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Blick über die Stadt Görlitz in Sachsen

Blick über die Stadt Görlitz in Sachsen / Foto: © picture alliance / DUMONT Bildarchiv

Ein Rentnerparadies in Sachsen

Görlitz: die neue Heimat vieler Senioren

Sie kommen aus Freiburg im Breisgau, aus dem Bergischen Land, aus Ingelheim am Rhein. Und manche ziehen sogar aus Spanien hierher. Alle wollen ihren Lebensabend in Görlitz verbringen - und nicht nur ihren Urlaub. Bis zu 250 Menschen verlegen jährlich ihren Wohnsitz in die östlichste Stadt Deutschlands, die meisten sind Rentner.

Für Rainer Michel (68) und seine Frau Anja (65) kam die Entscheidung mit seinem Vorruhestand im Jahr 2007. "Das Haus war bezahlt, die Kinder ausgezogen. Ein Leben, in dem die größte Herausforderung die Anschaffung eines neuen Autos ist? Dafür waren wir viel zu abenteuerlustig", erzählt das Ehepaar und strahlt vor Lebensfreude.

Bereits 1998 hatte der Theologe an einer Schule in Görlitz unterrichtet und war damals von der Stadt mit den vielen historischen Gebäuden sofort angetan gewesen. Ab 2002 reifte dann die Idee, an der Neiße noch einmal ganz von vorn anzufangen. Als sich schließlich die Möglichkeit ergab, ein 500 Jahre altes Tuchmacherhaus zu erwerben, machten die Michels Nägel mit Köpfen. "Den Umzug organisierten wir selbst, fünf- mal fuhren wir mit einem 7,5-Tonner von Nordrhein-Westfalen nach Sachsen. Und erlebten hier eine unvergleichliche Hilfsbereitschaft. Selbst wenn wir erst nachts um zwei mit dem Lkw in Görlitz ankamen, halfen die Nachbarn beim Tragen", so der ehemalige Landeskirchenrat.


Görlitz: die grüne Grenzstadt

Direkt an der Grenze zu Polen liegt Görlitz gut 100 Kilometer östlich von Dresden. Das Stadtbild prägen rund 4000 Baudenkmäler aus verschiedensten Epochen. Mit Mietpreisen von etwa 4,50 Euro pro Quadratmeter ist das Leben hier sehr günstig. Die rund 55.000 Einwohner genießen ein breit gefächertes kulturelles Angebot, aber auch ausgedehnte Park- und Grünanlagen.

Informationen im Internet unter: www.europastadt-goerlitz.de sowie unter www.senioren-aktiv-goerlitz.de


Diesen Geist spürt man auch als Besucher in Görlitz. Wer ratlos vor seinem Stadtplan steht, wird gefragt: "Brauchen Sie Hilfe?" Bei der Stadtverwaltung gibt es eine Mitarbeiterin, die sich um die Anfragen potenzieller Neu-Görlitzer kümmert und Infopakete verschickt: Stadtpläne und Infobroschüren, Immobilienangebote, Ansprechpartner bei Sportvereinen oder die passenden Ärzte für altersbedingte Probleme.

Bei den Michels kann von Ruhestand kaum die Rede sein. Er engagiert sich in der Gemeinde, organisiert Lesungen oder Demonstrationen, etwa für die Rettung des historischen Kaufhauses – was bislang allerdings vergebens war. Anja Michel unterrichtet ehrenamtlich kranke Kinder im Klinikum der Stadt. Das Einzige, was sie vermisst, sind ihre beste Freundin und die Enkel.

Sind die Michels vielleicht nur besonders agile Ausnahme-Senioren? Auf keinen Fall! Lutz Thielemann (43), Geschäftsführer der Europastadt Görlitz/Zgorzelec GmbH: "Es sind spannende Menschen, die neu in die Stadt ziehen. Darunter Künstler und Kreative, die merken, dass sie hier mehr bewegen können als in München oder Hamburg. Natürlich sind viele Senioren dabei, aber direkt um diese Zielgruppe geworben haben wir nicht." Inzwischen sei es aber so, dass die hohe Anzahl an Menschen im Alter 60 plus auch die Wirtschaft beeinflusse. "Es gibt in Görlitz mehr Pflegedienste, mehr Ärzte, mehr Apotheken als andernorts. Zum Vergleich: In Berlin kommt auf 4143 Einwohner eine Apotheke, in Görlitz auf 3437 Menschen."

Auch für Jürgen Fromberg (73) waren das wichtige Aspekte. Nach dem Eintritt ins Rentenalter hatte sich der Diplomingenieur für Elektrotechnik zunächst einen Jugendtraum erfüllt und als Busfahrer Touristen durch ganz Europa kutschiert. Nach einer Million Kilometer kündigte er und plante systematisch den Neuanfang: "Ich machte mir eine Checkliste. Darauf standen Punkte wie kulturelles Angebot, medizinische Versorgung und die Möglichkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Als ich alles abgearbeitet hatte, blieb nur Görlitz übrig. Und das, obwohl auch Italien, Spanien und die Türkei zur Wahl gestanden hatten."

Seit zwei Jahren lebt Fromberg in seiner sanierten Altbauwohnung. Für 110 Quadratmeter zahlt er 700 Euro Miete, inklusive Nebenkosten. "Eine schöne Art, die Rente zu erhöhen", freut er sich. "In Ingelheim habe ich für eine ähnliche Wohnung 300 Euro mehr gezahlt."

Günstige Mieten, das städtische Theater, diverse Ausstellungen, eine lebendige Musikszene sowie eine große Offenheit gegenüber Senioren, die sogar im Supermarkt um die Ecke zu spüren ist, wo es Lupen gibt, damit die Preise besser lesbar sind.

Auch für Brigitte (75) und Manfred Otterpohl (76) waren das alles gute Gründe, von Freiburg im Breisgau nach Görlitz zu ziehen. Seit fünfeinhalb Jahren lebt das Paar an der Neiße und hat diese Entscheidung nie bereut. "Wir kommen überall zu Fuß hin, die Menschen sind freundlich, offen, ehrlich, hilfsbereit und unglaublich geduldig", schwärmt Manfred Otterpohl. "Und Sie dürfen nicht die wunderschöne Landschaft im Umland vergessen!"

Scheint fast so, als wären die Senioren in Görlitz tatsächlich viel agiler als andernorts. Und wenn sie doch einmal verschnaufen möchten, dann ist die nächste Bank garantiert nicht weit.

Autor: Nicole Stroschein