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Grenzoeffnung

Ein Trabant auf dem Weg nach West-Berlin am Grenzübergang Friedrichstraße 1989.
Foto: © dpa

Grenzenlos

25 Jahre Mauerfall

25 Jahre ist es her, dass am 9. November die deutsch-deutsche Grenze geöffnet wurde. Ein überwältigender historischer Moment, der das Leben vieler Menschen für immer veränderte.

Erinnern Sie sich, was Sie am Abend des 9. November 1989 gemacht haben? Bundespräsident Joachim Gauck, damals noch Pfarrer, stand an jenem Donnerstag auf einer Bühne vor dem Rostocker Rathaus und sprach zu Demonstranten. Als ihm nach seiner Rede zwei Volkspolizisten erzählten, in Berlin sei die Mauer offen, antwortete er ihnen: "Nun gehen Sie mal schön nach Hause, wir demonstrieren weiter, und in ein paar Wochen wird es wohl so weit sein." Iris Gleicke, heute Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, kam von einem Computerkurs im thüringischen Meiningen zurück und schlief auf der Couch ein, ihren knapp zweijährigen Sohn im Arm.

Jubel und Tränen des Glücks

Wie das Staatsoberhaupt und die SPD-Politikerin wissen auch die meisten Deutschen noch genau, wo sie waren, als die Grenzen geöffnet wurden. Gegen 19 Uhr hatte das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz fast nebenbei verkündet, die DDR-Bürger könnten ab sofort frei reisen. Umgehend verbreiteten Westmedien die sensationelle Neuigkeit. Daraufhin strömten Tausende Ostberliner an die Grenzübergänge und verlangten deren Öffnung. Um 21.20 Uhr durften an der Bornholmer Straße die Ersten in den Westen, wo sie mit Jubel empfangen wurden. Moderator Hanns Joachim Friedrichs fasste in den "Tagesthemen" die Bedeutung des Moments zusammen: "Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten; sie nutzen sich leicht ab. Aber heute Abend darf man einen riskieren: Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen."

Joachim Gauck begriff erst zu Hause am Fernseher, was geschah. "Da kullerten die Tränen", erinnert er sich. Iris Gleicke erfuhr am nächsten Morgen von den Ereignissen: "Ich stand in meiner Küche und habe geweint. Alles war so unwirklich." Dieser Tag markierte das Ende der deutsch-deutschen Trennung, die 28 Jahre lang währte. In der Nacht zum 13. August 1961 hatte die DDR-Führung das Volk mit dem Mauerbau überrumpelt. Bis 1989 starben dort bei Fluchtversuchen mindestens 138 Menschen. Mit der Entspannungspolitik von Bundeskanzler Willy Brandt kam es in den 1970er-Jahren zur ersten Annäherung der beiden deutschen Staaten. Gleichzeitig wurden Kritiker aus der DDR ausgewiesen, unter ihnen Liedermacher Wolf Biermann. Anfang der 1980er-Jahre begann die ostdeutsche Friedensbewegung, die Staatsmacht mit mutigen Aktionen infrage zu stellen. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Kirche. Als die Grenze in Ungarn im Mai 1989 geöffnet wurde, konnte auch die DDR-Regierung den Fall der Mauer nicht mehr verhindern. "Ohne dass die Menschen aufgestanden wären, wäre die Mauer nicht gefallen", sagt Bundespräsident Gauck. "Dies bleibt für mich ein schöner Moment: Die Mauer fällt, wir freuen uns alle."

