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Willkommen im Reich der Blüten und Wohlgerüche. - Foto  © picture-alliance / dpa

Willkommen im Reich der Blüten und Wohlgerüche. - Foto © picture-alliance / dpa

Frankreich

Provence - Traumland der Düfte

Es ist immer noch wie zu Zeiten jenes mörderischen Duftdiebs aus dem Roman "Das Parfum", den seine Gier nach der perfekten Essenz rastlos durch Frankreich trieb. Grenouille hieß der Junge im Buch, und wer seine Spur aufnimmt, kann diese Sehnsucht nach dem großen Rausch erahnen. Immer noch führt eine Spur aus Wohlgerüchen von Grasse bis nach Cannes und Nizza.

Goldgelbe Mimosen und Narzissen eröffnen hier das Farbenspiel, es folgen Veilchen und Hyazinthen. Im April brechen Ginster- und Orangenblüten aus ihren Knospen. Sie bereiten den Boden für die Königin der Düfte, die Rose, und ihre Schleppenträgerin, den Jasmin.


Eine Essenz der Sinnlichkeit

Wer heute durch Grasse flaniert, jenes aufgeräumte Städtchen im Hinterland des Meeres, der kann sich kaum vorstellen, dass die Kunst der Parfümeure ausgerechnet in den übel riechenden Quartieren der Gerber entstand: damals, im Mittelalter, als die ersten Pioniere mit Essenzen laborierten, die den strengen Geruch des Leders mildern sollten. Heute ist Grasse eine Hochburg der Duftgewinnung.

Die Stadtväter lassen es sich nicht nehmen, die Spaziergänger sogar mit Rosenduft aus unsichtbar verlegten Duftleitungen zu umnebeln. Unbedingt zu empfehlen ist ein Besuch im Duftmuseum, das um die früheren Stadtmauern herum gebaut wurde. Hier wird gezeigt, wie den zarten Blütenblättern früher ihr Aroma entzogen wurde. Ein Prozess, der umfangreiches Wissen über die Natur der Blüten und ihre schnelle Verderblichkeit voraussetzt.


Wichtigsten Schritte zur Duftgewinnung

Die wichtigsten Schritte zur Duftgewinnung sind bis heute gleich geblieben: Zunächst werden die Blüten geerntet, oft noch von Hand. Dann wird der Duft destilliert: Früher vermengte man die Blütenblätter mit Fett, bis eine duftende Pomade entstand.

Kupferbottiche, Handpressen und antike Parfumflakons zeugen von der Kunst der Destillation. Auch die Parfumhersteller am Ort, Molinard und Fragonard, haben ihre hauseigenen Museen, die Besuchern offenstehen. Wer durch Grasse und seine umliegenden Felder streift, gewinnt eine Idee von der Kostbarkeit der Düfte.

Lese
Jasmin wird noch von der Hand gepflückt. - Foto © picture alliance/Rainer Hackenbe


Traum von Grasse?

Eine Stunde braucht eine Pflückerin, um ein Pfund Jasminblüten zu sammeln. Um einen Liter der " essence absolue", also der reinen Essenz, zu gewinnen, benötigt der Parfümeur aber eine Tonne dieser kostbaren Blätter! Bei Profis dauert es manchmal Jahre, bis aus der Idee ein Parfum wird.
Die Schüler in den Workshops der Duftfabriken haben weniger Zeit, um ein Eau de Toilette zu komponieren. Die Basis bilden vielleicht Orange, Zitrone, Bergamotte. Für die restlichen Milliliter stehen Lavendel, Rosmarin und italienische Mandarine bereit. Dann kommt noch ein Hauch des herben Neroli oder Moschus hinzu. Irgendwann ist der Messbecher voll, die Schüler füllen ihre Mixtur in einen Flakon und führen ihre Kreationen vor. Selbst einen Namen dürfen sie ihnen geben. Wie wäre es mit "Rêve de Grasse"? Traum von Grasse?

Nur noch wenige Duftkonzerne leisten sich übrigens eigene Parfümeure, auch "Nasen" genannt. Aus einigen Hundert natürlichen und rund 3000 synthetischen Stoffen bauen sie die Düfte der modernen Welt.

Lavendel
Wenn der Lavendel blüht, leuchtet die ganze Provence auf - Foto © picture-alliance / Arved Gintenr


Der Alchimist der Aromen

Weiter geht’s, immer der Nase nach. Im Tal von Grasse sind viele Rosenfelder heute von Fabriken verdrängt worden. Statt handgefertigter Parfums entstehen hier Aromastoffe für die Lebensmittelindustrie. Manchmal liegt ein leichter Hauch von Erdbeersorbet über dem Tal. Aber auch diese Essenzen verlangen handwerkliches Können.

In der Traditionsfirma Payan Bertrand lagern Säcke von Galbanum aus dem Iran, Olibanumharz aus Somalia und brasilianische Tonkabohnen mit dem Aroma von Amaretto. Über 100 natürliche Essenzen stellt Bertrand heute noch selber her. Jasminextrakt aus Ägypten ist dabei viel billiger als jener, der aus den Jasminblättern gewonnen wird. Auch der teure Eichenmoos- Duft könnte leicht durch synthetisch hergestelltes Citronella ersetzt werden – allein, das verbietet der Stolz des Duftexperten.

Ganz ohne Chemie allerdings geht es schon lange nicht mehr. Was spricht auch dagegen, die kostbare Ambra, ein seltene Stoffwechselprodukt des Pottwals, durch Ambroxan zu ersetzen? Und wie gut, dass Bergamotteöl mit ein wenig chemischer Hilfe im Sonnenlicht keine braunen Flecken mehr auf der Haut hinterlässt.


Altstadt
Bummeln durch die Altstadt von Grasse - Foto © picture alliance / Arco Images G


Traumland der Düfte

Sobald Grasse im Rückspiegel zu einem kleinen Flecken schrumpft, fliegen neue Düfte durchs Autofenster. Im Sommer blüht der Lavendel, auf Märkten kann man die getrockneten Blüten in Leinensäckchen kaufen. Auf der Höhe von Cannes oder Nizza überlagert der frische Duft des Meeres das Blütenbouquet des Hinterlandes, gewürzt mit einer Prise Salz, in der Kopfnote ein Hauch Anis. Glücklich, wer abends im Hotel seine Schätze aus der Dufthochburg Grasse ausbreiten kann: Flakons und Duftstäbe, Seifen, die Lavendel- und Olivenaroma verströmen. Nirgendwo sonst hätte Patrick Süskind seinem Duftjäger Grenouille besser Leben einhauchen können als in diesem Traumland der Düfte.

Autor: Angela Meyer-Barg