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Hunde sind für Groß und Klein geeignete Tier-Therapeuten

Hunde in Altersheimen sorgen für frohe Momente und Streicheleinheiten; Bild: © dpa

Hunde, Delfine und Co. - wie Tiere heilen

Tierische Therapeuten

Wie Tiere heilen

Simon sitzt im Rollstuhl. Wenn er spricht, dann leise, langsam und mit großer Anstrengung. Alle Bewegungen fallen dem Neunjährigen schwer, seine rechte Körperseite benutzt er kaum.

Hunde als Tier-Therapeuten

Dann geht die Tür auf. Lotta, eine Hundedame mit langem, schwarz-weiß marmoriertem Fell, tapst herein. Sie schnüffelt an Simons Hand und an seinen Knien, tänzelt um ihn herum. Der blonde Junge liebt Tiere, seine Miene hellt sich auf. Er streckt die Hand aus und steht langsam auf. Niemand hat ihn aufgefordert, Lotta ist Motivation genug.

"Im Spiel mit dem Hund benutzte Simon seine schwache rechte Hand häufiger als vorher. Er tat freiwillig anstrengende Dinge: Er ging ein paar Schritte und gab laut Kommandos", sagt Logopädin Julia Sömmer, die Simon zehnmal mit Hündin Lotta besucht hat. "Die Therapie ist keine Streichelstunde. Sie spornt Kinder zu großen Leistungen an."

Im November hatte der aufgeweckte, sportliche Junge aus Esslingen bei einem Verkehrsunfall ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Sieben Wochen lang lag er im Koma und wurde auf die neuropädiatrische Station der Schön Klinik im bayerischen Vogtareuth verlegt, die auf junge Wachkoma-Patienten spezialisiert ist. Seit 2004 setzt die Abteilung Hunde-Therapie als ergänzende Maßnahme ein. "Die tiergestützte Therapie hat das Aufwachen von Simon gefördert und beschleunigt", bestätigt der leitende Arzt Dr. Gerhard Kluger.

Warum Hunde als Tier-Therapeuten?

"Der Kontakt mit Hunden ist angenehm und spricht eine ursprüngliche Art der Kommunikation an", so Kluger. "Außerdem gehen Hunde vorbehaltlos auf schwerbehinderte Kinder zu." Selbst Kinder im Dämmerschlaf profitieren, wenn Lucy, Momo, Lotta oder einer der vier anderen Hunde um ihr Bett streifen. "Wunder darf man nicht erwarten", sagt Kluger. Doch die kleinen Patienten zeigen Reaktionen bei Puls, Atmung, Muskeltonus.

In Alten- und Pflegeheimen sorgen Hunde schon etwas länger für frohe Momente und Streicheleinheiten. Hier geht es – anders als in Vogtareuth – mehr um das Fördern und Vermitteln von Lebensfreude als um konkrete medizinische Ziele.

Pferde und Delfine als Heiltiere

Neben Hunden sind Pferde und Delfine die bekanntesten "Heiltiere". Die Hippo-Therapie ist eine bewährte krankengymnastische Behandlung: Patienten reiten langsam in der Gangart Schritt und nehmen dabei Schwingungen auf, die vom Rücken des Pferdes ausgehen und Koordination, Motorik und Muskulatur stärken.

In den 80er-Jahren erregte der amerikanische Verhaltensforscher David E. Nathanson Aufsehen mit seiner Behauptung, schwerbehinderte Kinder würden beim Kontakt mit Delfinen viel besser lernen. Hierzulande forscht die Psychologin Dr. Eva Stumpf von der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg zu dem Thema. "Wir haben viele Hinweise darauf, dass Delfin-Therapie wirkt", so Reha-Expertin Stumpf, die in der ersten Projektphase 118 Kinder mit Downsyndrom, Autismus und anderen schweren Behinderungen behandelt hat.

Ergebnis: Die Teilnehmer wurden während des fünftägigen Programms im Delfinarium des Tierparks Nürnberg offener, die Kommunikation zwischen Eltern und Kind verbesserte sich. Die ersten zwei Einheiten finden am Beckenrand statt. Am dritten Tag werden die Kinder ins Wasser geleitet, können mit den Meeressäugern durch das Wasser gleiten, Kommandos geben und die Delfinhaut streicheln, die sich anfühlt wie nasse Seide.

Warum ziehen uns gerade Delfine so an? "Sie wirken auf Menschen hochattraktiv. Ihr starres Gesicht scheint immer zu lächeln", so Stumpf. "Ein Großer Tümmler wirkt harmlos und niedlich, obwohl er drei Meter lang ist."

Bis 2012 läuft die zweite Projektphase mit 60 Kindern. Der Andrang ist groß: 3000 Familien stehen auf der Warteliste. Weil es in Deutschland nur dieses eine Projekt gibt, aber Proteste von Tierschützern, weichen viele Eltern ins Ausland aus.