Eine erste Bilanz

25 Jahre ist das her. Ein guter Zeitpunkt, um Bilanz zu ziehen. Die Wochenzeitung "Die Welt" ermittelte im Frühjahr, was die Wiedervereinigung die Steuerzahler bisher gekostet hat – und kam auf die beeindruckende Summe von knapp zwei Billionen Euro. Trotz der immensen Finanzhilfen habe der Osten des Landes ökonomisch noch nicht das Niveau des Westens erreicht: Die Wirtschaftskraft eines ostdeutschen Bürgers entspreche nur rund zwei Dritteln von der eines westdeutschen. Und Prognosen gehen davon aus, dass es so bleiben wird. Doch kann man das überhaupt so klar beziffern? Die Berechnungen finden nicht überall Zustimmung: Iris Gleicke, die seit 24 Jahren Mitglied des Bundestages ist und sich als "Sachverwalterin ostdeutscher Interessen" versteht, hält eine seriöse Aufrechnung für nicht möglich. "Fakt ist natürlich: Es hat Aufbauhilfen gegeben, und es sind erhebliche Finanzmittel geflossen. Aber man kann Zahlungen, die es in Ost und West gleichermaßen gibt, etwa Renten, Sozialleistungen oder den Bau und Erhalt von Straßen, nicht einfach als Transfer mit einrechnen." Auch von vielen Verkehrsprojekten habe nicht nur der Osten profitiert. Beispiele dafür seien große Autobahnerneuerungen oder etliche Bahnstrecken, die den Westen mit dem Osten verbinden. Die Staatssekretärin gibt auch zu bedenken, dass viele junge, gut ausgebildete Menschen aus Perspektivlosigkeit in den Westen abgewandert seien. "Und die zahlen natürlich auch im Westen Steuern."

Tatsache bleibt: Es gibt im Osten nur wenige exportstarke Industrieunternehmen. Die Bevölkerung schrumpft schneller als im Westen, die Arbeitslosenquote ist doppelt so hoch, und die Löhne liegen im Schnitt noch immer rund 20 Prozent unter dem Westniveau. Bei so manchem Westdeutschen bleibt dennoch das vage Gefühl, es gehe vielen Regionen im Osten heute besser als so manchen in den alten Bundesländern. Ein Irrtum, sagt Gleicke: "Selbst Regionen, die wir im Osten als Leuchttürme betrachten, sind häufig noch schwächer als strukturschwache Gebiete im Westen." Und wo findet man die "blühenden Landschaften", die der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl 1990 den neuen Bundesländern versprach? "Wenn man heute durch Ostdeutschland fährt, kann man sehen, was wir in den letzten Jahren geschafft haben", sagt Gleicke. Als Beispiele nennt sie etwa den Denkmalschutz, das Chemiedreieck in Sachsen-Anhalt und die Altlastensanierung, die viele moderne Arbeitsplätze entstehen ließ. Sie räumt ein, dass diese Entwicklung noch nicht flächendeckend sei und dass es auch Menschen und Projekte gebe, die nach der Wiedervereinigung gescheitert seien. Dennoch: "Als Volk haben wir eine gigantische Leistung vollbracht. Das gilt es anzuerkennen."

Ballons auf 15 Kilometern

Die Anerkennung kommt, wie die vielen Veranstaltungen zum 25. Jahrestag des Mauerfalls zeigen. Bereits seit Juni trifft der Bundespräsident osteuropäische Spitzenpolitiker, deren Länder ihre Grenzen zum Teil schon vor der DDR öffneten. Die meisten TV-Sender erinnern an die historischen Ereignisse (s. TV-Tipps rechts). Der RBB sendet ab dem 9.11., 9.00 Uhr, bis 10.11., 10.00 Uhr, zum Thema Mauerfall. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße eine Dauerausstellung eröffnen, und am Brandenburger Tor wird ein Bürgerfest veranstaltet. Ein Höhepunkt des großen Festes: Entlang einer Strecke von rund 15 Kilometern von der Bornholmer Straße bis zur Oberbaumbrücke werden Tausende leuchtende Ballons den alten Grenzverlauf nachzeichnen. Abends sollen Ballonpaten sie in den Himmel steigen lassen. Diesen Termin hat sich Iris Gleicke vorgemerkt: "Das möchte ich auf keinen Fall verpassen. Und eines kann ich versprechen: Ich werde sicher nicht wieder auf meinem Sofa einschlafen."

Autor: Jan Bockholt