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Bunte Farbenpracht: der Indian Summer im Trout Lake Area in Colorado

Bunte Farbenpracht: der Indian Summer im Trout Lake Area in Colorado / Foto: © picture alliance/Bildagentur-online

Der Rausch der Farben

Indian Summer in Amerikas Wäldern

Bekanntlich ist in Nordamerika alles größer und gewaltiger als bei uns. Der überwältigende Grand Canyon etwa oder das Death Valley, tiefster Punkt der westlichen Hemisphäre. Da können Partnachklamm und Höllental nicht mit. Selbst beim Pendant zu unserem malerischen Altweibersommer setzt Amerika noch einen Superlativ obendrauf. Und was für einen: Während sich bei uns im Frühherbst die Blätter verfärben und mit Tautropfen besetzte Spinnennetze in der Morgensonne funkeln, explodiert drüben an der Ostküste die Landschaft in einem Farbenrausch, der weltweit einmalig ist.

"Wenn es nachts schon friert und die Sonne durch den Frühnebel bricht, dann schreien Zuckerahorn und Roteiche in einer wahnsinnigen, verzückten Leuchtkraft", schrieb der Dichter Carl Zuckmayer, den es in den 40er-Jahren ins Exil nach Vermont verschlug. "Indian Summer", Indianersommer, nennen wir das Farbenspektakel, das Mitte August in Kanada beginnt und südwärts bis nach Georgia und sogar Texas wandert, wo es im November erlischt.

Am schönsten ist es in den Neuenglandstaaten Connecticut, Maine, Massachusetts, New Hampshire und Rhode Island, besonders aber in Vermont. Ein richtiger Indian Summer startet kalt mit frostigen Nächten und wird dann wieder wärmer – mit Tagestemperaturen um 20 Grad und blauem Himmel, der die Farben nur so strahlen lässt.

Es liegt an der Vielfalt der Flora in Nordamerika, wo es 15-mal so viele Baumarten gibt wie in Westeuropa. Darunter allein 70 verschiedene Eichen – bei uns sind es nur drei. Es liegt auch daran, dass es drüben früher kalt wird und schon im September Nachtfrost gibt. Dann verschwindet, vereinfacht gesagt, das Chlorophyll aus den Blättern, Rot- und Brauntöne bleiben übrig, die sonst von Grün überdeckt werden.

Der wichtigste Baum im Indian Summer aber ist der Zuckerahorn. Wenn die Kälte den Zuckerzyklus in den Blättern unterbricht, bilden sich Anthocyane, die zusammen mit Carotinoiden das Laub erst richtig zum Leuchten bringen.

Das Glühen und Brennen der Wälder

Doch wer will schon etwas von Baumchemie hören, wenn er Ende September oder Anfang Oktober mit Bus, Bahn oder Auto durch Neuengland fährt und trunken wird vom Leuchten, Glühen, Brennen und Lodern in den Hügeln. Dann will man sich nur noch dem Farbrausch hingeben, kann sich nicht sattsehen, so wie auch ein Taucher im australischen australischen Great Barrier Reef nie genug bekommen kann vom farbenprächtigen Meeresleben.

Reisende in den Neuenglandstaaten sollten sich einlassen auf eine wochenlang wild gewordene Parklandschaft, in der Sträßchen sich hügelauf, hügelab winden. Wo es auch nach europäischen Maßstäben alte Dörfer gibt, in denen wunderbar gepflegte weiße Holzhäuser stehen mit Veranden davor, bewohnt von Menschen mit guten Manieren, die lange schon Biokost bevorzugen, Energie sparen, mit Antiquitäten leben, ihre Kinder auf gute Schulen schicken, langlebige Schwedenautos fahren und mit George Bush aus Texas wenig anfangen konnten.

Besucher können sich einmieten in Bedand-Breakfast-Unterkünfte mit Schaukelstuhl, Kamin und Uromas Himmelbett. Und sie sollten eintauchen in eine Landschaft, die geprägt ist vom Geist der Europäer, die vor 400 Jahren über den Atlantik segelten und einen neuen, wilden Kontinent kultivierten. Sie gründeten schon vor gut 370 Jahren Universitäten, die heute zu den renommiertesten der Welt zählen, etwa Harvard und Yale. Den bunten Herbst fanden sie schon vor.

Schuld war der indianische "Himmlische Jäger", der den Großen Bären über den nächtlichen Himmel hetzte und ihn mit dem Bogen schoss. Aus der Pfeilwunde tropfte Blut, das die Herbstwälder Amerikas so rot färbte, dass heute jährlich Millionen Menschen in die Hügel fahren, um das Naturwunder zu bestaunen. Allen Nicht-Amerikanern sei empfohlen, nach New York oder Boston zu fliegen, sich ein Auto zu mieten und mit dem Indian Summer nordwärts zu fahren. Man sollte rechtzeitig Zimmer buchen, denn viele "Leaf Peepers" (Laubgucker) sind dann unterwegs.

Sollte es mal regnen, kann man einen Ausflug an die Küste machen. Nach Maine etwa, wo es angeblich die weltweit besten Hummer gibt. Oder nach Newport im Küstenstaat Rhode Island, wo sich Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts US-Stahlbarone und Ölprinzen ihre Sommerhäuser für die Segelsaison bauten. Paläste, als wollten die Rockefellers, Astors oder Vanderbilts dem europäischen Adel mal zeigen, was für ein prunkvolles Herrenhaus man sich für viel Geld anschaffen kann.

Auch wenn in Nordamerika alles gigantisch ist, beim Farbenspektakel, das sich längs durch ihren Kontinent zieht, sind die Amerikaner bescheiden. Was wir lyrisch Indian Summer nennen, heißt dort schlicht "Fall Foliage", Herbstlaub.

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Die schönsten Reiseziele für einen Indian Summer:

1. Ontario Hier in den unendlichen Wäldern Kanadas startet die Laubverfärbung und wandert nach Süden.

2. Nashua River Ein 20 km langer Rad- und Wanderweg führt am Fluss entlang durch bunte Märchenwälder.

3. Jenne Farm Der meistfotografierte Hof in Vermont. Das Farbenspiel von Herbstlaub und roten Scheunen ist ideal.

4. Fitzwilliam Das 2400-Seelen-Dorf im südlichen New Hampshire wirkt dank weiß getünchter Holzarchitektur wie eine Puppenstube.

Autor: Walter Karpf