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Talinn

Die Zwiebeltürme der Alexander-Newski-Kirche zeugen von der Zarenzeit in Tallinn; Bild: © picture alliance / Arco Images GmbH

Perle der Ostsee

Edgar Selge über Tallinn

Eine Suche nach den eigenen Wurzeln sollte es werden. Eine Expedition in die bewegte Historie einer alten Hansestadt. Was Schauspieler Edgar Selge bei Dreharbeiten zu seinem neuen Kinofilm "Poll" in Estland erlebte, war viel aufregender. Hier beschreibt der Theaterstar, der über zehn Jahre den "Polizeiruf 110"-Ermittler Jürgen Tauber spielte, was ihn an der estnischen Hauptstadt Tallinn fasziniert:

Eine Rolle vorzubereiten ist manchmal wie Reisen in vergangene Zeiten. Vor allem wenn man sich eine Figur aneignen soll, die lange vor einem lebte – so wie ich für das historische Drama "Poll", das vor der Kulisse des estnischen Aufstands gegen das russische Zarenreich spielt. Dieses Mal trat ich auch eine Reise in die eigene Geschichte an.

Unendliche Strände

Meine Eltern hatten vor dem Zweiten Weltkrieg lange in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, gelebt, das damals zu Ostpreußen gehörte. Sie erzählten oft von der Schönheit der Natur, den unendlichen Ostseelandschaften. Ich habe die Region noch nie besucht, aber in Tallinn, das einige Hundert Kilometer nördlich liegt, konnte ich ahnen, was sie meinten. Dort tauchte ich ein in eine längst versunkene Welt, war fasziniert von der Weite dieses Landes.

Kurz nach meiner Ankunft in Estland fuhr ich mit dem Wagen zum Drehort von "Poll" an die Ostseeküste nahe der Hafenstadt Pernau. Ich kam vorbei an Wäldern, hin und wieder tauchte ein einsames Wohnhaus auf. Menschen sah ich kaum. Über allem: unglaubliche Stille. Was für ein Kontrast zu unserem Leben, zu unseren Städten, den Menschenmassen in den Straßen, dem Verkehrslärm. Ein unvergessliches Erlebnis.

Pernau - Sandstrand, Heilschlamm und Moorbäder

Pernau gilt als die inoffizielle Sommerhauptstadt Estlands. Das kleine Städtchen hat einen drei Kilometer langen Sandstrand und ist dank seines sehr heilsamen Ostseeschlamms und seiner Moorbäder ein beliebter Kur- und Badeort. In den nahen Buchten kann man herrliche Strandspaziergänge machen. Oft habe ich die Ruhe des Morgens genutzt, um dorthin zu kommen und weit hinauszuschwimmen.

Nur wenige Schritte vom Strand entfernt liegt ein Hotel, die "Villa Ammende". Das romantische Haus im Jugendstil wurde 1905 erbaut und ist umgeben von einer riesigen Parkanlage. Es beherbergt ein exklusives Restaurant, das mediterrane Küche anbietet. Ich kann es sehr empfehlen. Auch das Ambiente der Villa ist wunderbar: Das Haus wurde komplett mit Antiquitäten ausgestattet – ein wirklich besonderer Ort.

Ausflug ins Mittelalter

Wer als Tourist nach Tallinn kommt, besucht natürlich als Erstes den historischen Kern. Eine Besichtigung der Altstadt gleicht einem Ausflug ins Mittelalter. Verwinkelte Gassen, Kopfsteinpflaster, gusseiserne Straßenlaternen, Giebelhäuser, Museen, zahlreiche großartige Kirchen – und das alles umgeben von einer Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert. Überall findet man Spuren aus der Blütezeit Tallinns.

