt Pangasius aus Teichen mit geschlossenem Kreislauf, die mit dem Zertifikat "Naturland" gekennzeichnet sind.

4. Scholle
Ausnahme: etwa Pazifische Scholle aus dem Golf von Alaska, den Aleuten und der Beringsee, die mit Grundlangleinen gefischt wurde.

5. Shrips/Garnelen
Ausnahme: etwa tropische Shrimps aus Bangladesch, Indien und Indonesien aus Teichhaltung mit geschlossenem Kreislauf sowie dem Zertifikat "Naturland".

6. Thunfisch
Ausnahmen: etwa die Arten Skipjack aus dem westlich-zentralen Pazifik und Weißer Thunfisch aus dem Nordostpazifik, wenn sie mit Angelruten gefangen wurden.

Grundsätzlich empfohlen!

7. Afrikanischer Wels
Fische aus Belgien, den Niederlanden, Nigeria und Ungarn, die aus Aquakulturen in Tanks stammen, können bedenkenlos gekauft werden.

8. Forelle
Ausnahmen: Regenbogenforellen aus Dänemark, Deutschland, Italien, Norwegen und Polen, die in Käfigen gezüchtet wurden, gehören nicht in den Einkaufskorb.

9. Hering
Ausnahmen: etwa die Bestände aus dem Finnischen Meerbusen, der Zentralen Ostsee, der Keltischen See und dem Nördlichen Bottnischen Meerbusen.

10. Karpfen
Süßwasserfisch, der in Deutschland in naturnahen Zuchtteichen gehalten wird. Karpfen ernähren sich von Kleintieren im Teich und werden nur mit Getreide zugefüttert.


Alaska-Seelachs, Hering, Thunfisch und Pangasius sind die Lieblinge der Deutschen. 15,2 Kilogramm Fisch hat jeder Bundesbürger im Jahr 2012 gegessen. Das ist viel, aber vergleichsweise noch wenig. Japaner kommen auf 80 Kilo. Mehr, als die Meere vertragen können. 87 Prozent der kommerziell genutzten Bestände sind erschöpft, überfischt oder bereits ausgebeutet. Umweltschutzverbände wie Greenpeace warnen seit Jahren vor den Folgen. Doch der Raubzug durch die Weltmeere geht weiter.

Besonders schlimm ist die Situation in der Nordsee und im Mittelmeer. Greenpeace-Meeresbiologin Iris Menn erklärt: 2Wenn ein Wald abgeholzt wird, sieht man das sofort. Bei einem Meer ist das aber nicht der Fall." Dabei sind viele Meere fast leer gefischt. Eine Ursache: der technische Fortschritt. Moderne Fangschiffe, sogenannte Trawler, sind hochgerüstet. "Sie besitzen Echolote und zum Teil sogar Helikopter-Unterstützung", sagt Menn. "So können sie die Schwärme sehr gezielt aufspüren." Und nicht nur das: Die Schleppnetze werden immer größer, können Ausmaße von 170 mal 110 Meter erreichen. Genug Platz für zwölf Jumbojets. Gleichzeitig reichen sie auch immer tiefer. "1500 bis 2000 Meter", berichtet Menn.

Die Fangmethoden sind immer zerstörerischer geworden. "Eine Fischerei mit Grundnetzen kann man sich wie einen Pflug auf dem Acker vorstellen", erklärt die Biologin. "Das Netz pflügt über den Meeresboden – und nimmt alles mit, was sich in den Weg stellt." Beim Beifang gilt: Mitgefangen, mitgehangen! Tiere, die der Fischer nicht gebrauchen kann oder die er offiziell nicht fangen darf, gehen wieder über Bord. Meistens tot. Schätzungen zufolge fallen jährlich bis zu 39,5 Millionen Tonnen Beifang an – eine gigantische Verschwendung. An Nahrung. Aber auch an wertvollem Leben in den Ozeanen.

Eine Reform bringt Hoffnung

Dass es den Meeren so schlecht geht, liegt auch an einer kurzsichtigen Politik. Menn: "Die EU hat jahrelang Subventionen verteilt, um Schiffe größer zu machen." Die Konsequenz: "Die Flotte in der EU kann mehr Fische fangen, als Fische im Meer leben." Auch die Fangquoten wurden vor allem in einem Interesse festgelegt: dem der Fischereiindustrie. "Wissenschaftler geben Empfehlungen für die Quoten ab, festgelegt wurden sie aber bislang von den Fischereiministern", erklärt die Biologin. Und diese Festlegungen lagen meistens deutlich über den Empfehlungen.

