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Ruhrpott

Nachts beleuchtet: Landschaftspark Duisburg-Nord - Foto © www.piqs.de / aspooner, CC

"Das ist mein Revier"

Dietmar Bär über das Ruhrgebiet

Der kernige Kumpel scheint ihm auf den Leib geschrieben: Dietmar Bär (49) mimt seit 1997 Kommissar Freddy Schenk im Kölner "Tatort". Das Herz des gebürtigen Dortmunders schlägt aber ein paar Kilometer weiter nördlich – für das Ruhrgebiet. Bär, der heute mit seiner Frau in Berlin lebt, verpasst kaum ein Heimspiel des BVB. In HÖRZU schreibt er über seine Heimat, die derzeit groß im Rampenlicht steht: Unter dem Motto "RUHR.2010 ist die Region um Essen Kulturhauptstadt Europas. Wie oft musste ich mir das anhören: "Bei euch fliegen Briketts durch die Luft" oder "Ihr habt den Kohlekragen im Nacken".

Das Klischee vom rußigen Ruhrgebiet überlebte fast bis ins neue Jahrtausend. Da lag die Kokerei nicht mal mehr im Koma: Der Patient war längst tot. Schon in meiner Grundschulklasse in Dortmund-Hombruch gab’s nur ein einziges Mädchen, dessen Vater Bergmann war. Heute ist im Ruhrgebiet die Luft rein, das Wasser klar. Selbst ein Fluss wie die Emscher, deren braune Brühe ich als Kind schon riechen konnte, lange bevor ich an das Ufer kam, ist wieder sauber. Die Region hat den Kohlestaub abgeschüttelt – und glänzt nun überraschend hell. Eindrucksvolle Industriebauten stehen heute für Kultur, Bildung und Erholung, etwa der Gasometer in Oberhausen oder die Zeche Zollverein in Essen. In Letzterer lohnt eine Führung am Schacht XII, dort werden die Geräusche der Maschinen vorgespielt, etwa das Schleifen und Quietschen der Förderwagen. Dazu zeigen Projektionen, wie sich die gigantischen Apparate einst bewegten – da wird Geschichte lebendig.

Übrigens ist schon der Eingang zur Zeche ein Erlebnis. Man fährt mit der 58 Meter langen orangefarbenen Rolltreppe hoch zur Kohlewäscherei, wo früher das Kohle-Stein-Gemisch getrennt wurde. Bei gutem Wetter sieht man von dort den Dortmunder Fernsehturm, das Tetraeder von Bottrop, einen 1995 errichteten futuristischen Aussichtsturm, und die Kondenswolken der Kokerei Prosper, der letzten aktiven des Ruhrpotts. Nur vier Zechen sind heute noch in Betrieb. Das Leben tobt woanders: Es gibt jede Menge Universitäten, Theater, Opern- und Konzerthäuser, Fußballstadien – oft nur eine halbe Stunde voneinander entfernt. Ballungsraum heißt auch: geballtes Angebot.

Als Europas Kulturhauptstadt RUHR. 2010 will die Region die letzten Vorurteile abschütteln. Das macht mich stolz, obwohl ich in Berlin lebe. Mein Band zur Heimat ist meine Fußball-Dauerkarte. Wenn ich es beruflich schaffe, fahre ich zu jedem Heimspiel des BVB. Die Atmosphäre im Stadion ist für mich 90 Minuten Heimat pur: voller Leidenschaft, direkt, gemeinschaftlich. Das ist mein Revier! Ich sitze auf der Westtribüne, wo alle Schichten mitfiebern – vom Automechaniker bis zum Kinderarzt. Wenn die Fans auf der Südtribüne, der größten Stehtribüne Europas, ihre "La Ola"-Welle starten und die bei uns hängen bleibt, werden wir als faule "Sitzplatz-Kanaken" ausgesungen. Die Süd-Fans nennen sich ironisch "Ruhrpott-Kanaken". Diese Schimpfworte haben wir uns als Erkennungsmelodie einverleibt. Typisch Ruhrpott: Berührungsängste? Unbekannt.

