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Ballonfahrten

Ballonfahrten können nur bei schönem Wetter stattfinden. - Foto: © picture alliance/Denkou Images

Dem Himmel so nah

Eine Ballonfahrt

Genau genommen ist es ein Wunder. Ein Wunder, dass ein Ballon aus leichtem Stoff einen Korb mit mehreren Menschen trägt. Dass er steigt und, vom Wind getrieben, fliegt. Dass er irgendwann sinkt und sanft landet. Möglichst sanft jedenfalls – aber davon später.

Das Wunder beginnt auf einem abgemähten Feld in Seeg bei Füssen. Zwölf Fahrer sind wir. Ehepaare, Freundinnen, einige Solisten wie die Sekretärin Elke oder Lackierermeister Michael, der beruflichen Stress abwerfen will.

Ballonstart

Es ist früh am Abend, auf den Wiesen drängeln sich Butterblumen, Wiesenschaumkraut und Klee. Unser Ballonführer Heinrich Lenzenhuber (61) steht still, prüft den Luftzug. Zu viel Wind ist unerwünscht beim Ballonfahren. Deshalb steigen die Körbe nur sehr früh auf oder am Abend, wenn die Luft still ist und die Thermik vorbei.

19 Uhr – gerade sieht es günstig aus. Der Korb wird aus dem Transportfahrzeug geladen, der Stoff aus Polyester vorsichtig entrollt. 28 Strippen aus Drahtseil werden den Korb später halten, 3,1 Tonnen maximales Abhebegewicht könnte er tragen.

Freiwillige vor, um die beiden großen Ventilatoren auszurichten: Langsam bläht sich die Hülle unter dem Luftstrom. Lenzenhuber geht mitten hinein in die riesige Haut, prüft noch mal die Nähte. Sieht gut aus: Einsteigen, bitte!

Wir stellen die Füße in die Löcher der Korbwand, suchen einen Platz in einer der vier abgeteilten Innenkabinen. Der Kapitän sitzt erhöht, bedient die Zufuhr mit Gas-Luft-Gemisch. Wenn er das Ventil öffnet, faucht ein Feuerstoß Richtung Ballon.

Fast zu schnell geht jetzt alles, keine Zeit mehr für Bedenken, der Korb hebt sich, das dicke Tau, das uns mit dem Transportfahrzeug verbindet, wird abgekoppelt. Jetzt gibt es kein Zittern und Zagen mehr, für ein Zurück ist es ohnehin zu spät.

Die Fahrt im Heißluftballon

19.20 Uhr: Wir heben ab! Kichern und Staunen Die Stimmung im Korb schwankt zwischen aufgeregtem Kichern und verhaltener Spannung. Langsam steigen wir auf, über uns ein geblähtes blutrotes Segel, unter uns zusammenschnurrende Felder.

Still wird es hier oben, abendstill. Das einzige Geräusch sind die Feuerstöße, die unser Kapitän ab und an in die Hülle schießt. Die Luft fühlt sich klar an und seidenweich, die fernen Berge liegen da wie eine Kette aus weißen Edelsteinen. Wir fliegen! Oder genauer: Wir stehen in der Luft!

Unter unseren Füßen wenige Zentimeter Korb, über uns Stoff, mehr nicht. Getrieben vom Luftstrom, gesichert nur durch die Kunst unseres Navigators und die physikalische Erkenntnis, dass warme Luft nach oben steigt.

Die Welt entfernt sich, Wiesen, Weiden, Häuser schrumpfen auf Fleckenformat. Am Horizont das Prunkschloss Neuschwanstein von Ludwig, dem Märchenkönig. In der anderen Richtung der Murnauer Staffelsee, weiter weg noch Weilheim, der Ammersee.

Lenzenhuber schickt Feuerstöße in die rot leuchtende Hülle, wir steigen weiter, auf 2400 Meter. Weitere Feuerstöße, jetzt sind es 3000 Meter Höhe. Luftgänger sind wir, Schwebeteilchen im Nirgendwo. Nur der Wind ist unser Steuer, nur die Erfahrung des Ballonführers unser Radar.

Ein Hochgefühl macht sich breit: Irgendwo zwischen andächtigem Staunen und Lust am Abenteuer. Nur nicht darüber nachdenken, wie fragil wir so hoch am Himmel hängen. Was, wenn jetzt ein Greifvogel kommt und sich im dünnen Stoff verfängt? "Noch nie passiert, Vögel haben Angst", beruhigt Lenzenhuber.

