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"14 Tagebücher des Ersten Weltkriegs" - Foto © SWR/LOOKSfilm/Edition Memoria/T

Die 15-jährige Elfriede Kuhr im Kreis ihrer Familie.- Foto © SWR/LOOKSfilm/Edition Memoria/Thomas B. Schumann

TV Doku

"14 - Tagebücher des Ersten Weltkriegs"

Die Schrecken des Kriegs nachvollziehbar zu machen – wie gelingt das? Kaum mit nackten Zahlen und sachlichen Berichten über Frontverläufe und Kampfstrategien. Meist sind es persönliche Schicksale, die uns berühren. Geschichten von Menschen, die dabei waren und ihre Erlebnisse so schildern, dass sie uns heute noch zu Herzen gehen. Das ist der Ansatz des vierteiligen Dokudramas "14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs"

Ein herausragendes Fernsehstück aus Spielszenen und historischem Material, das über Jahre zusammengetragen wurde. Ein TV-Event, das es so noch nie gab. Einzigartig auch die internationale Zusammenarbeit von 28 Ländern. Das Erste sendet die ersten beiden Teile am 27. Mai (sieheTV-Tipp). Ergänzt wird die Doku durch ein informatives Begleitbuch (siehe "Lesen Sie auch").

Die ergreifendsten Erlebnisse der Tagebuchautoren zitiert HÖRZU hier vorab. Als der Krieg am 1. August 1914 ausbricht, herrschen in ganz Europa Jubel und Begeisterung. Elfriede Kuhr, 12 Jahre, Schülerin, beobachtet am 4. August 1914, wie ein Regiment Infanteristen Posen verlässt: "Sie überfluteten den Bahnsteig wie eine graue Welle. Alle Soldaten trugen um Hals und Brust lange Gewinde aus Sommerblumen. Selbst in den Gewehrläufen steckten Sträuße von Astern, Levkojen und Rosen, als wollten sie den Feind mit Blumen beschießen. "Unter die Jubelrufe mischt sich auch Wehmut. Aber Zweifel werden im Begeisterungstaumel schnell erstickt: "Das Hurrarufen schwoll zu einem Brausen an, die Gesichter der Soldaten drängten sich in den offenen Türen, Blumen flogen durch die Luft, und auf einmal fingen viele Menschen auf dem Platz an zu weinen. Auf Wiedersehen in der Heimat! Keine Angst! Wir sind bald wieder zu Haus! Weihnachten feiern wir bei Mutter!"


14 Tagebücher
Österreichische Soldaten warten auf ihren Transport an die Front in Serbien. - Foto © SWR/LOOKsfilm/Kulturhistorisches Museum Rostock

Was nützt es ein Kind zu sein?

Das Mädchen ärgert sich, nicht dabei sein zu dürfen: "Was nützt es, ein Kind zu sein, wenn Krieg ist. Man muss Soldat sein. Ein Kind ist gar nichts wert." Die Kriegsbegeisterung steckt selbst Zeitgenossen an, die wenig von der Monarchie und Kaiser Wilhelm II. halten, so wie Käthe Kollwitz, 41 Jahre, Künstlerin: "Zum ersten Mal empfand ich die absolute Gemeinsamkeit des Volkes. Ich empfand ein Neu-Werden in mir. Als ob nichts der alten Wertschätzungen noch stand hielte, alles neu geprüft werden müsse."

Als auch ihr Sohn in den Kriegstaumel einstimmt, klingen erste skeptische Töne an: "In solchen Zeiten kommt es einem blödsinnig vor, dass die Jungen in den Krieg gehen. Das Ganze so wüst und hirnverbrannt. Der dumme Gedanke: Sie werden in einem solchen Tollwerden doch nicht mittun, und sofort wie ein kalter Strahl: Sie müssen!"

