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In Malaga gibt es seit 2003 ein Picasso Museum. - © Foto picture alliance / Arco

In Malaga gibt es seit 2003 ein Picasso Museum. - © Foto picture alliance / Arco Images

Andalusien

Doris Dörrie über Andalusien

Für ihre Kinokomödie "Alles Inklusive" war Doris Dörrie im Süden Spaniens. Für HÖRZU schreibt sie über ihre Lieblingsorte.

Wenn ich jetzt aufstehe, gehe ich dann in die Straße des Lebens oder in die Straße des Todes? In die Calle Vida oder die Calle de la Muerte? Doris Dörrie sitzt an einem sengend heißen Nachmittag auf einer Bank an der Plaza Doña Elvira in Sevillas berühmtem Viertel Santa Cruz – und kann sich nicht entscheiden.

"Es waren ungefähr 55 Grad", erinnert sie sich an den einprägsamen Augenblick. Sie war zum ersten Mal in Andalusiens Hauptstadt, in der selbst die Straßen bedeutungsschwere Namen tragen. "Die zwei Gässchen gingen von der Plaza ab, ich konnte mich aber einfach nicht überwinden, den Platz zu überqueren. Am Ende bin ich sitzen geblieben. Es war zu heiß."

Leben und Tod, extreme Helligkeit und dunkle Tiefgründigkeit – diese Pole des andalusischen Lebens entdeckte Doris Dörrie schon beim Dreh zu ihrem Kinofilm "Bin ich schön?" (1998). Auch die Arbeit an ihrer neuen Komödie "Alles inklusive“ stand unter dem Zeichen der herben Kontraste.
Für HÖRZU schreibt die 58-jährige Regisseurin und Schriftstellerin, die unter anderem den Grimme-Preis und den Deutschen Filmpreis erhielt, über ihre Lieblingsorte im Süden Spaniens.


Doris Dörrie
Der neue Film von Doris Dörrie (2.v.r.) "Alles Inklusive" spielt in Andalusien. - Foto © picture alliance / Eventpress Ha

Wie eine alte, ewige Liebe

Andalusien kenne ich schon sehr lange. Mit der Zeit kam es zu einer engen Bindung zwischen uns beiden. Erst lernte ich die Sprache – die Andalusier sprechen das Spanische ja etwas weicher, weil sie am Ende des Wortes so viel verschlucken. Dann kamen viele Freundschaften hinzu. Wenn man seinen Andalusienurlaub in Málaga beginnt, gibt es viele Möglichkeiten: nach Norden hoch in die Sierra Nevada oder nach Süden zu den All-inclusive- Meilen, wo man schon eine Stunde nach der Landung im Meer schwimmen kann!

Málaga hat außerdem eine wunderbare kleine Innenstadt und ein sehr interessantes Picasso-Museum. Es präsentiert nicht unbedingt seine bekannten Werke, sondern das, was dieses 2Künstlermonster2 so nebenbei machte – und was dennoch fantastisch geworden ist. Ich schaue immer genau hin, wenn ein Genie etwas mit leichter Hand hinwirft.

Der Badeort Nerja östlich von Málaga ist irrsinnig schön. Dort haben wir für 2Alles inklusive" die Hippiezeit von Hannelore Elsner und ihrer Filmtochter Nadja Uhl gedreht. Im Buch spielt sie eigentlich in Torremolinos, das westlich von Málaga liegt. Dorthin pilgerten nach der Veröffentlichung von James A. Micheners Roman „Die Kinder von Torremolinos“ viele Hippies, es wurde richtig voll dort. Ich bin tatsächlich ein Fan von Torremolinos. Im Film kommt es mit seinen Bettenburgen nicht so gut weg. Aber ich habe nichts gegen all-inclusive! Wenn man am Urlaubsort die Kellner kennt und die Einwohner, die Strandbars betreiben, hat das etwas sehr Familiäres. Dass dort Bausünden begangen wurden, ist klar.

Die Costa del Sol wurde uns Deutschen und den Engländern als das Paradies verkauft. Wir haben alles mitgemacht – und auch Schuld am jetzigen Zustand. Wir wollten in die Sonne – und wir wollten die Bunker. Mein Tipp: Die allerbeste Fischkneipe am Strand von Torremolinos heißt „Amillo“. Wer Lust auf das Hinterland hat, sollte von Alméria bis nach Córdoba und Granada fahren. Vorsicht, dort kann es auch im April noch kalt sein und plötzlich Schneefall geben!

