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Brockenbahn

Idyllisch: Die Brockenbahn im verschneiten Harz. - Foto © picture alliance / dpa

Plus: Die besten Ausflugstipps

Deutschland - ein Wintermärchen

Über Nacht ist die Welt weiß überpudert, der Lärm klingt gedämpft, und die Dunkelheit, die sich so schwer über die Tage legte, ist vergessen. Kulissenwechsel! Ein neues Stück wird gegeben. Die Akteure sind pummelig und rund in ihren wattierten Jacken, die Bäume karg wie Scherenschnitte. Die Luft scheint dünn und klar. Und die Geräusche? Der Winter spielt sein eigenes Lied: An der Holzwand tropft Schmelzwasser, schwere Stiefel knirschen im Schnee, ein Skilift sirrt, die schmalen Bretter der Langläufer schleifen durch die Loipe. Eine Welt wie ein Negativfoto. Ein langsames Universum, in dem einiges hell aufscheint und anderes nur noch als Struktur und Linie erkennbar ist.

Der Winter scheint alles zu verstärken: Er ist eine Welt für die Schnellen, die sich die Hänge hinabstürzen und die Augen zusammenkneifen, um ihr Ziel tief unten im Tal zu fixieren. Und es ist eine Zeit für die Langsamen, die sich Schneekrallen unter die Wanderschuhe schnallen und gemächlich losziehen, in den Wald hinein, durch dunklen Tann und über freie Lichtungen. Er ist ein intensives Phänomen, ein Spiel zwischen zwei Polen, zwischen Aktivität im Freien und Rückzug an den warmen Kamin. Auf der einen Seite werden Kulissen abgehängt, auf der anderen neue Spielflächen eröffnet.

Deutschland, einig Winterwunderland

Der See verwandelt sich zur spiegelnden Fläche, auf der Kinder lachend umhersausen und Könner ihre Pirouetten drehen. Der Fluss türmt Eisschollen an den Ufern auf, an den Fenstern glitzern Kristalle. Von Nord nach Süd breitet der Winter seinen Zauber aus. Wer je auf der Insel Sylt über den Strand stapfte, wird sie nie vergessen, die weiß verschneiten Dünen, die einer Mondlandschaft ähneln, und den Leuchtturm unter einer Mütze aus Schnee. Wer je im Allgäu von Bad Hindelang aus bergan spazierte, wird ihn ein Leben lang mit sich tragen, den Blick, der über die geduckten Schindeldächer bis hoch hinauf zur Alm reicht.

Wenn der Winter Regie führt, sind die lärmenden Hauptdarsteller einige Wochen lang abgemeldet. Autos bleiben in den Garagen. Oder warten mit Pappdeckeln unterm Scheibenwischer in der Parkbucht, bis die Sonne die gefrorenen Scheiben wieder auftaut. Bühne frei für Deutschland, einig Winterwunderland, von Rügen bis zum Staffelsee. Im Harz könnte die Reise beginnen.

Das Bodetal

Schon Theodor Fontane beschrieb den Reiz des Bodetals. Heute locken zwischen Thale und Schierke viele Wanderwege, in den Fenstern der Wirtshäuser schaukeln Holzhexen auf winzigen Besen, und selbst im Winter fährt verlässlich die Schmalspurbahn auf den Brocken hinauf. Die ruhigen Orte im Ostharz haben die trubeligen im Westharz an Beliebtheit fast überholt. Ein Trumpf der Winterzeit: Die Sicht ist frei. Wo im Sommer üppiges Blattwerk die Wege einrahmte, öffnen sich jetzt Ausblicke zwischen den Bäumen.

Auch Thüringen, das grüne Herz Deutschlands, profitiert davon. Wer jetzt auf dem Rennsteig wandert, dem berühmten Höhenweg, den früher die Kuriere nahmen, hat oft freien Blick auf die Wartburg. Der Weg ist gut geeignet für alle, die die Ebene schätzen, denn er hat nur leichte Anstiege. Ein bizarres Schauspiel bietet auch das Hinterland der Elbe bei Bad Schandau. Die Felsen des Elbsandsteingebirges tragen Kappen aus Schnee, Caspar David Friedrich, Maler der Romantik, ließ sich hier zu dramatischen Bildern inspirieren.

