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Meine Ernte

Das Unternehmen "Meine Ernte" vermietet Beete für Freizeitgärtner an bundesweit 15 Standorten. - Foto © picture alliance / dpa

Glückliches Landleben

Landlust

Immer mehr Menschen zieht es in die Natur – selbst typische Großstädter. Woher kommt ihre Sehnsucht? Drei ungewöhnliche Geschichten.

Einfach überwältigend, ihr grünes Kleid! Und wie gut sie riecht mit ihrem sinnlichen Blütenduft. Dazu dieses Wispern in den Wipfeln, diese Anziehungskraft. Keine Frage, die Natur ist zurzeit die größte Verführerin des Landes. In voller Blüte stehend, umschwärmt von bunten Faltern und Vögeln, kriegt sie jeden mühelos rum.

Miet-Beete für Naturliebhaber

Nicht mal abgebrühte Großstädter können ihr widerstehen: Mittlerweile suchen auch sie immer öfter ihre Nähe – zum Beispiel, indem sie sich ein Miet-Beet im Grünen zulegen. Die Idee dazu hatten die beiden Betriebswirtinnen Natalie Kirchbaumer und Wanda Ganders, die vor zwei Jahren das Unternehmen "Meine Ernte" gründeten (www.meine-ernte.de). Seitdem konnten sie viele Landwirte davon überzeugen, einen Teil ihrer Äcker an das Projekt zu verpachten.

An bundesweit 15 Standorten, darunter in und um Berlin, Köln und Frankfurt, können sich Naturliebhaber mittlerweile ein Beet mieten, um eigenes Gemüse zu ernten. "Wir pflanzen eine Auswahl vor, etwa Kartoffeln, Tomaten, Karotten und Salate", sagt Natalie Kirchbaumer. "Viele Menschen haben ja keine Erfahrung mit Aussaat und Gartenarbeit, aber wenn der Anfang gemacht ist, sind die Weichen schon mal auf Erfolg gestellt." Jeder Garten lässt dabei noch Platz für individuelle Wünsche, zum Beispiel für Blumen: "Da schneiden sich Frauen gern ihr Sträußchen ab und nehmen es mit nach Hause." So erinnert man sich auch in der Stadt an sein kleines Stückchen Land vor den Toren der Metropole.

Ganz genau ist dieses "Land" übrigens 45 Quadratmeter groß und kostet pro Saison 179 Euro Miete, der Familiengarten mit 85 Quadratmetern liegt bei 329 Euro. Die Freizeitgärtner sind so verschieden wie ihre Motivation: "Manche finden es gut, draußen zu sein und sich zu bewegen", berichtet Natalie Kirchbaumer, "anderen ist es wichtig zu wissen, was in ihrem Gemüse steckt. Familien wollen meist ihren Kindern zeigen, wie das Grünzeug eigentlich wächst." Für viele sei das Wühlen in der Erde auch ein schöner Ausgleich zum Büroalltag: "Neulich", so die junge Unternehmerin, "erzählte mir ein Landwirt, dass er morgens um sieben Uhr einen Mann beim Gießen seiner Pflanzen sah – in Anzug und Gummistiefeln. Das ist doch schön."

Gummistiefel sind neben dem Erntekorb das Einzige, was man mitbringen muss, die Gartengeräte werden zur Verfügung gestellt, genauso wie das Gießwasser. Wer Hilfe braucht oder Fragen hat, kann jede Woche die Gärtnersprechstunde besuchen. "Wir möchten den Menschen ein echtes Naturerlebnis bieten", sagt Kirchbaumer, "und gleichzeitig einen Rückzugsort schaffen."

Landlust am Starnberger See

In der Natur einfach mal abschalten, das mag auch Fischerin Gisela Kirner. Morgens zwischen fünf und sechs Uhr fährt sie hinaus auf den Starnberger See, entweder allein oder mit ihrer Tochter Katrin: "Es ist wahnsinnig schön zu sehen, wie die Sonne aufgeht, wie ihre Strahlen langsam durch den Nebel brechen und der Tag klar wird. Man kann so schön seinen Gedanken nachhängen." Dabei wollte sie ursprünglich nie Fischerin werden, sondern Lehrerin – doch dann heiratete sie in eine Familie ein, die Fischrecht für den See besitzt.