Der Kriegstaumel erfasst andere Nationen, besonders die Franzosen und die Engländer. Viele melden sich freiwillig an die Front – sowie der Brite Charles Edward Montague, 37 Jahre, Journalist: "Ich spürte in mir ein übergrosses Verlangen zu kämpfen. Ich spürte die Verlockung der Gefahr und eine Leidenschaft nach mehr Leben, als hinter einem Schreibtisch möglich schien." Auch ein junger Österreicher wird zum Kriegsdienst eingezogen, allerdings nicht freiwillig. Karl Kasser, 25 Jahre, Landwirt: "Mit Blumenschmuck am Gewehr und Kragen, begeistert durch die Zurufe der Landbevölkerung, ging es fort unserem Elend entgegen. Obwohl ich doch wusste, es sind so viele, die das mitmachen müssen, war mir doch so schwer ums Herz, wenn ich daran dachte, alles verlassen zu müssen, was mir lieb und teuer war, und ins Ungewisse fortgehen zu müssen."

Unbehagen beschleicht auch einen Jüngling, der sich freiwillig gemeldet hat, als er Richtung Front aufbricht. Ernst Jünger, 19 Jahre, Schriftsteller: "Nachmittags, Empfang von Patronen und eiserner Ration Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten. Als wir antraten, nahmen einige Mütter Abschied, was doch etwas trübe stimmte. 6.44 Abfahrt. Wir bekamen Stroh in die Wagen. Furchtbar gedrängte Pennerei in und unter den Bänken." Aber noch überwiegt die Begeisterung. Allerdings zeigt sie teilweise ziemlich absurde Auswüchse.

Ein unheimliches Gefühl

Elfriede Kuhr, 12 Jahre, Schülerin: "In der Schule sagen die Lehrer, wir hätten die vaterländische Pflicht, nicht mehr fremde Worte zu gebrauchen. Ich habe zuerst nicht gewusst, was sie damit meinen. Jetzt ist mir klar: Man darf nicht mehr Adieu sagen, weil das Französisch ist. Es ist eine Ehre, Lebewohl oder Auf Wiedersehen zu sagen. Mama muss ich von nun an Mutter nennen." Das Mädchen kann den Krieg auch fern der Kampflinien spüren: "An der Ostfront tobt seit Tagen die Schlacht. Auf der ganzen, fast 400 Kilometer langen Linie wird wütend gekämpft. Wenn man ganz still ist und aufpasst, fühlt man den Erdboden leise zittern. Es ist ein unheimliches Gefühl."

Je weiter sich der Krieg ausbreitet, desto mehr gewinnt er an Schrecken. Sarah MacNaughton, 49 Jahre, schottische Rot-Kreuz-Helferin: "Wir gerieten unter heftigen Beschuss, entweder, weil wir die Rot-Kreuz-Flagge gehisst hatten oder weil wir in der Schusslinie eines Pulvermagazins lagen, das die Deutschen zerstören wollten. Keiner kann sich vorstellen, was es heißt, direkt hinter der Schlachtlinie zu sein, und ich fürchte, in der Heimat würden sich viel weniger Soldaten freiwillig melden, wenn sie unsere Lazarette gesehen hätten."
Doch trotz erster Opfer herrscht noch Zuversicht, selbst in den Krankenlagern: "Die Dankbarkeit der Patienten ist grenzenlos, und sie haben uns sogar einen wunderschönen Korb mit frischen Blumen geschenkt. Fast alle dürfen aufstehen, so ist es ein wahres Vergnügen, sie zu pflegen. Es ist eine Menge zu tun, und wir schweben umher mit unseren weißen Häubchen."


14 Tagebücher
Drangvolle Enge herrscht in den Unterkünften der einfachen Soldaten. - Foto © SWR/LOOKsfilm/Kulturhistorisches Museum Rostock

Elend und Zweifel wachsen

Karl Kasser, 25, Landwirt: "Wir kamen immer näher zur Grenze, immer weiter entfernt von der Heimat, wo wir schon traurigen Herzens daran dachten, unsere Lieben nicht mehr zu sehen. Die Strapazen, die man mitmachte, den Hunger, den man litt, die Kälte, die man ausstand. Unglaublich, was der Mensch alles aushalten kann. Die Pferde fielen um, eins ums andere. Die hielten nicht so viel aus."

