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Zauberwürfel

Eine Frau versucht sich an einem Zauberwürfel. - Foto: © Tim Whitby/Getty Images

Gehirntraining

Das Geheimnis unserer Intelligenz

Die Szene könnte aus einem Science- Fiction-Film stammen: Ein Mann sitzt unbeweglich auf einem Stuhl. Auf dem Kopf trägt er eine Kappe mit Elektroden. Kabel ragen heraus, die Enden hängen schlaff wie Rastazöpfe herunter. Sein Blick ist starr auf einen Monitor gerichtet. Seine Aufgabe ist es, am Computer einen Ball durch ein Labyrinth zu dirigieren. Ohne Joystick, ohne Touchscreen. Der Mann zwinkert nicht mal. Das Einzige, was er tut, ist, sich zu konzentrieren: Er denkt, also rollt der Ball.

Das Experiment, das Dr. Michael Rose vom Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg mit einem Studenten während der "Nacht der Wissenschaft" präsentiert, zeigt: Gedanken lassen sich ganz einfach in technische Steuersignale umsetzen. Längst gehört die Vernetzung von Gehirn und Computer zur Grundlagenforschung. Das Verfahren dazu heißt Neurofeedback. Einer der Pioniere auf diesem Gebiet ist Prof. Niels Birbaumer, Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie der Universität Tübingen. "Beim Neurofeedback arbeiten Gehirn und Computer zusammen", erklärt der 68-Jährige. "Genau wie Menschen in der Lage sind, ihre Atmung zu beeinflussen, können sie auch innerhalb gewisser Grenzen lernen, ihre Hirntätigkeit zu lenken."

Es ist erstaunlich simpel, das Gehirn zur Fernsteuerung umzufunktionieren: Vor jeder Handlung und jeder bewussten Bewegung werden unsere grauen Zellen aktiv. Sie senden elektrische Signale, die sich an der Kopfhaut messen lassen. Diese Wellen werden vom Computer analysiert und auf dem Bildschirm visuell dargestellt, beim Labyrinthspiel etwa rollt der Ball immer ein Stück weiter. Die Nervenzellen werden auch dann aktiv, wenn ein Mensch sich die Bewegung nur vorstellt – eine wichtige Grundlage der Forschung, wie Birbaumer sie betreibt. "Diese messbare Veränderung der elektrischen Hirnaktivität kann gezielt trainiert und etwa dazu genutzt werden, eine Prothese zu steuern oder einen Computer zu bedienen."

Die grundsätzliche Frage lautet: Welche enormen Kräfte schlummern in unserem Gehirn – und wie können wir sie aktivieren und kontrollieren? Antworten gibt der Neurowissenschaftler in mehreren Büchern. Das jüngste heißt "Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst" (Ullstein, 272 S., 19,99 €, im Handel ab 11. April).
Tatsächlich sind unsere grauen Zellen unvorstellbar komplex: Allein in einem Volumen, das einem Reiskorn entspricht, stecken fast eine Million Nervenzellen. Diese sind untereinander mit Milliarden Schaltstellen, den Synapsen, verbunden. Heute weiß man: Das Gehirn ist formbar und hört nie auf zu lernen.

Das Gehirn will belohnt werden

Auch Birbaumer attestiert dem Menschen eine im Prinzip unbegrenzte Lernfähigkeit. Aber warum ist es dann bei aller Intelligenz für viele so schwer, sich Spanischvokabeln zu merken oder ein Gedicht auswendig zu lernen? Das Gehirn ist eben kein Computer. Man kann es nicht mit Wissen beladen wie eine Festplatte. Noch dazu ist es genusssüchtig: Am besten merkt es sich Dinge, wenn es sich davon etwas verspricht. "Es ist eine kleine Such(t)maschine. Das Gehirn sucht nach Belohnung für unser Verhalten", bestätigt Birbaumer. Auch beim Neurofeedback mache man sich dieses Prinzip zunutze. Immer wieder sucht der Hirnforscher extreme Fälle, die die Lernfähigkeit unseres Denkorgans beweisen. Er bringt etwa Epilepsiepatienten bei, ihre Anfälle mithilfe ihrer Hirnströme zu kontrollieren, und Nikotinabhängigen, die Suchtzentren im Gehirn lahmzulegen. Inzwischen beweisen viele Untersuchungen, dass das Gehirn auch über erstaunliche Selbstheilungskräfte verfügt.

Sterben Hirnzellen ab, etwa nach einem Schlaganfall, übernehmen benachbarte Zellen deren Aufgaben. Birbaumer beschreibt die Rehabilitation von Schlaganfallpatienten, die nach einer Gehirnblutung einen Arm nicht mehr bewegen können. "An den betroffenen Arm wird eine Prothese gebunden. Der Patient lernt, den Arm wieder zu steuern, indem er sich die Bewegungen denkt. Der Computer registriert diesen Denkvorgang im Gehirn und setzt ihn in eine Bewegung um." Die Prothese bewegt sich – und mit ihr der Arm. Mithilfe seines Willens wird der Erkrankte wieder mobil, nach langem Üben erlernt auch sein Gehirn die Armbewegung neu.

Geeignete Methode bei ADHS

Erste Studien weisen darauf hin, dass Neurofeedback Künstlern und Forschern helfen könnte, ihre Kreativität zu erhöhen, und dass Musiker ebenso von der Methode profitieren wie Sportler: Die Fußballstars vom AC Mailand wenden sie bereits im sogenannten Mind Room des Vereins an. "Man weiß, dass man durch Neurofeedback das Tischtennisspielen verbessern kann", sagt auch Birbaumer. Dennoch dürfe man in naher Zukunft keine Wunder bei der Leistungssteigerung erwarten. Ein Einsatzgebiet hat sich bereits in der Praxis bewährt. Der Wissenschaftler wendet seine Methoden bei Mädchen und Jungen mit Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) an, um ihnen zu besserer Konzentration zu verhelfen. Das läuft etwa so: Ein Schüler sitzt vor einem Bildschirm. Er schaut sich einen Film an oder legt ein Puzzle. An seiner Stirn sind Elektroden angebracht, die seine Hirnströme messen. Lässt seine Konzentration nach, stoppt der Film, oder das Puzzle verschwindet. Soll es weitergehen, muss er sich wieder konzentrieren. So lernt er, seine Aufmerksamkeit zu fokussieren. Zwei Drittel der kleinen ADHS-Patienten sind nach diesem Training frei von Symptomen.

Die Kraft der Gedanken ist erstaunlich – und sie könnte das Leben vieler Menschen leichter machen. Der Hamburger Neuropsychologe Dr. Michael Rose hat in einer aktuellen Studie mit Medizinstudenten belegt, dass Neurofeedback die Gedächtnisleistung um 20 Prozent erhöhen kann. Die wichtigste Regel auf dem Weg zum Superhirn lautet also weiterhin: Selbst ist der Kopf!

Autor: Anja Matthies