Dieses Privileg wird vererbt und kann nur nach einer Meisterprüfung genutzt werden. Da ihr Ehemann voll berufstätig war, beschloss Gisela Kirner, die als junge Mutter damals viel Zeit zu Hause verbrachte, selbst die Prüfung zu machen und das Fischrecht zu wahren. "Am Anfang war das für mich nur eine Pflichterfüllung", gibt sie zu. "Ich kam aus München, hatte nichts mit Wasser zu tun, außer im Schwimmbad." Inzwischen mag sie ihre Aufgabe sehr. "Man wird süchtig nach dem See, nach Wasser, nach der Weite. Es wird einfach zum Lebensinhalt." Schließlich gilt es nicht nur, dem See seine Renken, Hechte, Forellen und Zander zu entlocken, Gisela Kirner verarbeitet die Fische auch und verkauft sie im eigenen Laden.

Wer so abhängig ist von der Natur, braucht viel Unterstützung – etwa wenn auf dem See ein Unwetter losbricht. Dann helfen sich die Fischer, streng betrachtet Konkurrenten, gegenseitig beim Leeren der Netze. Zum Glück ist im Dorf Verlass auf den großen Zusammenhalt: "Man ist geborgener als in der Stadt und wird bei Problemen von den Menschen im Dorf aufgefangen", sagt Gisela Kirner. "Dieses hilfsbereite Miteinander ist ein Traum."

Landleben im Wendland

Auch die Hamburger Journalistin Irmgard Hochreither weiß mittlerweile die Vorzüge des Landlebens zu schätzen – obwohl sie als überzeugte Großstädterin eigentlich nie Interesse daran hatte. Entsprechend entsetzt reagierte sie zunächst auf den Vorschlag ihres Lebensgefährten, sich ein Wochenenddomizil im Wendland zu mieten: "Du willst mich in die Pampa verschleppen? Was soll ich in der deutschen Provinz?" Trotzdem begleitete sie ihn auf einer Erkundungstour. Und dann war es Liebe auf den ersten Blick. das Glück der Erde "Es war diese Kombination aus den herzlichen Menschen, die auf dem Hofgelände wohnten, ihrem Hund und dem Bauernhaus mit dem schönen großen Garten. Plötzlich konnte ich mir unheimlich gut vorstellen, am Wochenende dort zu sein", sagt Irmgard Hochreither.

Sie, die früher nie mit einem grünen Daumen gesegnet war, buddelt jetzt in der Erde, legt begeistert Hochbeete an, befreit Kopfsteinpflaster von Unkraut, beschneidet Bäume und Büsche. "Ich hätte es nie gedacht, aber es gibt einem ein befriedigendes Gefühl, das man rational gar nicht erklären kann", gesteht sie. "Etwas anzupflanzen und zu sehen, wie es wächst und blüht, hat etwas Kreatives." Und dann all die Tiere! "Vögel, riesige Formationen von Kranichen, Wildgänse, Fischadler, das war für mich alles ein Abenteuer und ist bis heute faszinierend."

Nicht ohne Stolz erzählt sie, wie sie in ihrer Küche einmal eine kleine Maus mit Zwieback in ein leeres Marmeladenglas lockte und zurück aufs Feld trug. Am meisten aber freut sich Irmgard Hochreither jeden Freitagabend auf ihre Hündin, die unter der Woche im Dorf versorgt wird. Noch so eine spontane Liebe, die viel Neues gebracht hat: "Am Wochenende war ich immer Morgenmuffel und Langschläfer, das hat sich total verändert. Ich stehe jetzt um sieben Uhr auf und laufe mit meiner Hündin durch die Wälder – das war von Anfang an eine große Freude." Hat sich sonst noch etwas verändert? "Ich bin gelassener geworden. Außerdem sind Werte wie Statussymbole und Markenkleidung weniger interessant. Das hat etwas Befreiendes."

Autor: Melanie Schirmann