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Stammbaum

Stammbaum der Familie Vanderbilt: Immer mehr Hobby-Genealogen forschen nach ihren Vorfahren. / Bild: © picture-alliance/MAXPPP

Genealogie als Hobby

Ahnenforschung

Als Helga Scabell 1980 begann, nach ihren Vorfahren zu suchen, ahnte sie nicht, dass es 20 Jahre dauern würde, bis sie endlich Erfolg haben sollte. Sie wusste, dass sie von Hugenotten abstammte, dass ein Urahn einst nach Brasilien ausgewandert war. Vage Angaben. Erst die Geburt ihres Sohnes gab den Antrieb, ernsthaft nach den eigenen Wurzeln zu suchen.

So wie Helga Scabell geht es vielen Deutschen. Mit Leidenschaft stürzen sie sich ins Abenteuer Ahnenforschung. Nach aktuellen Schätzungen gibt es hierzulande über 150.000 Hobby-Genealogen, 26.000 von ihnen sind sogar in Vereinen organisiert, in denen sie ihre Erfahrungen austauschen.

Angehörige befragen

Vor 30 Jahren nahm Helga Scabell noch Zeichenblock und Gefrieretiketten zu Hilfe, um den eigenen Stammbaum zu rekonstruieren. Heute werden im Internet bereits kostenlose Ahnenforschungs-Programme angeboten. Dort sollte man zuerst die eigene Geburtsurkunde einscannen und die Namen der Eltern und Großeltern angeben. Danach beginnt die eigentliche "Forschung".

Scabell rät: "Am besten befragt man alle lebenden Familienmitglieder nach Herkunft, Beruf und Lebenslauf und lässt sich auf alten Bildern erklären: Welcher Onkel, welche Tante ist das?" Diese Informationen sind kostbar, denn Geburtsakten sind in Deutschland generell erst nach 110 Jahren öffentlich zugänglich, zuvor unterliegen sie dem Datenschutz. Heiratsakten halten die Standesämter 80 Jahre unter Verschluss, Sterbeurkunden 30 Jahre.

Helga Scabells Schwiegervater starb etwa, ohne je ein Wort über seine Mutter verloren zu haben. Mühselig kämpft sie sich deshalb durch Auswandererlisten, Ortsregister, Tauf-, Heirats- und Sterbeeinträge in Kirchenbüchern. Sie erfährt, dass der Name Scabell aus dem Altfranzösischen stammt und "kleiner Schemel" bedeutet.

Und sie deckt eine Familientragödie auf: Der Vater ihres Schwiegervaters war Ende des 19. Jahrhunderts nach Brasilien ausgewandert, hatte dort geheiratet und vier Kinder bekommen. Als er 1905 starb, schaltete sich der Großvater der Kinder ein, der in Heidelberg lebte. Er holte die Enkel einzeln nach Deutschland zurück – jeweils wenn sie fünf Jahre alt wurden. Danach lebten sie bei Verwandten. Das Schicksal der Mutter schien ihm egal zu sein. 1924 kehrte eines der Kinder nach Brasilien zurück.

1989 gelang Scabell ein erster Kontakt zum südamerikanischen Teil ihrer Familie, 2001 kam es dann zu einem Kennenlernen in Rio: "Ich konnte es nicht fassen: Eine Cousine sah aus wie mein Mann! Ich hatte nach den Verstorbenen gesucht, um die Lebenden zu finden."

Kostbar: Passagierlisten

Ihre Erfahrungen bringt die 56-jährige Bremerin heute beim Verein für Computergenealogie (CompGen) ein. Sie ist dort auch Schatzmeisterin. CompGen arbeitet ehrenamtlich alte Quellen auf – historische Adresslisten, Kircheneinträge, Ortsfamilienbücher – und stellt sie kostenlos im Netz zur Verfügung.

Einer der größten Schätze des Vereins sind die "Bremer Passagierlisten", die Jahrzehnte in russischen Archiven verstaubten, bis sie um 1990 zurückgegeben wurden. Sie enthalten die Namen von Bürgern, die über Bremen nach Amerika auswanderten. Fünf Jahre brauchten rund 30 Vereinsmitglieder, um die 650.000 Datensätze zu entziffern und in den Computer zu übertragen. Insgesamt enthält die Datenbank Informationen über Auswanderer seit 1832.

Scabell ist Verfechterin der Idee, dass historische Unterlagen der Gemeinschaft gehören und gratis sein sollen. Der weltweit größte Anbieter für Ahnenforschung im Internet, die US-Firma Ancestry (deutsch: Abstammung), die seit 2006 auch in München ansässig ist, erhebt hingegen Gebühren.

Hier hält man sich zugute, dass alle Quellen doppelt geprüft sind – bei der Ahnenforschung ein unschätzbarer Vorteil, denn schon kleine Ungenauigkeiten können in die Irre führen. Ancestry sammelt Volkszählungsunterlagen, militärhistorische Quellen, Kirchenbücher, Bürger- und Einwohnerverzeichnisse, Gerichts- und Katasterakten. Zu den ergiebigsten Quellen zählen die Kriegsarchive mit fünf Millionen Einträgen, die das Verteidigungsministerium jüngst zur Verfügung stellte, und die Hamburger Auswandererlisten mit inzwischen knapp sechs Millionen Namen.

"Jeder Mensch hinterlässt Spuren", sagt Nikolai Donitzky, bei Ancestry zuständig für deutsche Archivsammlungen. Doch wie weit kann man in den eigenen Stammbaum blicken? "Eine der frühesten Quellen sind die Steuerlisten der Klöster um 1100 bis 1200. Bei Adelsfamilien reichen Einträge bis zu den Siedlungen um 800. Über Bauern, Leibeigene und illegitime Kinder wurde aber nichts festgehalten."

Mit etwas Geduld sei es fast immer möglich, die Ahnen wenigstens um 250 Jahre zurückzuverfolgen. Man soll aber nicht zu viel erwarten: Dass jeder dritte Deutsche von Karl dem Großen abstammt, ist nur eine Legende.

Lesen Sie hier: Ahnenforschung im Internet

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Autor: Sabine Goertz-Ulrich