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Adlerjagd Nomade Mongolei

Franz Alt ist mit Nomaden auf Adlerjagd in der Mongolei. - Foto: © picture alliance / Bildagentur-online/Tips Images

Auf Adlerjagd

Franz Alt über die Mongolei

Exklusiv für HÖRZU beschreibt Franz Alt seine abenteuerliche Reise ins Altai-Gebirge der Mongolei zu den Nomaden.

Hoch in die Berge im Dreiländereck zwischen Russland, China und der Mongolei reiste der Publizist und Pazifist Franz Alt, um ein seltenes Schauspiel zu erleben: die Kunst der letzten Adlerjäger. Nur etwa 300 von ihnen gibt es noch. Das Altai-Gebirge ist der einzige Ort auf der Welt, an dem das Jagen mit dem König der Lüfte noch in reinster Form existiert.

Hier Franz Alts packender Reisebericht:

Altai-Gebirge Mongolei

Das Altai-Gebirge in der Mongolei. - Foto: © picture alliance / Bildagentur-online/TIPS-Images

Zorniger Wind pfeift über den Höhenkamm. Stolz stellt uns Sailuukhaan seinen Adler vor, ein Weibchen. Ihr Name: Tasttulek – "Die Dreijährige". Ihre angriffslustigen rötlichen Augen blitzen. Sie breitet ihre riesigen Schwingen aus – mehr als zwei Meter Spannweite.

Die Königin der Lüfte kann ihr größtes Opfer, einen Wolf, auf zwei Kilometer Entfernung wahrnehmen. Dann stürzt sie mit 200 Stundenkilometern Geschwindigkeit auf ihn zu und schlägt mit voller Wucht ihre Krallen in seinen Körper. Sogar für einen Wolf das sichere Todesurteil.

"Die meisten jagen mit einem Gewehr. Aber das kann jeder", sagt der 59-jährige Sailuukhaan. "Mit einem Adler jagen, das ist eine Kunst, ein Abenteuer." Die Raubvögel fangen die Beute und halten sie fest, der Mensch tötet sie.

Tasttulek frisst im Sommer täglich ein Kilogramm Fleisch. In den Wintermonaten bekommt sie nur jeden dritten Tag Futter, so bleibt sie hungrig auf Beute. Die Jagdsaison dauert von September bis April, acht lange Wintermonate. Im vergangenen Jahr hat Tasttulek in dieser Zeit acht Wölfe, elf Füchse, drei Marder, drei Hasen und dazu unzählige Vögel erlegt.

Der Nomade Sailuukhaan ernährt seine 10-köpfige Familie von seinen über 1000 Weidetieren, mit denen er drei- bis viermal im Jahr den Ort wechselt. Seit 23 Jahren ist die traditionelle Adlerjagd sein Hobby, das zusätzlich etwas Fleisch bringt – und Geld aus dem Verkauf der Felle.

Der Jäger kennt im Umkreis von 30 Kilometern jedes Adlernest. Tasttulek hat er als Küken geholt und einen Monat lang trainiert, bevor er erstmals mit ihr auf die Jagd ging. "Die Dreijährige" ist sein dritter Adler. Im Alter von zehn Jahren wird er sie freilassen.

Adler werden bis zu 25 Jahre alt. Gejagt wird auf Pferden. Sailuukhaan: "Das Pferd muss auf den Adler abgerichtet und an ihn gewöhnt sein, weil es der natürliche Fluchtinstinkt des Tieres normalerweise nicht erlaubt, mit dem Adler zu kooperieren."

Nomaden haben ein inniges Verhältnis zu Tieren. Unser Jäger spricht viel mit seinem Adler. "Du musst sein Freund werden, er ist Mitglied der Familie. Mensch, Pferd und Adler müssen eine Einheit bilden."

Mit Raubvögeln auf die Jagd zu gehen ist für mongolische Nomaden der Inbegriff von Freiheit und Abenteuer. 5000 Jahre alte Steinzeichnungen im Hohen Altai zeugen von der langen Tradition der Adlerjagd. Früher war das Jagdglück Voraussetzung fürs Überleben, heute ist es eher Hobby, allenfalls ein Zubrot. Milch, Käse, Quark, Fleisch – alles haben die mongolischen Nomaden von ihren Tieren. Allein mit der Wolle seiner Schafe erlöst Sailuukhaan circa fünf Millionen Tögrög im Jahr, umgerechnet etwa 2300 Euro. In der Mongolei ein gutes, ausreichendes Einkommen.