Charles E. Montague, 37, Journalist: "Nichts ist so schlimm wie der Schlamm, der Dreck, der Gestank überall. Das ist der wahre Feind. War es wirklich eine gute Idee, auf den Dienst im Schützengraben zu bestehen? So jung ich mich im letzten Herbst fühlte, spüre ich mit jedem Tag mehr, dass ich nur ein alter Knochen bin. Ich gehöre nicht mehr zwischen die Jungs."

Ernst Jünger, 19, Schriftsteller: "Jede Nacht Wache im vordersten Graben. Angriffe werden erwartet. Sechzig Stunden ohne Schlaf, in Nässe und Kälte sind endlos. Ich bin gespannt, wann sich der unvermeidliche Rheumatismus einstellt." Und dann die Kämpfe: "Das Trommelfeuer nimmt eine wahnwitzige Stärke an. Die Erde wankte, und der Himmel scheint ein Hexenkessel zu sein. Hunderte von schweren Batterien, unzählige Geschosse kreuzen sich in der Luft. Meine Ohren drohen zu zerplatzen." Mit der Verzweiflung wächst auch die Wut: "Mit einer Mischung von Gefühlen, hervorgerufen durch Aufregung, Blutdurst, Wut und Alkoholgenuss, gingen wir auf die feindlichen Linien los. Ich fühlte das unbezähmbare Bedürfnis, etwas kaputt zu machen.“ Dabei bedauert Jünger den kulturellen Vandalismus: "Auf so einer Wache kommt man auf allerlei Gedanken. Vor dem Krieg dachte ich wie mancher: Nieder, zerschlagt das alte Gebäude! Aber nun, es scheint mir, dass Kultur und alles Große langsam vom Krieg erstickt wird. Der Krieg hat in mir doch die Sehnsucht nach denSegnungen des Friedens geweckt.“

Zwischen Gut und Böse

Auch in der Heimat verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse. Elfriede Kuhr, 12, Schülerin: "Nie kann ich genau unterscheiden, was in diesem Krieg Recht und was Unrecht ist. Ich schreie Hurra über unsere Siege und bin außer mir, weil es Tote und Verwundete gibt." Die anfängliche Begeisterung schwindet ganz, wenn es in der Familie Gefallene gibt.

Käthe Kollwitz, 41, Künstlerin, muss schon 1914 den Verlust ihres Sohnes verkraften: "Tod fürs Vaterland, das spricht sich so hin. Welch furchtbare Tragödie, welch Triumph der Hölle verbirgt sich hinter der glatten Maske dieser Worte. Ich kann es nicht mehr. Meine Kraft langt nicht. Ich bin zu zerstört, zerweint, geschwächt.“

Doch viele halten die Opfer für ein notwendiges Übel. Charles E. Montague, 37, Journalist: "Das panische Gekreische der Londoner Zeitungen über die feindlichen Luftangriffe muss schrecklich viel Schaden angerichtet haben. Wenn es etwas gibt, dass die Deutschen ermuntern könnte, mit ihren Angriffen auf England weiterzumachen, dann wären es diese erschrockenen Schreie über ein Handvoll Opfer, so wie es in diesem Krieg nun mal Opfer gibt."

An der Front beginnt das große Elend. Karl Kasser, 25, Landwirt: "Der Feind kam schon sehr nahe, ca. 30 Schritte war er weg. Da traf mich eine Kugel in die Brust, dass mir das Blut sofort durch den Mund und durch die Nase kam. Wie ich fiel, hatte ich das Gewehr noch schussbereit in den Händen, sprangen zwei Russen auf mich zu, weil sie glaubten, ich werde noch schießen. Der eine packte mich am Genick, der andere versetzte mir einen Stich. Er hatte es wohl auf die Brust abgesehen, traf mich aber auf dem rechten Oberarm. So war ich wehrlos und gefangen." Kasser fällt zunächst in Ohnmacht, kommt aber wieder zu sich: "Der Atem ging so schwer, die Nase und der Mund waren ein Blutstock. Da fiel mir doch wieder ein, dass ich verwundet wurde. Und einen Schmerz hatte ich in der Hand, wollte ich die Hände bewegen. Die linke war gesund, aber die rechte schmerzte. So dachte ich wieder nach, endlich kam ich drauf, dass wir ja von den Russen gestürmt wurden und ich so schwer verwundet wurde. Aber dass die Hand abgeschossen war, konnte ich nicht verstehen. Denn ich konnte mich nur an den Hieb erinnern, und dass mich die Russen mitschleppten."