Was, wenn eine Bö in den Ballon fährt und uns in die Alpen treibt? "Deshalb steigen wir nur auf, wenn die Wetterlage ruhig ist." Bis zu 4000 Meter hoch dürfe er steigen, erläutert unser Kapitän, für höhere Gefilde brauche er eine Ausnahmegenehmigung.

Beim Flug über die Alpen, nur im Winter möglich, wird eine Genehmigung zum Eindringen in den "Luftraum C" (wie Charlie) eingeholt. Allein die Vorstellung lässt meine Zehen verkrampfen. Die Füße sind der neuralgische Punkt bei einer Ballonfahrt – die stehen in der Luft und beginnen zu frieren.

Langsam ziehen wir unsere Bahn, in der Ferne winken die Zillertaler Alpen, der Großglockner, der Wilde Kaiser. 60 bis 90 Minuten soll die Ballonfahrt dauern, ich schaue heimlich auf die Uhr. Eine falsche Wolke schummelt sich ins Bild – es sind Verdunstungen vom Atomkraftwerk Isar/Ohu bei Landshut.

Ein Blick in die Gesichter ringsum: Schon jetzt wird deutlich, wer angefixt ist vom Wolkenflug und wer nicht. Ein stilles Leuchten auf der einen, ein ängstlich verzogener Mund auf der anderen Seite. Wir schweben. Kein Vogelschrei, kein Motorengeräusch, kein Turbinengedröhn, nur ab und an das Feuerfauchen – sonst nichts. Jeder hier macht seine eigene Erfahrung, wie es sich anfühlt, der Welt entrückt zu sein.

Die Landung

Lenzenhuber greift zum Funkgerät: "Wir gehen jetzt langsam runter." Wer beim Ballonfahren den Kick des Abenteuers sucht, darf sich getrost auf die Landung freuen. Unter uns stiebt eine Pferdeherde auseinander, der Schatten des Ballons tanzt über die Felder, Fahrtwind verwirbelt Halme zu zitternden Wellen.

In der Kabine macht sich nervöse Spannung breit. "Wenn es so weit ist, gegen die Fahrtrichtung hinhocken und an den Haltegriffen festhalten", verkündet unser Kapitän. Aber erst mal gilt es, ein freies Feld auszumachen. Freie Felder, scheint mir, sind rund um Füssen plötzlich Mangelware. Ein Tannenwäldchen versperrt den Sinkflug, rückt näher, erschreckend nah sogar!

Feuerstöße fauchen, aber der Korb hängt schon zu tief. Holz splittert, ein intensiver Geruch von Harz macht sich breit. Im Blick zurück offenbart sich der Flurschaden: glatt abrasiert, die Spitze der Tanne. Der Wucht von einigen Tonnen bewegter Masse, lerne ich, hält kein Baumwipfel stand.

Weiter geht der Sinkflug, dann – endlich! – ist ein gemähtes Feld in Sicht. "In die Hocke und festhalten!", ruft Lenzenhuber, und schon kauern zwölf erwachsene Menschen wie Hasen in der Grube und lugen durch das Korbgeflecht auf die heranstürzende Wiese.

"Achtung, Landung!" Der Korb setzt auf, schleift holpernd über Grund, beginnt plötzlich, wie in Zeitlupe, zu kippen – und kommt endlich zum Halt. Die unten Liegenden kriechen zuerst aus ihren Kabinen, die in den oberen Abteilungen folgen.

Erst mal durchatmen: "War das jetzt eine Bruchlandung?" Nein, eine ganz normale, erfahre ich. Aber dass sich der Korb beim Landen auf die Seite legt, muss ja nicht jedem Ängstlichen auf die Nase gebunden werden. Sekretärin Elke und Lackierermeister Michael leuchtet das Glück der Höhe noch aus den Augen. Ihr Entschluss steht schon fest: Im Winter wollen sie im Ballon über die Alpen, in viereinhalb Stunden von Bayern nach Italien, so schnell ist kein Porsche.

Im dunklen Abendhimmel schreit ein Vogel, eine Wolke segelt ins nächtliche Blau. Jetzt erst löst sich langsam die Spannung: Wir waren wirklich oben, dem Himmel ganz nah!

Autor: Angela Meyer-Barg