Im Mittelalter fielen deutsche Ordensritter in die Stadt ein, um die heidnischen Esten zu missionieren. Mit ihnen kamen deutsche Kaufleute nach "Reval", wie sie Tallinn nannten, und begründeten dessen Aufstieg zur florierenden Hansestadt. Relikte fremder Herrscher findet man allerorts. So zeugen die Zwiebeltürme der Alexander-Newski-Kirche von der Zarenzeit, an die sich die Esten nicht gern erinnern. Der Schmerz über die Unterdrückung von Kultur und Sprache sitzt tief. Umso mehr zeigen sie sich heute als Freiheitskämpfer, sind stolz auf ihre Unabhängigkeit und zelebrieren ihre Traditionen, etwa ihre großen Sängerfeste.

Bodenständige Küche und urige Märkte

Ansonsten sind die Esten eher schweigsam. Aber sehr freundlich, wenn man sie etwas fragt. Sie essen gern deftig, sind weniger Feinschmecker als Verfechter von Großmutters bodenständiger Küche. Auf den kleinen, urigen Märkten Tallinns verkaufen die Bauern herrlich frisches Gemüse, Himbeeren und alles, was sie aus der Milch ihrer Kühe herstellen. Die Waren liegen lose auf Zeitungspapier. Man deutet einfach mit dem Finger auf alles, was man möchte. Und wenn man will, verzehrt man es gleich vor Ort.

Die bedeutendsten Sakralbauten sind die Nikolaikirche und die Olaikirche, deren Turm von knapp 160 Metern bis ins 17. Jahrhundert als höchstes Gebäude der Welt galt. Vom Domberg aus hat man eine tolle Aussicht über die Altstadt und den modernen Hafen. Auch wenn der Kern einem Freilichtmuseum gleicht – Tallinn hat sich zum jungen, zukunftsweisenden Zentrum Estlands entwickelt. Mit mehr als 400.000 Einwohnern ist es die bevölkerungsreichste Stadt des baltischen Staates. Auch das Nachtleben ist äußerst rege, Szeneviertel und Kneipen sind stets gut besucht. Rund um die Stadt haben sich internationale Firmen angesiedelt. Selbst auf dem Land gibt es kostenlose Internetzugänge.

Wer die Stadt für einen Tagesausflug verlassen will, sollte den circa 70 Kilometer östlich gelegenen Nationalpark Lahemaa besuchen, ein Stück unberührte Natur. Bedrohte Arten wie Fischadler, Moorschneehühner und Schwarzstörche haben dort Zuflucht gefunden. Man kann sogar Bären und Elche sehen – mit etwas Glück.

Von Fortuna verwöhnt fühlen sich die Esten im Jahr 2011: Im Januar wurde der Euro eingeführt. Zudem ist Tallinn gemeinsam mit der finnischen Stadt Turku europäische Kulturhauptstadt. Ein Höhepunkt werden die "Meerestage" sein mit historischer Schiffsshow und Segelregatta (15. bis 17. Juli).

Ich will unbedingt wiederkommen. Nicht im Winter, wenn es nur wenige Stunden hell ist, denn das schlägt aufs Gemüt. Ich glaube, Menschen, die nicht mit sich im Reinen sind, kommen hier ins Grübeln. Wir sind es gewohnt, von vielem abgelenkt zu werden. Hier lässt einen die Natur allein mit sich selbst. Eine einmalige Chance.

Reiseinfo Tallinn


Anreise

Flüge mit Lufthansa (etwa ab München direkt, ab 99 Euro) oder mit Estonian Airlines, Czech Airlines, Easyjet.
Fähre: "Tallink Silja" von Rostock nach Helsinki (Kabinenpreis ab 364 Euro), weiter nach Tallinn (ab 32 Euro/Person).


Klima

Im Winter frostig bis zu minus zehn Grad. Beste Reisezeit: die Sommermonate mit bis zu 21 Grad.


Unterkunft

Im Zentrum gibt es günstige Hostels, in denen man für 10 bis 20 Euro übernachten kann. Auch wer es luxuriöser mag, kommt auf seine Kosten, zum Beispiel im "Ulemiste Hotel". Weitere Angebote: www.estlandia.de


Geheimtipp

Auf dem Markt hinter dem Bahnhof kann man günstig schlemmen und interessante Dinge entdecken.

Autor: Edgar Selge