HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
Spurensuche: Pompejis Ruinen bergen zahllose Geheimnisse.

Spurensuche: Pompejis Ruinen bergen zahllose Geheimnisse. - Foto © picture alliance

Geschichtsträchtige Naturkatastrophe

Das Ende von Pompeji

Manchmal macht der Tod unsterblich. Noch heute sieht man die Menschen von Pompeji und Herculaneum so, wie sie im Jahr 79 n. Chr. von einer bis zu 400 Grad Celsius heißen Glutwelle überrascht wurden. Ein Mann, der mit letzter Kraft seine Frau schützt. Ein Kind, das ängstlich in einer Ecke hockt. Verewigt im Moment des Vulkanausbruchs, erstarrt im Todeskampf. Hohlräume in der zu Stein gewordenen Schicht aus Asche zeichnen die Umrisse ihrer Körper in allen Einzelheiten nach.

Fragt man nach den größten Katastrophen der Geschichte, fällt den meisten dieses Drama am Vesuv ein. Historienfilme wie der aktuelle "Pompeii" erzählen die Ereignisse nach. Ausstellungen wie jene in der Münchner Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung zeigen Funde aus den verblüffend gut erhaltenen Ruinen (bis 23. März). Pompeji lebt! Über keine andere Naturkatastrophe der Vergangenheit wissen wir so viel. Eine ausführliche Schilderung verdankt die Nachwelt Plinius dem Jüngeren, der etwa 61/62 bis 113/115 n. Chr. lebte. Als Augenzeuge hielt er den Ablauf in Briefen fest. Sein Onkel, Plinius der Ältere, kam sogar bei dem Versuch ums Leben, Bewohner auf dem Seeweg zu retten.

Wissenschaftliche Grabungen, die 1863 unter dem italienischen Archäologen Giuseppe Fiorelli begannen und noch lange nicht abgeschlossen sind, ergänzen die Chronik des Schreckens. Golf von Neapel, 79 n. Chr.: In den Städten am Fuß des Vesuvs fürchtet niemand die Gefahr. Seit fast zwei Jahrtausenden gibt der mächtige Vulkan Ruhe. Warum sollte er ausgerechnet jetzt ausbrechen? Für viele ist er einfach nur ein Berg.


Pompeii-Vesuv
Spektakuläre Animation: Der Vesuv zeigt sich im Film "Pompeii" von seiner zerstörerischen Seite. - Foto © CONSTANTIN


Verheerende Fehleinschätzung

Damals leben rund 15.000 Menschen im quirligen, mondänen Pompeji mit seinen Tavernen, Bordellen und Geschäften. Die eher beschauliche Hafenstadt Herculaneum hat vermutlich rund 5000 Einwohner. Heftige Erdstöße, die seit Tagen die Gegend erschüttern, werden nur von wenigen Menschen als Vorboten der Eruption erkannt. Dabei wächst der Druck in der Magmakammer stetig und droht, den Schlotpfropfen des Vulkans zu zerreißen.

Am 24. August, so berichtet Plinius, kommt es dann zur Katastrophe. Archäologen vermuten eher einen Tag im Oktober. Darauf deuten etwa bei Ausgrabungen gefundene Früchte hin, die erst im Herbst reifen. Seit dem Morgen kündigen kleinere Ausbrüche die Tragödie an. Doch auch Rauchwolken über dem Berg sorgen nicht für Panik in der Stadt. Was für ein Naturschauspiel! Die meisten Menschen gehen weiter ihrer Arbeit nach – bis gegen Mittag eine heftige Explosion die Stille zerreißt. Alle Blicke richten sich auf den Vulkan. Der seit Menschengedenken vertraute Gipfel des Vesuvs ist verschwunden.

"Eine Wolke erhob sich", schreibt Plinius an seinen Freund Tacitus, "deren Aussehen am ehesten an eine Pinie erinnerte." Die gigantische Wolke aus Asche, Stein und Gasen steigt bis zu 20.000 Meter auf und verdunkelt den Himmel.

Wenn der Tag zur Nacht wird

Der Wind treibt die Wolke südwärts – auf Pompeji zu. "Schon fiel Asche", berichtet Plinius in seinen Briefen. "Hinter uns erhob sich drohend dichter Qualm, der uns, wie ein Wildbach über den Boden hinfließend, folgte." Es regnet Asche und Bimsstein. Erdstöße bringen Mauern zum Einsturz, Steinbrocken durchschlagen die Dächer der Villen. Der Tag wird endgültig zur Nacht. Plinius: "Aber nicht wie bei mondlosem, wolkenverhangenem Himmel, sondern wie in einem geschlossenen Raum mit gelöschtem Licht." Viele Menschen fliehen in Richtung Meer. Andere suchen Schutz in den hintersten Räumen ihrer Häuser. Eine tödliche Falle, denn der Steinhagel versperrt die Ausgänge oder begräbt alles unter sich.