Die Orte meiner Kindheit? Der Fernsehturm "Florian" im Dortmunder Westfalenpark, für den meine Mutter eine Jahreskarte hatte. Das ist der beste Aussichtspunkt der Stadt. Mit dem Fahrrad streifte ich gern durch den Rombergpark mit dem Wasserturm, den Kräuterbeeten und alten Bäumen. Wir bekamen gesagt: Dortmund besteht zu 49 Prozent aus Grünflächen. Deshalb gab es das Motto der "49-Prozent-Wanderungen". Meine liebste Currywurst-Bude? Ich bin zwar kein Vegetarier, esse aber nur wenig und vor allem Bio-Fleisch. Doch von der Wurst mit Schaschliksauce, die es früher bei uns in Hombruch gab, schwärmen mein Bruder und ich noch heute. Diese Imbissbude hat längst dichtgemacht. Das ist wieder so ein Klischee: Im Pott gibt es nicht mehr Imbisse als anderswo. Und bestimmt nicht mehr als in Berlin.

Als Schauspielstudent in Bochum hatte ich meine eigenen Oasen: das Ruhrtal und den Tierpark. In Letzterem war ich sogar beruflich unterwegs: Wir Schauspieler lassen uns manchmal von Tieren für eine Figur inspirieren. Ich schaute mir dort für einen "Pinguin-Menschen" die Gangart der Frackträger ab. Heute kommen ganz neue Oasen hinzu. In Dortmund kann man bald auf einem ehemaligen Stahlwerksgelände den Segelschein machen. Das Gebiet wird geflutet, der Phoenix-See entsteht. Der Name passt zum Revival des Ruhrpotts: wie Phönix aus der Asche.

Kulturhauptstadt RUHR.2010: die Höhepunkte

Essen und die Ruhr-Region sind gemeinsam Europäische Kulturhauptstadt 2010, kurz RUHR.2010. Der Wandel des Kohle- und Stahlreviers hin zu einem vielseitigen, grünen Kulturzentrum mit 53 Städten und Gemeinden ist das Leitmotiv vieler Veranstaltungen. Infos unter www.ruhr2010.de oder Hotline 01805/45 20 10.
Zeche Zollverein: Welterbestätte, Industriedenkmal und Veranstaltungszentrum. Wichtigstes Projekt zur RUHR.2010: Die Theater-Reihe Promethiade setzt den Prometheus-Mythos neu in Szene, 23. Juli bis 7. August, www.zollverein.de
Extraschicht So heißt das große Sommerfest, das als 10. "Lange Nacht der Industriekultur" mit 200 Veranstaltungen an 50 Spielorten gefeiert wird. Shuttle-Busse, 18–2 Uhr, 19. Juni.
Ruhrtriennale: Renommiertes Theater-Festival: z.B. Uraufführung der Ruhrgebietsoper "Gisela" und die Theaterfassung der "Blechtrommel" von Günter Grass. 20. August bis 10. Oktober in Bochum, Essen, Duisburg, Gladbeck und Mülheim.
Die singende Stadt: Zum Finale des Projekts !Sing-Day of Song" veranstalten Hunderte Chorsänger mittags nach dem Kirchenläuten Singschulen für jedermann in der gesamten Region. 5. Juni.
Kunst im Fluss: Das größte Kunstprojekt der RUHR.2010. findet an der renaturierten Emscher statt: ein versunkener Garten, ein Wandmosaik und 18 andere Installationen. Emscher-Insel, bis 5. September
Villa Hügel: Der frühere Sitz der Stahl-Familie Krupp in Essen ist heute Museum.
Ins Licht gesetzt: Auf dem Rhein-Herne-Kanal werden die Uferbauten von Duisburg bis Recklinghausen für die nächtliche Bootsfahrt "KanalGlühen" beleuchtet. 11. und 12.6., 20.30–ca. 1 Uhr.
Kunstpfad Ruhr Reizvoller Radweg (230 km) entlang der Ruhr von Winterberg bis Duisburg: Ruhrauen, Baldeneysee, Altstadt Hattingen und Gasometer Oberhausen.

Autor: Dietmar Bär