Großer Sprung nach Bayern, ins südlichste Bundesland mit seiner mächtigen Alpenkulisse. Die vielen kleinen Seen sind im Nu zugefroren, hier eröffnen sich Spielflächen für Groß und Klein. Die Biergärten haben längst reagiert: Im Winter werden dicke Wolldecken ausgegeben, der Glühwein dampft in alten Kupferkesseln, auf dem Grill brutzeln Würstchen. Im "Seerestaurant Alpenblick" am Staffelsee zum Beispiel ist die Stimmung jetzt fast noch uriger als in den Sommermonaten. Wer eine verwunschene Märchenwelt sucht, ist im Fichtelgebirge genau richtig.

Kutschfahrt rund um die Wagner-Stadt Bayreuth

Das Gebiet rund um die Wagner-Stadt Bayreuth hat sich für die weiße Jahreszeit gut gerüstet. 300 Kilometer gespurte Loipen, darunter auch beleuchtete Nachtloipen, warten auf Besucher, die sich die Winterlandschaft gleitend erobern wollen. Der Trend zum Wandern nimmt ohnehin zu. Wem die Schussfahrt hinunter ins Tal zu gefährlich ist, setzt auch im Winter lieber Fuß vor Fuß. Und der steckt am besten in einem breiten Schuh, der in Schneewehen nicht versinkt. Was von den Waldläufern in Kanada erfunden wurde, ist jetzt auch in Deutschland angekommen: Schneeschuh-Wandern wird überall da angeboten, wo die Wege eben sind und die Blicke weit. Wie das funktioniert? Ganz einfach: Der Wanderer schnallt sich Plastik-Paddel unter den Wanderschuh. Weil die Fläche der Sohle dadurch fünf- bis zehnmal größer wird, sinkt der Fuß auch im Tiefschnee nicht ein.

Die Gastronomie ist längst darauf eingestellt, dass die Wanderer auf ihren breiten "Spezialsohlen" mit großen Schritten nun auch Ziele erreichen, die im Winter bislang nicht zugänglich waren: Viele Berghütten haben neuerdings das ganze Jahr über geöffnet. Wem selbst das Wandern mit Schneeschuhen zu anstrengend ist, der lässt sich warm verpackt mit Pferdekutschen durchs Wunderland fahren. Jetzt bietet sich die einmalige Chance, den Reiz der Langsamkeit neu zu entdecken. Die Hänge, auf denen die Kinder mit Schlitten hinunterrutschen, müssen gar nicht so hoch sein. Die Wege gar nicht so weit. Der Winter ist die Jahreszeit, um innezuhalten. So wie die Tiere, die sich zusammenrollen und schlafen, um nur keine Kraft zu vergeuden.

Die Zeit läuft langsamer, manchmal scheint sie fast stehen zu bleiben. Nichts schöner, als jetzt auf einer Bank zu sitzen, die Hände in die Ärmel gesteckt, und einfach nur zu schauen: Wie lange braucht es, bis das Schneebrett vom Hüttendach rutscht? Wie lange, bis die Sonne sich im Eiszapfen spiegelt? Was gibt es zu hören? Den Wind in den Bäumen, das Gluckern des Flusses unterm Eis. Gut möglich, dass ein Eichhörnchen nach einer versteckten Vorratskammer buddelt. Oder das Wintergoldhähnchen auf einer Tannenspitze piepst. So leise ist der Winzling, dass schon das Rascheln des Butterbrotpapiers ihn übertönen würde.

Wer ein Fernglas dabeihat, sieht vielleicht eine Gämse an der Felswand kraxeln. Oder auf dem Bergkamm ein Steinadlerpaar, eines von 50 in Deutschland. Oder in der Ferne einen Steinbock, auf der Suche nach Salz. In den Nationalparks sind Winterbesucher herzlich willkommen, für sie werden spezielle geführte Touren angeboten, zum Beispiel im Bayerischen Wald oder in Berchtesgaden.

Wenn nach der Wintersonnenwende die Tage langsam länger werden, der Schnee noch weißer gleißt, der Himmel blau ist und die Hauswände anfangen, Wärme zurückzustrahlen, dann beginnt auf der winterlichen Bühne das Finale. Schnell noch einmal die klare Luft einatmen und genießen, bevor es heißt: Winter ade!

Autor: Angela Meyer-Barg