Nirgendwo auf der Welt gibt es pro Kopf der Bevölkerung so viele Tiere wie hier. Etwa eine Million Nomaden halten 41 Millionen Tiere: Herden weißer Schafe, schwarze Yaks, braunbunte Pferde, rotbraune Kamele. Tiere haben für sie eine Seele und eine eigene Sprache. Jäger locken Fuchs und Vogel, Adler und Wolf mit Tönen an. Nomadisches Leben schließt Tiere und Pflanzen, Erde und Luft, aber auch Berge und Bäche wie selbstverständlich mit ein. Bei Nomaden lachen und weinen die Tiere, sie empfinden Schmerz, und sie träumen.

mongolische Jurte

Traditionelle mongolische Jurte. - Foto: © picture alliance / Bildagentur-online/TIPS-Images

Die Jurte, das Nomadenzelt, wird mit getrocknetem Tierdung geheizt. Das Licht kommt – wie bei den meisten Nomadenzelten heute – von einer modernen Solaranlage.

Umweltschutz ist in der Mongolei ein großes Thema. Die Mongolen lehnen Atomkraftwerke ab und wollen sich in 30 Jahren zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien versorgen. Kein Problem: Hier scheint die Sonne an 300 Tagen im Jahr, und an neun von zehn Tagen bläst starker Wind – schließlich sind wir im "Land der zornigen Winde".

Der Altai ist geprägt von Kontrasten. Hellblauer Himmel und dunkelblaue Flüsse, blendendes Weiß der Gletscher – aber auch Wolken, Schafherden und Jurten leuchten weiß. In den vier Sommermonaten treten noch das Grün der Bergwiesen und Weiden, rötliche Felsen, grünlich schimmernde Steine sowie Blumen in fast allen Farben hinzu. Altai kommt von "ala" (bunt) und von "dag" (Berg): bunte Berge. An einigen Junitagen kann der Himmel auch grauschwer und gewitterschwanger sein. Im Jurtenzelt erzeugt der Regen Geprassel und Geraschel wie eine tausendfüßige Herde.

Land voller Naturschätze

14 Tage fahren wir mit einem 25 Jahre alten russischen Jeep 1200 Kilometer weit auf bis zu 2400 Meter Höhe, durch steinige, staubige Steppe, auf Feldwegen, von Schlagloch zu Schlagloch.

Oft müssen wir wegen heftiger Überschwemmungen reißende Flüsse queren – eine Tour voller Lücken und Tücken. Doch wir werden belohnt: Grüne Wälder, Felder, 4000 Meter hohe Schneeberge und weite Seen, Felswände und Schluchten ziehen vorbei. Wir fahren durch das am dünnsten besiedelte Land der Welt: Es ist viereinhalb mal so groß wie Deutschland, hat jedoch nur 3,2 Millionen Einwohner. Ein Zwergstaat mit riesigem Territorium, eingezwängt zwischen China und Russland, gesegnet mit Naturschätzen: Gold- und Silberminen, seltene Erden, Öl- und Gasvorkommen, Kupfer und Kohle. Fast alles noch unerschlossen.

Wenn die Menschen im Hohen Altai von Heimat sprechen, dann sagen sie Erde, Wasser, Luft und Wind. Das immer noch praktizierte Geistheilen und der Geisterglaube der Schamanen beinhalten Lobpreisungen an Mutter Erde und Vater Himmel, an die Geschwister Tiere und Pflanzen.

Schamanisch-buddhistische Nomaden haben weniger Angst vor dem Tod als wir christlichen Abendländer. Wenn über 60-Jährige sterben, dann sprechen sie nicht vom Tod, sondern vom Hinübergehen, ja sogar vom Hinüberleben. Beim Beerdigen eines Menschen wird gebetet: "Mutter Erde, hier kommt ein Kind zurück, nimm es jetzt wieder zu dir." Der Körper geht zur Erde, der Geist zum Himmel zurück, und die Seele wohnt im Zwischenreich. Nomaden glauben, dass sie unendlich viel Zeit haben. Wir Europäer haben nie genug.

Der westliche Ich-Kult fällt allen gebildeten Nomaden unangenehm auf. Die 13 Mongolenvölker sprechen viel mehr vom Wir. Sie leben friedlich miteinander: Buddhisten, Moslems, Christen. Vielleicht gelingt es eines Tages, Abendländisches und Nomadisches zu integrieren, moderne Hochreligion und traditionelles Schamanentum zu versöhnen. Und vielleicht lernen wir doch noch, dass der ganze Planet unsere Heimat ist und alle Menschen Geschwister sind.

Europa und Asien sind ohnehin ein Kontinent. Wir alle sind Eurasier. Nomadenland und Abendland, so meditiere ich beim langen Rückflug von Ulaanbataar nach Berlin, könnten viel voneinander lernen.

Das Beachten der Naturgesetze ist im Zeichen der ökologischen Krise allen Kulturen heiligste Pflicht. Und für alle gilt diese Erkenntnis: Gott hat uns die Zeit gegeben, von Eile hat er nichts gesagt. Und ein mongolisches Sprichwort sagt: "In der Eile sind Fehler."

Autor: Franz Alt