Nachdem ganze Fischbestände zusammengebrochen sind, hat sich die EU zu einer Reform durchgerungen, die im Januar in Kraft tritt. "Sie regelt, dass sich die Quoten künftig nach den wissenschaftlichen Empfehlungen richten", lobt Menn. Auch sollen die Fischer verwertbare Fische, die bisher als Beifang über Bord geworfen wurden, an Land bringen. Dort werden sie auf die Fangquote angerechnet. "Das zwingt die Fischer dazu, so wenig Beifang wie möglich zu haben", sagt Menn. Die Hoffnung: Fischer spezialisieren ihre Fangmethoden.

Ein Problem allerdings bleibt bestehen: Es gibt keinen Plan, die Fangflotte zu reduzieren. "Das ist das Dilemma", erklärt Menn. "Wenn die Flotte so groß ist, müssen die Betriebe die Kapazitäten ausfüllen, um rentabel zu sein."

Qualleninvasion im Mittelmeer

Außerdem fließen etliche Tonnen gefangener Fische nicht in die Quoten mit ein. Menn: "Wir haben einen hohen Anteil an illegaler Fischerei, auch in Europa." Das sind Fischer, die mehr fangen, als sie dürfen, oder in Regionen fischen, die tabu sind. Wirksame Kontrollen sind nicht das Einzige, was fehlt. Selbst wenn illegale Fischer überführt werden, drohen ihnen häufig nur Geldbußen. "Die Strafen für illegalen Fischfang sind so gering, dass es den Unternehmen kaum wehtut", kritisiert Menn.

Dabei sind die ersten Auswirkungen der Überfischung längst zu sehen und zu spüren. Giftig, glibberig, schmerzhaft – die Invasion der Feuerquallen im Mittelmeer lässt sich auch auf dessen Ausplünderung zurückführen. "Wenn zu viele Raubfische gefangen werden, kann das Nahrungsnetz aus den Fugen geraten", warnt Menn. Um den Hunger auf Fisch zu stillen, setzt die Lebensmittelindustrie verstärkt auf die Zucht. Heute stammt jeder zweite Fisch, der gegessen wird, aus einer Aquafarm.

Doch: "Aquakulturen sind nicht die Lösung der Fischereikrise", sagt Menn. Häufig drängeln sich dort viel zu viele Fische auf viel zu kleinem Raum. Damit die Tiere gesund bleiben, werden sie mit Antibiotika vollgepumpt und Gewässer überdüngt. Schließlich müssen die Zuchtfische auch etwas fressen. Weil die meisten Arten in Aquakulturen Raubtiere sind, brauchen sie Fleisch. "Man fischt etwa Sardinen und Krill und verarbeitet sie zu Fischmehl", erklärt Menn. Um ein Kilogramm Lachs zu züchten, müssen bis zu drei Kilo Fisch verfüttert werden. Deshalb sind pflanzenfressende Teichfische nachhaltiger.

Das gilt besonders für eine Art, die wegen ihres Eigengeschmacks allerdings eher unbeliebt bei uns ist: den Karpfen. Auch auf andere Fischarten muss man nicht unbedingt verzichten. Im Supermarkt sollte jeder aber genau hinsehen, woher das Tier kommt und wie es gefangen wurde. Schon das kann bei der Auswahl helfen. Gleich mehrere Zertifikate geben Auskunft: Das MSC-Siegel zeichnet Wildfisch aus, das ASC-Siegel und das EU-Biosiegel stehen für nachhaltige Aquakultur. Ob die Zertifikate das halten, was sie versprechen, ist allerdings umstritten.

"Es gibt kein Siegel, das wir guten Gewissens empfehlen können", sagt Menn. Sie verweist stattdessen auf den Greenpeace-Einkaufsratgeber (siehe oben). Was wir als Verbraucher noch tun können? Menn: "Wir sollten uns bewusst machen: Die Ernährung mit Fisch ist etwas Besonderes." Werden die Meere weiter so ausgebeutet wie bisher, fehlt uns irgendwann eine wichtige Eiweißquelle. Noch gibt es Hoffnung, davon ist Menn überzeugt: "Wir müssen den Beständen die Chance geben, sich zu erholen. Dann ist genug Fisch für alle da."

Autor: Manuel Opitz