"Wieder Finsternis, wieder dichte, schwere Asche", schreibt Plinius. "Wir schüttelten sie ab, indem wir fortwährend aufstanden. Sonst wären wir völlig bedeckt und am Ende durch das Gewicht erdrückt worden." Die Bewohner von Herculaneum scheinen zunächst glimpflich davonzukommen. Obwohl die Stadt näher am Vesuv liegt, bleibt sie vom Ascheregen weitgehend verschont, denn der Wind steht günstig. Trotzdem flüchten die Menschen zum Meer, einige verschanzen sich in den nahen Bootshäusern und warten. Ist die Gefahr vorbei? Keineswegs.

Nach mehreren Ausbruchswellen steht der tödlichste Schlag noch bevor. Gegen Mitternacht schießt ein Gluthauch aus heißen Gasen und geschmolzenem Gestein die Flanken des Vesuvs hinab. Solche pyroklastischen Ströme entstehen, wenn Kraterwände und Eruptionssäulen in sich zusammenstürzen. Der Gluthauch tötet in Sekunden und verkohlt alles organische Material. Herculaneum wird regelrecht eingebacken. Am frühen Morgen überrollen ein letztes Mal pyroklastische Ströme die Mauern von Pompeji. Wer noch in der Stadt ist oder zurückkehrte, findet jetzt den Tod. Nach 18 Stunden ist das Inferno zu Ende, über der Bucht von Neapel steht wieder die Sonne am Himmel. "Aber nur gelbblass, wie sonst bei einer Sonnenfinsternis", hält Plinius als letzte Erinnerung fest.


Pompeii-Körper
Aschegrab: Die Körper der Toten, erstarrt im Moment der Katastrophe. - Foto © picture alliance


"Glücksfall" für die Wissenschaft

Für Archäologen erweist sich die Tragödie als einzigartige Chance: In der zusammengebackenen Vulkanmasse überdauerten Pompeji und Herculaneum zwei Jahrtausende. So hinterließen etwa die Toten Hohlräume im harten Aschebrei. Mit Gips ausgegossen, sind ihre Körper heute wieder in allen Einzelheiten erkennbar – sogar ein Hund, der sich im Todeskampf windet. Im "Haus des goldenen Armreifs" legten die Ausgräber gleich mehrere Opfer des Vulkanausbruchs frei: eine Frau, einen Mann und zwei Kinder, die offenbar nicht rechtzeitig flüchteten, sondern sich im eigenen Haus sicher fühlten. Ihren Wohlstand dokumentiert der massive, über 600 Gramm schwere Goldarmreif, den die Frau noch trug.

Mosaike und Fresken zeugen von der Lebenslust und Frivolität der Bewohner. Ein künstlicher Garten schmückt als Malerei die Wände im "Haus des goldenen Armreifs", andere Bilder aus Pompeji zeigen Männer und Frauen beim Liebesspiel. Rund 10.000 Graffiti ("Zieh dich aus, Restitua!", "Atimetus hat mich geschwängert") geben Einblicke ins Denken und Handeln der damaligen Zeit. Manches ändert sich offenbar nie. Und noch etwas kommt uns bekannt vor: Läden boten zum Bürgersteig hin Speisen und Getränke zum Mitnehmen an – antike
Fast-Food-Kultur.

Aus Herculaneum sind Fragmente der Einwohnerlisten erhalten. Daraus rekonstruierten Forscher die Zusammensetzung der Gesellschaft zum Zeitpunkt der Katastrophe. Rund 45 Prozent der Bewohner waren frei geboren, 25 Prozent dienten als Sklaven. 30 Prozent gehörten zu den Freigelassenen, denen sogar der Aufstieg in die Oberschicht offenstand. Der Exsklave Lucius Mammius Maximus etwa brachte es in Herculaneum zum wohlhabenden Bürger, dessen überlebensgroße Bronzestatue von Einfluss und Ansehen zeugt.

Menschen auf der Flucht

Es sind die Einzelschicksale, die uns noch heute berühren. Denn die Toten bleiben nicht anonym. Ein Brot, vom Gluthauch verkohlt, trägt den Namensstempel "Celer, Sklave des Q. Granius Verus". Andere Funde lassen vermuten, dass die Menschen auf der Flucht Wertsachen zusammenrafften. Ein Weidenkorb war gefüllt mit Bronzemünzen und Silberdenaren. Ein Bronzeschlüssel zeigt, dass der Besitzer seinen Laden oder seine Villa ordentlich verschloss – für die sichere Rückkehr. Er kehrte nie zurück. "Man hörte Frauen heulen, Kinder jammern, Männer schreien", schreibt Plinius über die Stunden der Panik.

Östlich von Pompeji starb eine junge Frau, die sich mit vielen Glücksbringern und Schutzsymbolen geschmückt hatte. Vergeblich. Ein Arzt wurde auf dem Weg zum südlichen Stadttor vom tödlichen Gluthauch erfasst. Als man ihn 2000 Jahre später fand, hielt er seine Instrumententasche mit sechs Bronzeskalpellen, Haken, Nadeln und Zangen noch fest umklammert. Wollte er Verletzten helfen? War auch er auf der Flucht vor dem Verderben? So erzählt jedes Fundstück eine Geschichte, die das Drama wieder lebendig werden lässt.

Autor: Kai Riedemann