In der Alhambra von Granada muss man natürlich einen Tag verbringen. Zur Mandelblüte ist es dort traumhaft.


Granada
Granada - Foto © picture alliance / J.W.Alker

Dann geht die Party richtig los

Für „Bin ich schön?“ haben wir in Sevilla zweimal während der Semana Santa gedreht, der Karwoche mit ihren zahlreichen Prozessionen. Die sind mir sehr ans Herz gewachsen: Ich weiß inzwischen sogar, aus welcher Kirche welche Jungfrau Maria herausgetragen wird. Am Sonntag nach Karfreitag beginnt dann die Feria: Maria ist noch nicht wieder zurück in der Kathedrale, da geht die Party schon richtig los.

Für Andalusien muss man sich Zeit nehmen. Hier darf man die Dinge nicht einfach abhaken. Man sollte etwa einen ganzen Tag lang nur durch Sevilla schlendern, sich am späten Nachmittag auf eine Bank im Park setzen, wenn die Alten kommen und die Kinder. Oder man setzt sich ins Café – wie alle Andalusier. Das ist wie ein Freiluftkino! Ich mache das gern an der Promenade Alameda de Hércules in Sevilla. Früher, bevor sie renoviert wurde, war das aber viel lustiger. Wegen der Witterung bleiben wir in Deutschland meist drinnen, hier findet das komplette Leben ab fünf Uhr nachmittags draußen statt.


Semana Santa
Zur Semana Santa veranstalten alte Bruderschaften Prozessionen durch Sevillas Altstadt - Foto © picture alliance / J.W.Alker

Ein paar Tapas, ein wenig rumhängen und gucken – das ist Andalusien!

Von Sevilla aus kann man sich quer durchs Land schlagen – das ist irrsinnig schön. Es gibt viele kleine Orte, wie die „weißen Dörfer“ in Richtung Huelva. Und natürlich Ronda, wo ich 1987 das Drehbuch zu „Wann, wenn nicht jetzt?“ geschrieben habe. Die Stadt thront hoch auf Felsen und ist ein Kleinod. Unter einem schweben immer die Mauersegler. Es gibt dort das „Hotel Catalonia Reina Victoria“, dessen Garten eine Rilke-Statue schmückt. Ronda hat auch eine der schönsten Stierkampfarenen in ganz Spanien. Hier schrieb Ernest Hemingway sein Buch „Tod am Nachmittag“. Ich glaube, ich war ungefähr hundertmal beim Stierkampf. Ich bin kein Fan, aber ich sehe darin das Archaische. Der Tod als ursprüngliches Ritual – das hat große Kraft. Obwohl mir bei jedem Stier das Herz blutet. Ich bin da sehr empfindlich. Aber ich versuche zu verstehen, was Stierkampf ist.


Mit einem Bein in Afrika

Meine absolute Lieblingsstadt in Andalusien ist Cádiz: dieses Flair, dieses Licht, dieses gleißende Weiß! Man ist ja schon mit einem Bein in Afrika, und diese Nähe spürt man. Auch die heiße Luft von dort. Cádiz ist vom Gefühl her die südlichste Stadt Spaniens. In Andalusien herrscht ohnehin schon ein ganz anderes Lebensgefühl als im restlichen Land. Alles geht viel langsamer, natürlich auch wegen der Hitze. Die Menschen lassen das Leben entspannter angehen, sie sehen seine Ambivalenz: dunkel und hell, Leben und Tod. Das ist andalusische Tradition. Da spielen sehr viele Zigeunerelemente hinein. Man darf sie übrigens tatsächlich „Zigeuner“ nennen, denn sie bezeichnen sich selbst so: Gitano. Auch der Flamenco ist ja beides: sehr leidenschaftlich und sehr düster, traurig, melancholisch. Eine Aufforderung: Tanze, auch wenn du traurig bist!

Im Film „Alles inklusive“ gibt es diese kleine Szene, die das alles sehr schön auf den Punkt bringt: Maria Happel spielt eine deutsche Maklerin, die in Torremolinos lebt und wunderbar in Worte fasst, was sie als Auswanderin lange Zeit nicht so gut verkraftet hat. „In Andalusien bist du nicht einfach traurig und weinst, nein. In Andalusien tust du zugleich so, als seist du sehr fröhlich.“ La muerte y la vida eben

Autor: Doris Dörrie