Organisationen wie "Dolphin Aid" sammeln Spenden, um Familien die teure Reise in internationale Therapiezentren zu ermöglichen. "Delfine erspüren die Probleme eines Kindes, sie sind wie Türöffner", ergänzt der Münchener Psychologe Prof. Rolf Oerter. Die Filmdoku "Der Delfinjunge" erzählt die Geschichte eines traumatisierten Teenagers, der durch den Kontakt mit Delfinen ins Leben zurückfand (siehe TV-Tipp rechts).

Therapie mit Eseln

Mit solch exotischen Bildern kann die Umweltpädagogin Sandra Thyke aus Bielefeld nicht aufwarten. Ihre Kollegen Carla und Pedro haben graues Fell, Puschelohren und gelten als störrisch. "Die Sturheit ist Vorsicht", so Thyke. "Wenn Esel Angst haben,
bleiben sie einfach stehen."

Diese Ruhe weckt Vertrauen: Ina* (24) kommt seit zwei Jahren zur Esel-Therapie. Die Autistin scheut Nähe, spricht nicht und bewegt sich kaum. Mittlerweile legt sie ihre Hand auf Carlas weiches Fell und geht mit der Eselin 20 Minuten im Wald spazieren. Ein riesiger Erfolg.

"Tiere sprechen unsere archaischen Instinkte an", erklärt Sandra Thyke. Und Simon, der Junge aus Vogtareuth? Sein Gang ist noch etwas staksig, beim Schreiben zittert die rechte Hand. Seine Eltern haben ihm den Welpen Elli geschenkt. Im Juni wird er entlassen und soll auf eine normale Schule gehen. "Egal wie seine Mitschüler auf sein Handicap reagieren, der Hund macht ihm große Freude und motiviert ihn, sich zu bewegen", sagt seine Mutter. "Elli ist sein neuer bester Freund."

Ungewöhnliche Tier-Therapeuten

Jede Kreatur hat ganz besondere Eigenarten. So können sie uns fördern sowie Körper und Seele helfen.

Huhn, Heuschrecke und Co. als Tier-Therapeuten

Sie heißen Hans im Glück, stolzer Amadeus, fleißiges Schneeweißchen, entschleunigter Jonathan. Hinter diesen illustren Namen verbergen sich ein Meerschweinchen, ein Hahn, ein Kaninchen und eine Schildkröte. Das Quartett macht nur einen Teil des kleinen Zoos von Cornelia Drees aus.

Die Biologin führt einen Naturerlebnishof in Worpswede bei Bremen. Mit ihren Tieren, die von klein auf an Menschen gewöhnt sind, besucht sie Altenheime, psychiatrische Einrichtungen, Kindergärten und Schulen. "Ich möchte anderen die Natur als Kraftquelle erschließen und sehe mich dabei als Dolmetscherin", so Drees.

Jedes Tier, erzählt sie mit ansteckender Begeisterung, habe seine besondere Eigenart, die sich gezielt für die tiergestützte Förderung einsetzen lasse. Auch Hühner? In Altenheimen? "Ja. Manche mögen kuschelige Felltiere nicht", erklärt Drees. "Sie bevorzugen Vögel mit weichem Federkleid." Zudem würden viele Demente gern Hühner füttern – eine Handlung, an die sie sich intuitiv erinnern.

Bei Jugendlichen bricht Drees das Eis mit Insekten. Eine große Attraktion ist die gefährlich aussehende Gespensterheuschrecke. "Letztlich kann uns jede Tierart bereichern und fördern", so die Überzeugung der Biologin.

Minischweine als Heilschweine

Physiotherapeuten wie Daan Vermeulen aus Gelsenkirchen lassen die Sau raus – rein beruflich (www.vermeulen-therapie.de). Mit seinen Minischweinen Felix und Rudi besucht Vermeulen Alten- und Pflegeheime. Allein die Anwesenheit der Eber lockert den monotonen Heimalltag auf und löst heilsame Reaktionen aus.

Lama-Therapie

Während die meisten domestizierten Tiere auf Menschen zugehen, bleiben Lamas eher distanziert. Diese Eigenschaft nutzen Heilpädagogen in der Lama-Therapie bei Patienten, die Probleme mit Nähe haben.

Infos & Adressen

Dolphin Aid

Der Düsseldorfer Verein sammelt Spenden, um kranken Kindern eine Delfin-Therapie zu ermöglichen.
Tel. 0203/74 62 80
www.dolphin-aid.de

Institut für soziales Lernen mit Tieren

Ausbildungs-Akademie und Therapie-Angebote u. a. mit Pferden in Lindwedel.
Tel. 05073/92 32 82
www.lernen-mit-tieren.de

Tiere fördern Menschen Mobiler Naturerlebnishof von Cornelia Drees, Worpswede

Hühner, Schafe, Ziegen, Kaninchen u. v. m.
Tel. 04792/954 48 98
www.tiere-helfen.eu

Esel-Therapie Sandra Thyke, Bielefeld

Tel. 0176/96 36 45 54
www.heilsamer-dialog.de

Autor: Dagmar Weychardt