Kasser gerät in Kriegsgefangenschaft und wird nach Sibirien gebracht: "Nun kam die Nacht, die erste im Lager. Die harte Pritsche, keinen Strohsack und nichts zum Zudecken. Die Baracke eisig kalt. Denn es war ausgeputzt und die Pritschen gewaschen. Die waren ganz eisig. Müde und ganz erschöpft legten wir uns drauf."


14 Tagebücher
Hundertausende sterben bei den erbitterten Kämpfen an den Fronten und werden in Massengräbern beigesetzt. - Foto © SWR/LOOKsfilm/Kulturhistorisches Museum Rostock

Auch in Deutschland tauchen Gefangene auf. Elfriede Kuhr, 12, Schülerin: "Wo sollen wir bloß mit den ganzen Gefangenen hin! Wir sehen jetzt so viele Gefangenentransporte über unseren Bahnhof kommen. Fräulein Gumprecht, die heute zum Kaffee gekommen war, meinte, die Gefangenen würden uns nur Hungersnot und Seuchen ins Land bringen. Warum schießt man die Kerle nicht einfach tot? rief sie. Na, wir fanden das schrecklich, dass man nun auch noch Gefangene totschießen solle."

Als an der Front Giftgas eingesetzt wird, erreicht das Grauen seinen Höhepunkt. Sarah MacNaughton, 49, Rot-Kreuz-Helferin: "Fast alle Männer, die wir zuletzt bekamen, litten an Erstickung wegen des Gases. Wer es nicht selbst gesehen hat, kann sich keine Vorstellung machen. Die Ärzte sagen, dass nichts sie mehr berührt als das Entsetzen dieser Männer. Ihre Nerven sind völlig zerrüttet, alles und jedes scheint sie zu ängstigen. Diese Männer sind nicht verwundet, sie sind zerschmettert.“ Die Krankenschwester beschreibt auch die tägliche Überforderung: "Die Chirurgenarbeiten in Schichten rund um die Uhr und kommen dennoch nicht hinterher. Alle Betten sind belegt, ebenso die Gänge. Ich sehe, wie jeden Tag Hunderte in einem endlosen Zug an mir vorüberziehen. Und ich kann keinem von ihnen wirklich helfen. Ich fühle mich immer erleichtert, wenn sie endlich gestorben sind. Es ist ein Wahnsinn, Tausende junge Männer dahin zu schlachten. Man möchte anschreien dagegen. Der Schrecken wird ewig währen, und es werden noch so viele weitere kommen."

Am Ende bleibt ihr wie so vielen nur Verzweiflung: "Der Anblick derart verstümmelter Menschen war schrecklich, und ich gewöhnte mich kein bisschen daran. Gott, wie übel sie zugerichtet waren! In den großen Räumen hallten ihre Schmerzensschreie wider. Die Männer schworen, niemals wieder Bomben und Handgranaten anzusehen. Sie waren so frisch verwundet, die armen Jungs. Diese Vernichtung menschlichen Lebens ist grässlich. Schließlich, in seiner Wut, möchte man am liebsten gegen die schiere Idiotie anschreien. Warum Leben in die Welt setzen und es dann mit spitzen Eisenstückchen und Messern, die sich in das bebende Fleischbohren, wieder hinausbefördern? Der Schmerz darüber ist zu stark. Ich bin krank vom Anschauen des Leids."

Autor: Thomas Kunze